Kriminalität in Berlin

Drogenkonsum in U-Bahnhöfen: Zahl der Delikte steigt rasant

In Berlin gibt es immer mehr Drogentote. Mittes Bezirksbürgermeister von Dassel fordert eine kontrollierte Abgabe der Rauschgifte.

Polizisten nehmen Dealer fest, die auf der U-Bahnlinie U8 mit Drogen gehandelt haben (Archivbild).

Polizisten nehmen Dealer fest, die auf der U-Bahnlinie U8 mit Drogen gehandelt haben (Archivbild).

Foto: Thomas Peise

Berlin. Der Drogenkonsum im Berliner Nahverkehr steigt weiter an. Das belegen Zahlen, die der Berliner Morgenpost vorliegen. In der S-Bahn haben sich die erfassten Straftaten in den vergangenen Jahren demnach fast verdoppelt. Auch entlang der U-Bahnlinie 8 nehmen die Drogendelikte weiter zu.

In internen Statusmeldungen an den Berliner Senat schreiben Straßensozialarbeiter aus Neukölln, dass sie überlastet seien und es immer mehr Beschwerden aus der Bevölkerung gebe. Besonders betroffen seien die U-Bahnlinien U8, U7 und U9. Eine Auswertung zur U8 hat ergeben, dass die Zahl der Straftaten an allen Bahnhöfen angewachsen ist. Besonders betroffen sind die Stationen Schönleinstraße, Boddinstraße und Leinestraße.

Auch in den S-Bahnen spitze sich die Lage zu. Vor allem die Bahnhöfe Ostkreuz, Ostbahnhof, Hauptbahnhof, Alexanderplatz, Warschauer Straße, Lichtenberg, Schöneweide und Gesundbrunnen seien betroffen. In der S-Bahn haben sich Handel und Konsum in den vergangenen Jahren laut Polizei nahezu verdoppelt – von 597 Straftaten im Jahr 2015 auf 1077 im Jahr 2018. Bis Juli dieses Jahres waren es bereits 802 Straftaten.

Bezirk Neukölln ist besonders betroffen

Die Polizei verweist darauf, dass Drogenhandel und -konsum Kontrolldelikte seien. Das heißt: Wird mehr kontrolliert, wird auch mehr festgestellt. Allerdings hat Berlin kein einheitliches Lagebild zu Drogenstraftaten. Fest steht nur: Im Jahr 2018 stieg die Zahl der erfassten Rauschgiftdelikte in ganz Berlin um 7,4 Prozent auf den Rekordwert von 17.266. Auch die Zahl der Drogentoten nahm von 168 im Jahr 2017 auf 191 im Jahr 2018 zu – der höchste Wert der vergangenen zehn Jahre. Das Berliner U-Bahn-Netz fungiere dabei vielfach als Verteilnetz. Im gesamten Nahverkehr wurden 13,8 Prozent mehr Drogen-Straftaten registriert.

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Auch der Neuköllner Jugendstadtrat Falko Liecke (CDU) schlägt Alarm. Er beruft sich auf die sehr stark gestiegenen Nutzungszahlen mobiler und stationärer Suchthilfeangebote. Immer mehr Menschen konsumierten Drogen. „Die Suchthilfestrategie des Senats ist gescheitert“, sagt Liecke. Allein in Neukölln seien im Jahr 2018 mehr als 3600 benutzte Spritzen eingesammelt worden – viele davon im Umkreis von U-Bahnlinien, in Grünanlagen und auf Kinderspielplätzen. Bis Mai dieses Jahres wurden bereits mehr als 1500 neue Spritzenfunde gemeldet.

In einem Monatsbericht von Sozialarbeitern an die Senatsverwaltung heißt es: „Die bezirkliche Straßensozialarbeit ist mit der hohen Anzahl genannter Orte überlastet“. Seit August dieses Jahres sei ein eklatanter Anstieg von Anwohnerbeschwerden, besonders entlang der U-Bahnlinien 7 und 8, zu verzeichnen. Meldungen über Konsum in Hauseingängen und auf Friedhöfen würden sich häufen.

Liecke fordert daher, dass die Bezirke zusätzliche Konsummobile erhalten und Brennpunktbahnhöfe mit intelligenter Videotechnik ausgestattet werden. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) lehnen ein solches Vorgehen jedoch ab.

Immer mehr Obdachlose bedeuten auch, es werden mehr Drogen konsumiert

Dass in Berlin immer mehr Drogen in U-Bahnhöfen, Parks und auf Straßen genommen würden, bestätigt auch die Landesdrogenbeauftragte Christine Köhler-Azara. Ursächlich dafür sei auch die zunehmende Zahl obdachloser Menschen, unter anderem durch die Zuwanderung aus Osteuropa. Als weiteren Grund nannte Köhler-Azara die hohe Zahl von Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan, Iran und Irak. „Grundsätzlich kann man sagen, dass ein Teil dieser Menschen schwer traumatisiert und suchtkrank ist“, sagt sie.

Auch im Bezirk Mitte gebe es kaum einen Platz, der nicht von der Drogenthematik betroffen sei, sagte Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) im Gespräch mit der Berliner Morgenpost. Er forderte, dass Abhängige ihre Drogen von öffentlichen Stellen frei beziehen können. „Aus meiner Sicht muss es die kontrollierte Abgabe der bis dato konsumierten Drogen geben.“ Damit könne der Beschaffungskriminalität, dem öffentlichen Konsum und auch einer gesundheitlichen Verschlechterung der Konsumenten deutlich entgegengewirkt werden, so der Bezirksbürgermeister.