Übergriffe

Wo es in Berlin schwere Sexualstraftaten gibt

In Berlins Szenekiezen finden die meisten Übergriffe statt. Die Polizei meldet wegen des Opferschutzes keine Taten.

Sexualstraftaten in Berlin

Sexualstraftaten in Berlin

Foto: BM Infografik

In den Berliner Szenekiezen gibt es die meisten schweren sexuellen Übergriffe. Das ist das Ergebnis einer umfangreichen statistischen Erhebung der Senatsinnenverwaltung auf eine Anfrage des Abgeordneten Marcel Luthe (FDP, fraktionslos), die der Berliner Morgenpost vorab vorliegt. Die Antwort ist mit 97 Seiten auch eine der umfangreichsten dieser Legislatur.

Luthe wollte unter anderem für jeden einzelnen Berliner Postleitzahl-Bereich wissen, wie viele sexuelle Übergriffe es in diesem Jahr bereits gegeben hat. Innenstaatssekretär Torsten Akmann antwortete Luthe mit Seiten voller Zahlenkolonnen. Die Berliner Morgenpost hat diese Daten ausgewertet und in einer Grafik zusammengefasst. Es ist das erste Mal, dass zu diesem Deliktsbereich, für den es nur Aussagen für ganz Berlin gibt, so umfangreiches Zahlenmaterial veröffentlicht wurde.

Sexualstraftaten in Berlin: Alle acht Stunden ein schwerer Übergriff

Demnach fand in Berlin vom 1. Januar bis 12. August dieses Jahres alle acht Stunden ein schwerer sexueller Übergriff oder eine Vergewaltigung statt. Die meisten Taten pro 100.000 Einwohner fanden in Mitte, gefolgt von Friedrichshain-Kreuzberg und Charlottenburg-Wilmersdorf statt. Die wenigsten Taten wurden in Steglitz-Zehlendorf verzeichnet.

Mit 16 Übergriffen in diesem Jahr ist der Bereich um die Pankstraße (Gesundbrunnen) der Ort in der Stadt mit den meisten sexuellen Übergriffen. 14 Straftaten wurden im Ausgehviertel zwischen East Side Gallery und RAW Gelände in Friedrichshain erfasst. Aus der Statistik heraus fällt auch eine Häufung von 13 Taten in Hellersdorf um die Riesaer Straße.

Durch die vorgelegten Zahlen ist auch das erste Mal eine zeitliche Ebene darstellbar. Demnach passierten die meisten Taten in der neunten und zehnten Kalenderwoche dieses Jahres, also Ende Februar und Anfang März.

Zu Sexualdelikten gibt es in der Regel keine Pressemeldungen

Marcel Luthe sagte der Berliner Morgenpost: „Wir müssen die Taten und deren Umstände - Ort, Zeit, Täterkreis - offen kommunizieren, um potenzielle Opfer zu warnen und so zu schützen“. Alles andere sei kein Opfer-, sondern Täterschutz. Luthe wollte von der Innenverwaltung nämlich wissen, warum es so selten Meldungen zu Sexualstraftaten gebe. In ihrer Antwort wies die Innenverwaltung darauf hin, dass in der Regel zu Sexualdelikten aus Gründen des Opferschutzes keine Polizei- und Pressemeldungen geschrieben werden, „um eine Retraumatisierung des Opfers zu vermeiden“.

Zuletzt hatte etwa die die mutmaßliche Vergewaltigung einer 15-Jährigen am Flughafensee für Diskussionen gesorgt. Die Polizei hatte den Fall erst auf Nachfrage mehrerer Medien öffentlich gemacht. Der Tatverdächtige ist namentlich bekannt. Bei ihm soll es sich um einen polizeibekannten Mann handeln, der zwar nicht einschlägig, aber wegen vieler anderer Delikte vorbestraft ist. Auch in diesem Fall hatte die Polizei mit Opferschutz argumentiert, weshalb man die Tat nicht öffentlich gemacht habe. „Um der Gefahr einer sekundären Viktimisierung der geschädigten Person vorzubeugen (z.B. durch Medienberichterstattung), wird von Seiten der Polizei Berlin die Öffentlichkeit grundsätzlich nicht über Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung informiert“, heißt es von der Behörde.


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„Es wird Zeit, die Innere Sicherheit vom Kopf wieder auf die Füße zu stellen. Polizeiliche Priorität kann nicht die Verfolgung von Ordnungswidrigkeiten, sondern nur der Schutz der Bürger vor Schwer- und Schwerstkriminalität sein“, sagte hingegen Luthe.

Anstieg bei der Verbreitung von Kinderpornografie

Auch in der jährlich vorgestellten polizeilichen Kriminalitätsstatistik spielen „Taten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ eine große Rolle. Unter dieser Kategorie werden etwa Vergewaltigung, sexuelle Übergriffe und Belästigung sowie Kinderpornografie gezählt. Die Gesamtzahl der erfassten Fälle stieg 2019 auf 4809. Das entspricht einem Anstieg von 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, als es noch 4181 Fälle waren. Zum Vergleich: 2010 waren es noch 2777.

Unklar ist, in welchem Ausmaß der Anstieg auf eine höhere Anzeigebereitschaft in Folge einer gewachsenen Sensibilität zurückgehen könnte, hieß es bei der Vorstellung der Statistik. Auch eine veränderte Gesetzeslage könnte für die gestiegenen Zahlen verantwortlich sein.

Besonders besorgniserregend erscheint der Anstieg aber bei der Verbreitung von Kinderpornografie. Die Polizei registrierte hier im vergangenen Jahr 592 Fälle. Gegenüber 2018 entspricht das einem Anstieg von fast 90 Prozent. Auch bei Vergewaltigungen, sexueller Nötigung und sexuellen Übergriffen gab es einen Anstieg von 12,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf 1431 Fälle. Mit dem nun vorgelegten Zahlenwerk der Innenverwaltung wird zum ersten Mal deutlich, wie sich diese Fälle auf Berlin verteilen.

Verschärfung des Sexualstrafrechts

Ende 2016 wurde in Deutschland das Sexualstrafrecht verschärft. Demnach macht sich künftig nicht nur strafbar, wer Sex mit Gewalt oder Gewaltandrohung erzwingt. Es soll vielmehr ausreichen, wenn sich der Täter über den „erkennbaren Willen“ des Opfers hinwegsetzt. Dann drohen bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe.

Neu ist auch der Straftatbestand der sexuellen Belästigung. Er verbietet, einen Menschen in sexuell bestimmter Weise zu begrapschen und dadurch zu belästigen. Unter Strafe gestellt werden außerdem Straftaten aus einer Gruppe heraus wie bei den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht in Köln.