Wohnungsnot in Berlin

Warum es junge Familien von Berlin nach Brandenburg zieht

Der Speckgürtel boomt. Viele junge Familien kaufen Immobilien im Umland, weil Berlin zu teuer geworden ist. Ein Hausbesuch.

Das Glück wohnt im Grünen: Das  Traumhaus von Familie R.  in Basdorf bei Wandlitz

Das Glück wohnt im Grünen: Das Traumhaus von Familie R. in Basdorf bei Wandlitz

Foto: Reto Klar

Berlin. Knapp 5500 Einwohner, eine Stadtbi­bliothek, drei, vier Restaurants und Supermärkte. Der letzte direkte Zug nach Berlin fährt am Wochenende um 23.40 Uhr. Willkommen in Basdorf, ein Ortsteil der Gemeinde Wandlitz in Brandenburg. Vor zwei Jahren zogen die Eheleute Anna und Lars R. aus Berlin-Hermsdorf hierher. Die Art-Direktorin und der Mediendesign-Professor leben mit Tochter Lisa (5) und Sohn Hans (2) nun in einem Einfamilienhaus auf 200 Quadratmetern, verteilt auf zwei Stockwerke, mit einem 850 Qua­dratmeter Garten.

Darin: Eine Rutsche, ein Sandkasten, ein Kompost. Es gibt genug Platz, um Tomaten und Kräuter zu pflanzen, und auf der Ostseite gibt es eine Terrasse, auf der sie im Sommer sitzen und mit Gästen grillen oder zu Kaffee und Kuchen einladen können. Eine Idylle im Grünen, wie sie Anna aus ihrer eigenen Kindheit kennt. „Ich komme aus einem Dorf in Franken mit einer relativ stabilen Einwohnerzahl von ungefähr 90. Als die Kinder zur Welt kamen, wollte ich für sie auch ein Haus mit einem Garten , in dem sie spielen können“, sagt sie.

Dieses Haus hat sie in Berlin nicht gefunden, denn hier ist der Traum vom eigenen Heim mit Garten für Normalverdiener mittlerweile zur kühnen Fantasie geraten. Das bekam die Familie dann auch schnell zu spüren, als sie sich auf die Suche nach einer Immobilie machten. Sie suchten drei Jahre, allerdings mit Unterbrechungen, sagt Anna. „Wir waren dabei entspannt bis unengagiert. Wir sind beide berufstätig und haben zwei Kinder. Es wäre zeitlich gar nicht anders machbar gewesen“, sagt sie. „Eine intensive Suche artet ja schnell in eine Art Nebenjob aus. Wir haben uns also in drei Jahren rund 50 Wohnungen und Häuser angesehen. Davon kamen eigentlich nur fünf Immobilien überhaupt in Frage.“

Zunächst konzentrierten sie sich bei ihrer Suche auf Hermsdorf und Frohnau, denn hier fühlten sie sich wohl, sie schätzten die Nähe der Stadt, das fast schon dörfliche Umfeld, die Natur. Nur waren die Kaufimmobilien hier rar gesät, und wenn dann doch einmal etwas auf den Markt kam, war es für die Familie zu teuer oder zu klein. Da sie in Hermsdorf ohnehin nur sieben Kilometer von der Grenze zu Brandenburg wohnten, war es dann auch im sprichwörtlichen Sinne naheliegend, die Suche auf das Umland auszuweiten.

Ein Abschied auf Raten für die junge Familie

Doch etwas Geeignetes war lange nicht dabei. Man müsse schon staunen, was teilweise zum Kauf angeboten werde, berichtet die Familie. Das Highlight aus drei Jahren Suche: „Einmal haben wir uns ein ziemlich heruntergekommenes Haus in Brandenburg angeschaut, das natürlich trotzdem kein Schnäppchen war. In der Waschmaschine war noch die Wäsche von der Vormieterin“, erinnert sich Lars.

Mieten: Berlin ist für Normalverdiener kaum noch bezahlbar
Mieten: Berlin ist für Normalverdiener kaum noch bezahlbar

„Die war nur schon zwei Jahre zuvor ausgezogen.“ Die erste gemeinsame Wohnung war ein kleines Häuschen an der Richardstraße in Berlin-Neukölln. Als Anna mit Lisa schwanger war, wurde ihr auf dem Heimweg in den frühen Abendstunden das Portemonnaie geraubt. Dieser Übergriff und die hohen Mietpreise brachten das Paar dazu, außerhalb Neuköllns nach einer größeren Wohnung für sich und das erste Kind zu suchen. „Damals gab es in der Ecke nichts, was vergleichbar war, und wenn, dann nur zu horrenden Preisen“, sagt Anna. „Wir haben dann sehr schnell gemerkt, dass sogar Immobilien im alten Berliner Westen teilweise günstiger sind, als solche in aufstrebenden Lagen wie Neukölln und Kreuzberg. So kamen wir nach Hermsdorf.“

Sie zogen zur Miete in eine Einliegerwohnung, wussten aber, dass sie eine eigene Immobilie anstrebten. Als sie dann das Haus in Basdorf fanden, ging alles sehr schnell. „Ich habe gleich morgens beim Maklerbüro angerufen, als noch nicht mal jemand in Büro war“, erinnert sich Anna. „Dann kam der Rückruf, die Besichtigung, das übliche Pokern, dass es noch andere Interessenten gibt“, sagt sie. „Ich glaube, damit wollte die Maklerin nur den Preis künstlich nach oben treiben.“ Nachdem die Suche drei Jahre gedauert hatte, brauchten die Eheleute zum Hauskauf gerade mal eine Woche. Und jetzt? Sind sie wirklich so glücklich, wie die Idylle vom Leben auf dem Land mit zwei kleinen Kindern und einem riesigen Garten nahelegt? Größtenteils: Ja.

„Neulich brauchte ich einen neuen Personalausweis, nach fünf Minuten hatte ich die Behörde schon verlassen und ihn beantragt, zehn Tage später war er da“, sagt Lars. „Und: Ich habe auch für das Abholen nur fünf Minuten gebraucht.“ Als er diese für Nicht-Berliner eher gewöhnliche Tatsache schildert, glänzen seine Augen wie bei einem Kind an Weihnachten, was genauso viel über die miserable Verwaltung Berlins wie über den sehr jung gebliebenen Familienvater sagt. Denn er hatte vor dem Umzug durchaus Bedenken. „Für mich war es ein Schritt, der mich Überwindung gekostet hat. Ich habe die letzten 20 Jahre in Städten gelebt und hatte eine innerliche Blockade, was das Leben auf dem Land angeht“, sagt er.

Wo Sie sich Berlin noch leisten können - Interaktiv

Anna war von solchen Gefühlen zwar nicht ganz so befangen, dennoch findet sie, dass es nicht nur Vorteile hat, auf dem Land zu wohnen. „Man ist schon immer auf sein Auto angewiesen und verbringt viel Zeit damit, zu pendeln“, sagt sie. „Ich versuche, die Zeit im Auto wenigstens produktiv zu nutzen, Telefonate zu führen, oder Podcasts zu hören, die mich interessieren.“

Damit hat sie, ohne es zu wollen, den durch viele Studien belegten, großen Nachteil des Landlebens (in Verbindung mit einer beruflichen Tätigkeit in der nächstgelegenen Stadt) benannt: Den negativen Einfluss, den das Pendeln auf das subjektive Glücksempfinden hat. „Pendeln kostet Energie, macht unglücklich und wer mehr als eine Stunde pendeln muss, ist auch weniger produktiv“, sagt Professor Konstantin A. Kholodilin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

„Allerdings übersteigt bei manchen sicherlich der Stress, der durch den finanziellen Druck in der Stadt entsteht, die Belastung, die mit dem Pendeln kommt. Dann ist es sinnvoll, in die Peripherie oder aufs Land zu ziehen.“ Der Wirtschaftswissenschaftler hat außerdem im Zuge einer Studie untersucht, worauf das Wachstum Berlins zurückzuführen ist. Die Auswertung hat ihn überrascht, denn es zeigte sich, dass es nicht die Deutschen sind, die aus der Provinz nach Berlin kommen, auf deren Konto das Wachstum geht, sondern vor allem Menschen, die aus dem Ausland hierherkommen. Er hatte das nicht vermutet.

Wie erklärt sich das Wachstum in Berlin?

Die Zahl der Brandenburger, die nach Berlin ziehen, ist niedriger als die Zahl der Berliner, die nach Brandenburg ziehen. „Der Saldo zwischen Berlin und Brandenburg ist schon seit Jahren negativ. Nur bei der Generation zwischen 18 und 35 Jahren übersteigt die Zahl der Zugezogenen aus Brandenburg die der Berliner, die aus der Stadt wegziehen“, sagt er. Das liege daran, dass man am ehesten aufs Land ziehe, wenn man eine Familie gründet und mit seinen Kindern ins Grüne will.

Zwischen 18 und 35 wohne man hingegen eher in einer Stadt, studiere oder sammele erste Berufserfahrungen. In dieses Raster passt die Familie: Beim Umzug waren die Kinder 3 und 1, die Eltern in Berlin beide beruflich angekommen, der Wunsch nach Ruhe groß. Sie schätzen, dass das Brandenburger Umland die Vorzüge der Peripherie mit denen der Stadt vereint. „Ich bin jeden Tag in Berlin. Das Einzige, was man durch einen Umzug aufs Land natürlich nicht mehr so leicht machen kann, ist es, am Berliner Nachtleben teilzunehmen“, sagt Lars. „Aber das macht man mit kleinen Kindern natürlich ohnehin nicht.“ In diesem Moment kommt, wie um den Punkt des Vaters zu untermalen, aus dem Wohnzimmer ein ziemlich lauter Krach, die Kinder haben etwas umgeschmissen. Wer braucht da schon Nachtleben.

Mehr zum Thema:

Diese Gemeinden in Brandenburg sind am stärksten gewachsen

Das südliche und westliche Umland gilt als Boomregion

Angst vor Verdrängung: Die Ohnmacht der Mieter in Berlin

Gestrandet in Berlin - Zwei Koffer, aber keine Wohnung

Was Zugezogene bei der Wohnungssuche wissen müssen

Senioren am Wohnungsmarkt: "Es gibt keine Sicherheit mehr"

Modernisierung der Wohnung: So können sich Mieter wehren