Berliner Spaziergang

Auf der Bühne des Lebens

Mit Thomas Ostermeier, dem Künstlerischen Leiter der Schaubühne, geht es bei einem Spaziergang durch seine Lieblingsecke Berlins.

Beim Berliner Spaziergang geht es dieses Mal mit Thomas Ostermeier, Künstlerische Leitung der Schaubühne, durch Schöneberg

Beim Berliner Spaziergang geht es dieses Mal mit Thomas Ostermeier, Künstlerische Leitung der Schaubühne, durch Schöneberg

Foto: Anikka Bauer

Der Spaziergang startet nicht auf der Straße, sondern in seiner Wohnung. Wie es hier aussieht, das solle man aber bitte nicht schreiben. Gleich im Türrahmen sagt Thomas Ostermeier das. Nur so viel: Der Blick schweift durch moderne Weiten, draußen über Dächer, und die Sonne knallt durch hohe Fenster. Man würde sofort einziehen.

Bevor Ostermeier los kann, muss er noch eben mit zwei Kollegen etwas besprechen. Sie sitzen gerade an Didier Eribons essayistischer Erzählung „Rückkehr nach Reims“. Daraus soll bald ein Theaterstück werden. Wie selbstverständlich nimmt man Platz am großen Tisch. Ungefragt schenkt Ostermeier Kaffee in einen Becher. Danke! Ist der mit Schuss? Klar, das mache er immer so, scherzt er und verrät dann das Besondere im Geschmack: Kardamom und Zimt.

Dass er einen Sinn für Details hat, merkt man auch, als wir unten auf der Straße unsere Route Richtung Winterfeldtplatz starten. So nah neben ihm bemerkt man direkt: Er riecht gut. Sicher naturbelassene Produkte, irgendetwas mit Lavendel, Sanddorn, Mandelöl oder so. Ostermeier gibt sich mit Mittelmaß nicht zufrieden. Da wird wohl auch nur Hochwertiges im Bad stehen.

Wegen seines Drangs, niemals nur Durchschnitt, immer besonders sein zu wollen, hat er als junger Mann schnell die Schauspielerei aufgegeben. Das war noch vor seinem Regiestudium an der Ernst Busch. „Ich habe gemerkt, dass mir das Potenzial fehlt, richtig gut darin zu werden.“

Wegen der Musik kam er nach Berlin

Am liebsten wäre er ja Musiker geworden. Ostermeier, der Bassist. Nur deshalb sei er damals nach Berlin gekommen. Wann verabschiedet man sich von so einer Idee? Eigentlich nie, sagt er. Seine Größe hätte als Musikstar zumindest keine Rolle gespielt. Auch die war für ihn nämlich Argument gegen die Schauspielerei. Eine Liebesszene mit einer anderthalb Köpfe Kleineren hätte albern ausgesehen, fand er.

Ostermeier ist tatsächlich groß. 1,98 Meter. Mit seiner etwas geduckten Haltung passt er sich höflich der Größe des Gesprächspartners an. Während er oben in der Wohnung noch verhalten wirkte – man fragte sich kurz, ob er vielleicht keine Lust auf das Interview habe – scheint er nun entspannt, ganz ohne Eile und richtig da zu sein. Sein schleichendes Tempo ist auch mit halb so langen Beinen machbar.

Er, 48, ist seit 18 Jahren Leiter der Schaubühne. Im Alter von 30 ein Theater zu übernehmen, ist eine Ansage. Ostermeier hatte sein Können schon mit der legendären Baracke am Deutschen Theater bewiesen, die er Ende der 90er-Jahre ins Leben rief. Die eigentliche Herausforderung für den gefeierten Jungregisseur liege ja darin, Kontinuität in der Arbeit aufzubauen, hieß es damals.

Statt Klassikerpflege will er die Sprache ins Heute übersetzen

Ostermeier war keine Eintagsfliege. Wie hat er das geschafft? Darauf gebe es nur eine Antwort, sagt er ohne zu zögern: „Sich immer daran erinnern, warum man mit Theater angefangen hat.“ Und warum? „Weil ich es gehasst habe.“ Gehasst? Langweilig sei es gewesen und verstanden habe er auch nie, worum es ging. Er mache es anders als die anderen, sagt er. Anstelle von Klassikerpflege übersetze er die Sprache ins Heute – sein Merkmal. Ein Journalist habe mal deutschlandweit „Hamlet“-Inszenierungen verglichen, erinnert er sich. Er schrieb, dass viele junge Menschen in Ostermeiers saßen und verstanden, was die Figuren da auf der Bühne sagten. Er gab die Essenz des Texts ohne Attitüde wieder. Aber gerade diese Beiläufigkeit hat einen einschüchternden Effekt.

Es ist geschickt, seine eigene Arbeit durch die Worte anderer zu loben. Das kann man dann so stehen lassen, ohne dabei eingebildet zu wirken. Ostermeier findet sich gut, das merkt man. Der mal kurz zu hell auflodernde Funke Selbstüberzeugung macht ihn allerdings nicht unsympathisch. Irgendwie hat er die Legitimation dafür.

Dieses bisschen Narzissmus – vielleicht muss man es in sich tragen, um über all die Jahre sein Ding unbeirrt durchzuziehen. Ständig öffentlicher Meinungen ausgesetzt, sollte man wohl schon aus Selbstschutz das Gefühl in sich tragen, immer das Richtige, vielleicht das Beste zu tun.

Und irgendetwas scheint ja dran zu sein. Ostermeier hat Preise gewonnen und bereist mit seinem Ensemble die Welt – Gastspiele in 35 Ländern im Jahr. Silvester haben sie in Hongkong verbracht. Er muss überlegen, wo er zuletzt war. Chile! Später fällt es ihm noch ein.

Dass ein deutsches Theater im Ausland so beliebt ist, ist nicht selbstverständlich. Spricht sein Theater eine internationale Sprache? „Unser Haus und viele meiner Inszenierungen haben sich einfach weltweit einen sehr guten Namen gemacht.“ Festivals wüssten um ihre Qualität, sagt er. Da Theater eine bedrohte Kulturform sei, würden sie oft als Garant eingeladen.

Da die Schaubühne keine typische Kantinenkultur hat, passiert das eigentlich Soziale des Ensembles auf diesen Reisen. Im Bestfall fühle es sich nach Bandtour an, meint Ostermeier. Sie alle seien sonst fast schon protestantisch, nur wenig promisk.

Ein bisschen klingt es, als würde er das bedauern und widerlegt dann den Eindruck mit einem Satz, der zeigt wie wenig ihn das Klischee interessiert und wie sehr er von seinen Leuten – unter anderem Lars Eidinger, Nina Hoss, Mark Waschke – überzeugt ist: „Diese halb glamouröse Welt, wo Schauspieler sich gemeinsam betrinken und amourösen Verflechtungen unterliegen – so etwas kommt bei uns eher selten vor.“

Er stammt aus einfachen Verhältnissen

Wir laufen und laufen. Man bemerkt gar nicht, dass wir schon zweimal abgebogen und uns auf direktem Weg zum Winterfeldtplatz befinden. Um sich herum realisiert man kaum mehr etwas anderes als ihn. Mit ihm zu arbeiten, ist sicher ähnlich intensiv.

Plötzlich fragt er, kurz ins Jetzt schwenkend: „Soll ich eigentlich was zu der Gegend hier erzählen?“ Er weist den ausgestreckten Arm schräg nach vorne. Aber uralte West-Berlin-Kneipen sind natürlich nicht so interessant wie er. Ostermeier soll lieber weiter über sich sprechen. Macht er gerne.

Dass er aus einfachen Verhältnissen kommt – Vater niedrigrangiger Berufssoldat, Mutter Verkäuferin. Dass es kein Geld für Italienurlaube gab. Und Abitur nicht im Fokus stand, besser Lehre machen und Facharbeiter werden, hieß es. Als Regieschüler sei er rebellisch gewesen. So wie die jungen Leute heute auch. Das merkt er, wenn er als „Scout“ an die Ernst Busch kommt, um potenziellen Nachwuchs zu entdecken. Zumindest versuchen sich manche dann möglichst unbeeindruckt von ihm zu geben, sagt er. Er selbst war gegen „die alten Meister“, weil sie nie sein soziales Milieu verhandelt hätten. „Wenn ich nur rangelassen werde, werde ich alles anders machen!“ So dachte er damals. Ostermeier erinnert sich an eine Vorstellung Claus Peymanns, deren politische Relevanz er nicht sah. In einer Diskussion habe er ihm das so gesagt, der vor Wut einen roten Kopf bekommen haben soll.

Sein eigener Durchbruch war 1998 mit „Shoppen & Ficken“. Prekäre Kids aus London, deren Lebenswirklichkeit er wiedererkannte. Man wusste nun, mit wem man es zu tun hat, wohin Ostermeier will. Einer, der es wirklich anders macht und seine Arbeit „Angriffstheater“ nannte. Heute sagt er: „Es ist wichtig, nur von Dingen zu erzählen, die man selber erlebt hat.“ Neues könne man nur dann zeigen, wenn es etwas mit dem inneren Erleben, dem Erlebten zu tun hat – sonst würde man schnell nachahmen.

Schauspiel übrigens sei dagegen keine Therapie. Und doch will er, dass immer auch ein bisschen vom Menschen in die Figur fließt. „Ein guter Schauspieler soll von sich selber erzählen wollen, indem er einen Charakter spielt, wie er glaubt, dass er sich verhalten würde – nicht, wie er glaubt, dass sich die Figur verhalten würde.“

Wir sind nun auf dem Markt. Viele Menschen, viele Gerüche, der Blumenmann schreit. Ostermeier steht neben ihm, muss für die Kamera posieren. Plötzlich dreht er sich weg und kauft Tulpen. Für die Fotografin ist es nicht einfach, ihn ruhig zu stellen. Er sucht sich bewusst aus, wann er wem Aufmerksamkeit schenkt. Oder ist sie im Tumult verloren gegangen?

„Ich bin eigentlich immer in Obachtstellung“

Er selbst hat sich mal als Voyeurist bezeichnet. „Ich bin eigentlich immer in Obachtstellung – nach so einem Vormittag muss ich mich erst mal hinlegen.“ Das ist nicht so ganz ernst gemeint, und doch sei seine ungefilterte Aufnahmefähigkeit manchmal belastend.

Dieses ungehemmte Aufsaugen passt zu seiner Leidenschaft: Die Sucht nach Menschen. Das klinge nach Boulevard und solle bitte nicht die Überschrift werden. Er lacht. Aber so sei es nun mal. Menschen kennenlernen, hören, was sie umtreibt, das interessiert ihn. Bei manchen Begegnungen, sagt er, kribbelt es plötzlich in ihm. „Das kann durch etwas ganz Banales ausgelöst werden, ein Satz, eine Geste – bei Frauen wie Männern.“

Vielleicht ist das auch so beim Fischmann auf dem Markt, zu dem er unbedingt will. Ein Bayer, wie er. Ostermeier verfällt kurz in Dialekt. „Pfiat di!“ Dann ist es wohl doch nur der Fisch, der ihn so anfixt. So sehr, dass er sogar den Gesprächspartner zu einem überredet, obwohl der keine Gräten mag. „Und wenn ich sie entferne?“, insistiert er noch mal. Ein paar Minuten später filetiert er sorgfältig den Fisch. Falls er doch welche übersehen hat, warnt er, dürfe man ihn bitte nicht schimpfen. Guten Appetit! Hervorragend! Ihm schmeckt es hörbar. Dann schaut er sich um. Diesen Teil der Stadt, also Schöneberg, möge er wegen seiner Wahrhaftigkeit, hier werde noch gelebt und gearbeitet.

Nun noch einen Kaffee. Muss man als Kunstschaffender eigentlich gelitten haben? Er lacht kurz auf und bejaht vehement. „Sonst hat man ja nichts zu erzählen.“ Leid gibt es auf vielen Ebenen, auch dann, wenn man nie Konflikte austragen musste. Es reiche auch schon, daran zu leiden, dass man auf der Welt ist. „Niemand hat einen ja gefragt, ob man überhaupt geboren werden will.“

Leidlich sei auch manchmal die Arbeit mit Schauspielern. Laufend müssten Befindlichkeiten ausgelotet werden. „Aber man muss dem Schauspieler seine Leistung hoch anrechnen: Sein Instrument ist sein Körper. Seine seelische Verfasstheit, die er jeden Abend so tunen muss, dass sie der Situation des Stücks und dem, was der Regisseur mit ihm entwickelt hat, im Spiel gerecht wird.“ Was genau er von manchen hält, kann er nur ohne Aufnahmegerät verraten, sagt er und grinst. Und, sagt er dann noch, es gibt auch Regisseure, die nicht immer einfach sind. Ostermeier spricht nun über seine Berufsgruppe, als würde er sich davon abgrenzen. Die Seiten habe er übrigens auch deshalb gewechselt, weil er nicht dessen Launen und Geschmack ausgesetzt sein wollte. Lieber selbst bestimmen.

Plötzlich geht alles ganz schnell. Der Blick auf die Uhr. Der Flug nach München wartet nicht. Arbeit. Er eilt nun Richtung Wohnung. Tschüss, hat mich gefreut! Man fragt sich ja schon, ob es auch diesmal bei ihm gekribbelt hat.

Zur Person

Leben: Theaterregisseur Thomas Ostermeier ist 1968 in Soltau geboren und in Landshut aufgewachsen. Anfang der 90er-Jahre war er Schauspieler beim Faust-Projekt von Einar Schleef in Berlin. Kurz darauf wechselte er die Seiten und studierte Regie an der Ernst Busch. Ende der 90er-Jahre war er Künstlerischer Leiter und Regisseur an der Baracke am Deutschen Theater. 1999 übernahm er die Leitung der Schaubühne. Mit seiner Partnerin, der Violinistin Ayumi Paul, lebt er in Schöneberg.

Preise: Ostermeier erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Unter anderem wurde die Baracke 1998 zum Theater des Jahres gewählt, zweimal bekam er den Friedrich-Luft-Preis und 2011 wurde er mit dem Goldenen Löwen der Biennale in Venedig ausgezeichnet.

Baracke: Die Baracke wurde von Ostermeier und Jens Hillje geleitet und etablierte sich in den Jahren 1996 bis 1999 zur erfolgreichsten jungen Bühne Deutschlands. Seine neue Form des Theaters kam immer etwas ungewöhnlich daher und erregte Aufsehen.

Spaziergang: Start in der Eisenacherstraße, hoch bis zum Barbarossaplatz, dann rechts in die Barbarossastraße, links in die Goltzstraße, zum Winterfeldtmarkt, dann noch in der Goltzstraße 33 Kaffee im „Café M“.