Wer sich die schwarze Komödie „Wilde Maus“ (seit 9. März im Kino) ansieht, könnte Jörg Hartmann für einen spröden und kaltschnäuzigen Zeitgenossen halten. Aber tatsächlich ist das Gegenteil der Fall, wie sich im Gespräch mit dem 47-Jährigen schnell herausstellt. „Bedächtig“ und „bescheiden“ sind eher Adjektive, die auf den Schaubühnen-Darsteller und „Tatort“-Kommissar zutreffen. Es gibt nur ein paar Aspekte des modernen Lebens – architektonisch und technologisch – bei denen er eine gewisse Anspannung erkennen lässt.
In „Wilde Maus“ tauchen Sie in das bitterböse Universum des Kabarettisten Josef Hader ein. Kehrt man daraus mit einer pessimistischen Sicht aufs Leben zurück?
Jörg Hartmann: Im Gegenteil. Für Josef Hader als Person ist das Glas halb voll und nicht halb leer. Er ist ein höchst aufmerksamer Zeitgenosse, der vorbildlich auf jeden eingeht, ob Schauspieler oder Maskenbilder, und jeden ermuntert, seine Meinung zu sagen. Das ist unglaublich vorbildlich – gelebte Menschenfreundlichkeit.
Ihre Figur in dem Film ist freilich ganz anders gestimmt. Als Medienmanager feuern Sie einen von Josef Hader gespielten Musikredakteur, dem danach die Sicherungen durchbrennen. Wie gut kennen Sie solche Gefühle aus eigener Erfahrung?
Ich würde nicht so reagieren, aber ich kenne natürlich die Gefahren von Kündigung und Arbeitslosigkeit. Das ist Gott sei Dank bei mir nie in richtige Angst ausgeartet, selbst wenn es mal Durchhänger gab. Ich war immer zuversichtlich, dass da was kommen wird – und es hat in der Tat immer gereicht, um meine Familie zu ernähren – toi, toi, toi.
Sie waren ja und sind wieder Ensemblemitglied der Schaubühne, wo Sie derzeit den „Professor Bernhardi“ spielen. Wie sicher ist man eigentlich als festangestellter Bühnendarsteller?
Es gibt die berühmten Oktobertermine, wo entschieden wird, ob man in der folgenden Spielzeit bleiben kann. Wenn du da bis Ende des Monats nichts hörst, dann läuft dein Vertrag automatisch weiter. Aber wenn dich plötzlich jemand anruft und zum Termin bittet, dann musst du schon das ein oder andere befürchten. Ich selbst habe solche Gespräche in meinen Anfangsjahren erlebt. Aber man ist halt nicht verbeamtet als Schauspieler. Die Theaterverträge gehen in der Regel über zwei Jahre, dann werden die Karten neu gemischt oder eben nicht. Das weiß man, daran muss man sich gewöhnen. Mit Sicherheitsdenken kommt man in dem Beruf nicht weit.
Aber Sie wurden bei Ihrem Oktobertermin an der Schaubühne nicht hinausgeworfen?
Nein, das entwickelte sich zum Glück anders, als es kurz darauf zur ersten Zusammenarbeit kam.
Wie würden Sie reagieren, wenn sie kein Engagement mehr bekämen?
Ich würde einfach schauen, was ich sonst noch so machen kann. Es gibt ja verschiedenste Möglichkeiten. Ich habe das Glück, dass ich Kommentare für Arte-Dokumentationen einsprechen kann. Das Gefährliche wäre es, nichts mehr zu tun. Du musst deinen Motor als Schauspieler weiter ölen – zum Beispiel Workshops machen. Musiker üben auch jeden Tag. Aber das sagt sich leicht, wenn man das ewig macht und nichts dabei rauskommt. Es ist dann wahnsinnig schwer, die Energie oben zu halten. Ich selbst kann mich nicht beklagen, aber von Freunden und Kollegen, die nicht das gleiche Glück haben, weiß ich, wie hart das sein kann.
Ihre Lebensgefährtin Silvia Medina ist auch Schauspielerin. Wie erlebt sie das?
Durch unsere beiden kleinen Kinder waren und sind die Prioritäten woanders. Aber so langsam wird der Drang zu spielen, und damit die Abhängigkeit von Angeboten, wieder größer.
Tauschen Sie sich zu Hause über Ihren Beruf aus?
Natürlich tun wir das. Aber momentan steht das Familienleben ein wenig im Vordergrund.
Sie haben auch ein Standbein als „Tatort“-Kommissar. Weht beim Fernsehen ein rauerer Wind als beim Theater?
Er ist in jedem Falle rau. Denn man soll oft – nicht nur als Schauspieler – die gleiche gute Leistung für weniger Geld und vor allem in weniger Drehtagen erbringen. Aber, wie gesagt, ich persönlich darf mich nicht beschweren, weil ich von meinem Beruf gut leben kann und imstande bin, meine Familie zu ernähren.
Was natürlich entsprechenden Druck schafft ...
Mit drei Kindern brauchst du ein gewisses Gehalt, um alles stemmen zu können.
Wie kommen Sie mit der verringerten Drehzeit zurecht?
Man muss Professionalität an den Tag legen und vorbereitet sein. Man probt zwei, drei Mal und dann wird auch schon der erste Take gemacht. So hat man leider nicht die Zeit, um verschiedene Varianten auszuprobieren, was natürlich schade ist.
Durch den „Tatort“ sind Sie für viele Leute zum Star geworden. Wie gehen Sie damit um?
Gut, denn nicht jeder kennt mein Gesicht, und ich will mich ja nicht absondern, sondern am öffentlichen Leben teilhaben, auch normal S-Bahn fahren können.
Haben Sie schon mal negative Konsequenzen Ihres Bekanntheitsgrads erlebt?
Na ja, ich habe mal ein Interview gegeben, wo die Frage war, ob ich mich als angstvollen Menschen bezeichnen würde. Ich habe das verneint, sagte aber, dass mir manches Angst macht, was auf diesem Planeten passiert. Das Zitat war dann: „Ich habe Angst vor der Dummheit der Menschen.“ Und da gab es Reaktionen im Netz, die eigentlich erschreckend waren, obwohl ich am liebsten darüber gelacht hätte. Diverse Leute haben das auf sich persönlich bezogen und meinten, ich als Schauspieler solle lieber die Klappe halten. Das schlug weiter Wellen, irgendwann landete man bei Flüchtlingen, Merkel & Co. Früher hätte man dafür einen Leserbrief schreiben müssen, aber heute kann sich jeder im Internet auslassen. Und wer nur so etwas lesen will, der lebt eben in der Welt solcher Kommentare.
Sie sind also kein großer Freund sozialer Netzwerke?
Nicht unbedingt. Ich weiß nicht, warum man da alle möglichen Daten posten soll. Das ist Zeitverschwendung für mich. Und warum soll ich Treffen spontan planen und dann wieder per SMS verschieben? Vor allem finde ich es furchtbar, wie alle nur noch in ihre Smartphones starren. Diese Art der Nichtbeteiligung am öffentlichen Leben wird uns sicherlich schon bald einige Probleme bescheren.
Es gibt ein Thema, bei dem Sie ebenfalls wilde Kommentare der Netzgemeinde ernten könnten. Einmal meinten Sie, Sie würden unsere Städte aufräumen, wenn Sie viel Geld hätten.
Das klingt martialisch, aber wenn ich die Ressourcen hätte, dann hätte ich einige Ideen, wie man die öffentlichen Räume so gestalten könnte, dass man sich gerne in ihnen begegnet.
Gibt es Städte, die Ihren Idealvorstellungen entsprechen?
Ich will das gar nicht an einer bestimmten Stadt oder Stilepoche festmachen. Aber die Städte, in denen ich mich wohlfühle, wo ich gerne auf öffentlichen Plätzen verweile, sind doch in der Regel die unzerstörten, die alten historischen Städte. Die Bauten, Straßen und Plätze sind nicht zu gigantisch, ermöglichen den Kontakt zwischen den Menschen. Die Moderne hat es kaum hingekriegt, Stadträume zu erschaffen, in denen man sich wohlfühlt.
Sie leben ja in Potsdam. Warum ist das das ideale Ambiente für Sie?
Weil ich mich hier dem Trubel entziehen kann. Außerdem finde ich es gut, dass meine Kinder hier Natur erleben können. Ich will aber nichts beschönigen. Es gibt in Potsdam sicherlich auch die ein oder andere hässliche Ecke, aber insgesamt ist es sehr lebenswert und Berlin liegt gleich um die Ecke.
Wie soll eine Stadt konstruiert sein, damit es Ihnen darin gut geht?
Ihre Häuser sollten sich nicht abschotten, sondern offen sein, – mit Geschäften, Cafés oder öffentlichen Einrichtungen. Für mich funktioniert fast jedes Gründerzeitviertel, weil man darin wohnen, arbeiten und seinem Vergnügen nachgehen kann. Man hat eine Abfolge von relativ abwechslungsreichen Straßen und Plätzen und Fassaden. Hochhäuser verhindern Kommunikation. Man sollte auch an einem Haus erkennen, in welcher Region man sich befindet. Ein Haus in München sollte anders aussehen als in Hamburg. Aber heute sehen die Dinger in der Regel auf der ganzen Welt gleich aus. Letztes Jahr war ich in Wien, das ist natürlich eine Pralinenschachtel, aber vom städtischen Gefüge her funktioniert das.
Sie mögen’s also gerne historisch, wie Sie sagten ...
Nicht zwangsläufig. In der Hamburger Hafen City zum Beispiel gibt es einige sehr schöne Bereiche, die auch belebt sind. Da hat man sich Gedanken gemacht. Das ist deshalb ein gutes Beispiel für aktuelleren Städtebau. Das Hansaviertel in Berlin dagegen steht unter Denkmalschutz, es hat auch historische Bedeutung, aber es leistet keinen Beitrag für die Stadt. Das sind Wohnhochhäuser, die sind tot, da begegnet man sich nicht.
An welchem Ort ging es Ihnen in letzter Zeit am besten?
Auf La Palma. Da war ich mit meiner Familie im Urlaub. Aber das hatte vor allem einen Grund: Sonne und Natur.


