Winston Churchill gilt als prominentester Warner vor Zahlen und deren Bedeutung. Angeblich hat er gesagt, dass er nur jener Statistik traue, die er selbst gefälscht habe. Fakt ist: je mehr Zahlen, desto mehr Deutungsmöglichkeiten. Ein Musterbeispiel dafür sind die von der Senatskulturverwaltung erstellten Berichte zur „finanziellen Entwicklung der landeseigenen Theater- und Orchesterbetriebe“. Mit über drei Millionen verkaufter Tickets „können die institutionell geförderten Theater, Orchester und Tanzgruppen in Berlin“ auf ein „sehr erfolgreiches Jahr 2016“ zurückblicken, resümierte die Kulturverwaltung – und räumte auf Nachfrage ein, dass es einen „leichten“ Rückgang der abgesetzten Tickets gab. Die Berliner Morgenpost hat sich den knapp 50-seitigen Bericht näher angeschaut. Das Publikum scheint wenig treu zu sein, wechselt zwischen den Häusern. So gingen im Vergleich zu 2015 weniger Zuschauer zu Konzerten und in die Oper, dafür deutlich mehr ins Staatsballett und in die Schaubühne.
Trotzdem standen die „Konzerthäuser, Orchester“, so die Eingruppierung der Kulturverwaltung, mit 82 Prozent Auslastung ziemlich gut da. Dank den Philharmonikern, die mit 91 Prozent den Durchschnittswert nach oben rissen. Konzerthaus Berlin und die Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH (Roc) – dazu gehören das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin, das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und zwei Chöre, die an verschiedenen Orten auftreten – kamen auf eine Auslastung von 76 Prozent. Immer noch ein sehr ordentlicher Wert.
Die Stiftung Berliner Philharmoniker verkaufte im vergangenen Jahr 237.900 Karten bei 128 Vorstellungen. 2015 lag die Zahl der Besucher mit 263.200 deutlich höher, allerdings gab es mit 143 Vorstellungen auch ein größeres Angebot. Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt verbuchte 147.500 zahlende Besucher, etwa 10.000 weniger als im Vorjahr. Die Zahl der Vorstellungen auf der Hauptbühne sank um vier auf 116, die Auslastung um einen Prozentpunkt auf 76 Prozent. Bei der Roc ging die Zahl der Vorstellungen in Berlin um sechs auf 122 (Hauptbühne) zurück. Verkauft wurden 152.000 Karten, 14.000 weniger als 2015. Insgesamt hatten die drei Einrichtungen also 2016 knapp 50.000 zahlende Besucher weniger als im Jahr davor. Eine Tendenz, die abgeschwächt auch bei den Opernhäusern zu beobachten war.
Deutsche Oper spielt mehr, die Komische Oper weniger
Das Haus mit den meisten Kartenverkäufen ist nicht automatisch das bestausgelastete. Das hängt auch vom Angebot und der Kapazität ab. So lag die Deutsche Oper mit 233.700 Kartenverkäufen (2015: 242.300) in der Gunst des Publikums klar vorn, bei der Auslastung mit 67 Prozent (2015: 73 Prozent) aber ebenso klar hinten. Erhöht wurde die Zahl der Vorstellungen auf der Hauptbühne um fünf auf 178.
Die umgekehrten Weg beschritt die Staatsoper, die derzeit noch im recht kleinen Schiller Theater spielt. Sie bot auf der Hauptbühne mit 175 fünf Vorstellungen weniger an, verkaufte aber mit 174.600 Karten nur 300 weniger als 2015 und steigerte so die Auslastung von 80 auf 83 Prozent.
Die Komische Oper, kapazitätsmäßig zwischen den beiden anderen Häusern, verzeichnete den deutlichsten Besucherrückgang. Die Zahl der verkauften Tickets ging von 207.800 (2015) auf 191.800 zurück, die Vorstellungen auf der Hauptbühne sanken von 233 auf 226, die Auslastung von 83 auf 81 Prozent.
Einzig das Staatsballett, das in allen drei Opernhäusern auftritt, verzeichnete einen höheren Zuspruch. Die Besucherzahl stieg von 89.700 auf 104.300, mit 101 wurden 14 Vorstellungen mehr angeboten, auch die Auslastung verbesserte sich von 74 auf 76 Prozent.
Unterm Strich kaum Veränderungen gab es bei den „großen Sprechbühnen“. Die Zahl der verkauften Karten blieb mit 741.000 nahezu konstant, der Rückgang um 4500 fällt bei dieser Gesamtzahl kaum ins Gewicht, die Auslastung lag erneut bei 79 Prozent. Teilweise deutliche Verschiebungen gab es allerdings zwischen den einzelnen Häusern. So konnte die Schaubühne die Zahl der verkauften Karten in Berlin deutlich um 11.000 auf 129.800 steigern. Das ging einher mit einem klaren Anstieg der Vorstellungszahl (528 statt zuvor 437), die Auslastung sank geringfügig von 91 auf 90 Prozent. Zuwächse verzeichnete auch das Hebbel am Ufer (HAU), die Zahl der abgesetzten Tickets stieg um 3500 auf 53.100. Weil gleichzeitig die Zahl der Vorstellungen reduziert wurde, nämlich von 600 auf 513, stieg die Auslastung von 64 auf 67 Prozent.
Bei den anderen Bühnen gingen die Besucherzahlen unterschiedlich stark zurück. Das Berliner Ensemble hatte 173.800 zahlende Besucher, rund 1000 weniger als 2015, die Auslastung lag bei 78 Prozent. Das Deutsche Theater verkaufte mit 155.200 Tickets gut 4000 weniger als im Vorjahr, die Auslastung blieb mit 78 Prozent konstant. Die Volksbühne verbuchte mit 139.900 abgesetzten Karten gut 3000 weniger als 2015, die Auslastung lag bei 78 Prozent. Den größten Einbruch gab es am Maxim Gorki Theater. Das Haus hatte mit 89.400 rund 10.000 zahlende Besucher weniger als ein Jahr zuvor, die Auslastung sank von 81 auf 79 Prozent.
87 Prozent Auslastung im Friedrichstadt-Palast
Einen Beitrag zur Unterhaltung liefern naturgemäß alle Berliner Bühnen, trotzdem gibt es bei der Kulturverwaltung noch die Gruppe der „Unterhaltungstheater“. Die verbuchten im vergangenen Jahr 305.200 Kartenverkäufe und damit 5000 mehr als 2015. Weil die Zahl der Vorstellungen mit 1160 nahezu identisch blieb, stieg die Auslastung von 61 auf 62 Prozent – im Vergleich zu den „großen Sprechbühnen“ ein magerer Wert, aber immerhin ein Anstieg.
Im „Unterhaltungssegment“ lag die Komödie am Kurfürstendamm bei den Zuschauerzahlen mit 102.100 verkauften Tickets vorn, ein Plus von 3000. Das zu den Woelffer-Bühnen gehörende Theater am Kurfürstendamm hatte laut Pressesprecherin Brigitta Valentin 65.000 zahlende Besucher, es taucht nicht in der Senatsstatistik auf, weil es als Gastspielhaus keine staatlichen Zuschüsse erhält, wie die Verwaltung erklärte.
Ein ordentliches Plus von 6000 Tickets verbuchte das Schlosspark Theater, das 89.700 Karten absetzte. Das Renaissance-Theater steigerte seine Zuschauerzahl von 70.200 auf 71.900. Einen Rückgang musste das Weddinger Prime Time Theater hinnehmen, die Zahl der verkauften Tickets sank um rund 5500 auf 41.600.
Ebenfalls der Unterhaltung gewidmet ist der Friedrichstadt-Palast, der mit etwa 1800 ähnlich viele Plätze wie die Deutsche Oper hat. Das Revuetheater behauptete seine Ausnahmeposition auf dem Berliner Markt: Mit 283 Vorstellungen, 468.400 Besuchern und einer Auslastung von 87 Prozent belegte es 2016 erneut den Spitzenplatz. Ein Jahr zuvor wurden 14 Vorstellungen mehr angeboten, die Zahl der verkauften Tickets lag bei 470.000, die Auslastung bei 83 Prozent. Ein Solitär in jeder Hinsicht.

