Gerade erst ist mit „Charité“ ein großes Historien-Event in der ARD angelaufen, da kommt schon das nächste im ZDF, übrigens auch von Nico Hofmann produziert: „Der gleiche Himmel“, eine Ost-West-Geschichte mit großer Starbesetzung: Jörg Schüttauf spielt einen Stasi-Offizier, Tom Schilling seinen Sohn, der 1974 als Romeo in den Westen geschleust wird, Ben Becker ist sein Mittelsmann dort und Anja Kling eine Mutter, deren Tochter in Ost-Berlin als Olympia-Hoffnung gedopt wird. Regie führte Oliver Hirschbiegel, seit Filmen wie „Das Experiment“ oder „Der Untergang“ ein Spezialist für Nervenkitzel in Extremsituationen. Wir trafen den Filmemacher, der zwischen Wien und London pendelt, in seinem Lieblingshotel in Berlin, dem Kempinski. „Immer wieder ein schöner Ort“, wie er meint.

„Der gleiche Himmel“ handelt von Romeos, Staatsdoping und einen Fluchtversuch: Jedes für sich wäre Stoff genug für einen Dreiteiler. Ist das nicht etwas zu viel auf einmal?

Oliver Hirschbiegel: Es geht nicht nur um eine Spionage-Intrige, es ist die Geschichte einer geteilten Familie mit Handlungssträngen im Osten und Westen. Das ist schon sehr dicht geschrieben, aber wenn Sie schauen, was im Seriensegment in den letzten Jahren passiert ist, hält das schon Schritt mit dem internationalen Standard.

Was den Zuschauer überraschen wird: Die Geschichten werden nicht auserzählt, stattdessen gibt es einen gemeinen Cliffhanger. War kein Geld mehr für einen vierten Teil oder spekulieren Sie auf eine Fortsetzung?

(lacht) Es wird in Deutschland als Dreiteiler ausgestrahlt, ist aber eigentlich eine sechsteilige Serie. Und natürlich spekuliere ich auf eine zweite Staffel. Der Cliffhanger ist auch so, dass es gemein wäre, es nicht weiterzuerzählen. Wir entwickeln bereits die nächsten Folgen, die Schauspieler hatten die Option auch alle im Vertrag. Aber jetzt muss man erst mal abwarten, wie die Reaktionen sind. Was man bisher so hört, bin ich ganz zuversichtlich.

Nicht der typische Loverboy: Tom Schilling als Romeo (hier mit Friederike Becht)
Nicht der typische Loverboy: Tom Schilling als Romeo (hier mit Friederike Becht) © ZDF und Bernd Schuller | Bernd Schuller

Sie sind in Hamburg aufgewachsen. 1974 waren Sie erst 17. Kannten Sie Berlin zu dieser Zeit schon?

Ja. Ich war bereits mit 15 das erste Mal hier. Später sind wir oft von Hamburg mit unseren Klapperkisten hierhergefahren, weil Bruno Ganz an der Schaubühne spielte. Und weil wir ins SO 36 wollten. Das kam alles zurück, als wir die Serie drehten. Und das war wohl auch ein Teil der Faszination, warum ich das unbedingt machen wollte. Es war die Aufgabe, die Welt so herzustellen, wie sie damals aussah. Das hat sehr genutzt, dass ich das so genau wusste.

Man sieht tolle Bilder aus der Stadt. Die wurden aber gar nicht in Berlin gedreht?

Nein, wir haben hier tatsächlich nichts gedreht. Abgesehen von ein paar Außenaufnahmen am Zoo und in Hohenschönhausen. Alles andere habe ich in Prag bauen lassen. Das war auch nötig. Die Orte von damals, die ich zeigen wollte, gibt es so nicht mehr. Berlin ist ja radikal saniert worden, die Stadt ist kaum noch wiederzuerkennen. Prag hat dagegen noch ein paar Straßenzüge, die etwas maroder und grauer sind. Obwohl die auch fast zu schön sind. Das Berlin von damals habe ich grau und trüb in Erinnerung, auch wenn hier ganz sicher die Sonne geschienen haben muss.

Für einige Panoramen lassen Sie die Mauer wieder auferstehen. Fühlt man sich da beklommen, wenn man solche Bilder kreiert?

Nein. Das ist eher faszinierend. Ich habe da schon so einen sportlichen Ehrgeiz, das richtig hinzukriegen: einen Schauwert zu schaffen, der sich aber nicht in Eitelkeit ausstellt, sondern der Geschichte dient. Deshalb habe ich das auch nicht nur am Computer generieren lassen. Das Brandenburger Tor wurde eingeblendet, das wäre zu teuer gewesen. Aber das Stück Mauer davor, das haben wir wirklich gebaut. Mir ist immer wichtig, dass man sogenannte Plates hat, also reale Elemente. Das sieht dann einfach authentischer aus, das lebt mehr. Und es fühlte sich dann wirklich so an, wie ich es in Erinnerung hatte.

© ZDF und Bernd Schuller | Bernd Schuller

Die Drehbuchautorin Paula Milne ist Britin. Ist das ein Vor- oder Nachteil, wenn man eine ur-deutsche Geschichte mit dem fremden Blick entwickelt?

Ich habe als deutscher Regisseur „Five Minutes of Heaven“ gemacht, was ein komplett nordirischer Film ist, inklusive der Dialekte. Und die Iren haben mir den Ritterschlag gegeben, dass das der ehrlichste und aufrichtigste Film zum Thema seit 20 Jahren gewesen sei. Der Blick von außen ist manchmal ein sehr gesunder. Abgesehen davon muss man auch sagen, dass die angloamerikanischen Autoren uns Deutschen im Geschichtenerzählen einfach weit voraus und überlegen sind.

Auch „Deutschland ’83“ ist von einer amerikanischen Autorin entwickelt worden.

Das überrascht mich überhaupt nicht. Das ist genetisch, die haben einfach Dickens im Blut.

Haben Sie Angst, man könnte eine zu große Nähe Ihrer Serie zu „Deutschland ’83“
sehen?

„Der gleiche Himmel“ ist mir angeboten worden, als mir bei einem Zweiteiler, bei dem ich schon ziemlich weit war, die BBC plötzlich den Stecker gezogen hat. Es hat dann gedauert, bis die Bücher fertig waren, dazwischen habe ich noch „Elser“ gedreht. Wir waren also Jahre damit beschäftigt. Als „Deutschland‘ 83“ heraus kam, war ich wirklich für einen Moment irritiert. Aber das Ganze spielte ja zehn Jahre später, hatte einen ganz anderen Ansatz. Das war vielleicht sogar eher gut für uns, die Serie war international ja sehr erfolgreich. Ich glaube, dass beide Serien sich eher befruchten werden.

Rüber um jeden Preis: Axel Lang (Hannes Wegener, vorn) gräbt mit anderen Fluchtwilligen einen Tunnel in den Westen
Rüber um jeden Preis: Axel Lang (Hannes Wegener, vorn) gräbt mit anderen Fluchtwilligen einen Tunnel in den Westen © ZDF und Bernd Schuller | Bernd Schuller

Tom Schilling wäre mir nicht als erste Wahl für einen Romeo eingefallen. Wie sind Sie auf ihn gekommen?

Ich wollte eben gerade nicht so einen Kerl. Oder einen Loverboy, auf den man sofort hereinfällt. Tom hat noch so was Jungenhaftes, aber zugleich auch Klasse und Stil. Einer der wenigen Gentlemen hierzulande. Ich hatte schon zwei Castings mit ihm bei Filmen, die nie gemacht wurden. Ich wollte immer mit ihm arbeiten. Und hier war er tatsächlich meine erste und eigentlich auch einzige Wahl, die ich im Kopf hatte. Wäre ich ein Stasi-Offizier gewesen, hätte ich ihn als Romeo ausgewählt.

„Der Untergang“, „Das Experiment“ oder „Elser“: Menschen in Extremsituationen, Menschen unter Druck ziehen sich wie ein roter Faden durch Ihr Werk. Was reizt Sie so daran? Sind Sie der Mann fürs Extreme?

Na ja, „Diana“ war doch eher eine Liebesgeschichte…

Aber Lady Di stand doch auch unter dem enormen Druck der Öffentlichkeit. Gerade in der Phase, von der Ihr Film handelt.

Ich gehe immer nach den Drehbüchern, die mich am meisten faszinieren. Aber wenn Sie so fragen, ist das nicht von der Hand zu weisen. Es ist wohl einfach die Art von Geschichten, die mich am meisten reizt. Ich darf noch nicht über meine nächsten Projekte sprechen, die noch nicht in trockenen Tüchern sind, aber auch da gibt es Extremfaktoren. Ja, vielleicht ist das so.

Vielleicht fällt es einfach so auf, weil nicht viele Filmemacher so ins Extrem gehen, weil viele sich in der Kuschel-, der Komfortzone eingerichtet haben.

Ich mag’s, wenn es nicht glatt ist. Die Komfort-, die Kuschelzone, das ist nicht so meine Welt, das finde ich langweilig. Mich muss etwas schon packen, ich will auch andere damit packen.

Sie machen mal großes Kino, mal Fernsehen. Macht das einen Unterschied für Sie, für welches Medium Sie arbeiten?

Überhaupt nicht. Ich habe mich immer am Kino orientiert, von Anfang an, selbst als ich noch eine Serie wie „Kommissar Rex“ gedreht habe. Damals war das zugegeben noch nicht so üblich. Inzwischen hat das Fernsehen längst nachgezogen. Und heute ist man da ja fast mutiger als im Kino. Von den Themen her, aber auch von der Bildsprache.

Der letzte Schrei ist derzeit, Netflix oder Amazon-Serien zu drehen. Wann ist es bei Ihnen soweit?

Netflix hat „Der gleiche Himmel“ für den englischsprachigen Raum gekauft und nennt das dann „Netflix Original“, was natürlich frech ist. Sie haben Recht, für Netflix oder Amazon zu arbeiten, ist gerade der ultimative Gig. Vielleicht ist man da aber auch ein bisschen mehr im Käfig. Von Amazon hört man allerdings, dass sie, wenn sie mal was machen, das auch durchziehen. Die ziehen dann keinen Stecker, die vertrauen ihren Kreativen und lassen sie machen.

„Der gleiche Himmel“, ZDF, 27., 29. und 30.3., je 20.15 Uhr