Flüchtlinge in Berlin

Flüchtlinge in Berlin - Von der Krise zum Regelbetrieb

Täglich kommen etwa 30 Flüchtlinge an, aber die Aufnahme funktioniert inzwischen. Trotzdem kommt die Integration nur schleppend voran.

Die Berliner Senatorin für Bildung, Jugend und Wissenschaft, Sandra Scheeres (SPD), besucht einen Vorbereitungskurs für volljährige Flüchtlinge am Berlin-Kolleg in Berlin-Wedding

Die Berliner Senatorin für Bildung, Jugend und Wissenschaft, Sandra Scheeres (SPD), besucht einen Vorbereitungskurs für volljährige Flüchtlinge am Berlin-Kolleg in Berlin-Wedding

Foto: Gregor Fischer / dpa

Für zwölf junge Flüchtlinge soll der Klassenraum des Berlin-Kolleg in Moabit die Zwischenstation zu einer besseren Zukunft sein. Sie wollen hier ihr deutsches Abitur vorbereiten. „In Syrien habe ich bereits mein Abitur gemacht und Informatik studiert, mein Problem ist nur die Sprache“, sagt einer der Schüler mit leichtem Akzent.

Eigentlich sollten drei Kurse mit jeweils 15 Schülern am Berlin-Kolleg angeboten werden. „Leider ist eine Teilnahme an dem Pilotprojekt nur mit B1-Zertifikat möglich“, so Schulleiterin Angelika Weiß. Deswegen seien so wenige Anmeldungen eingegangen.

Ein Jahr, nachdem die Kanzlerin die Grenzen für Flüchtlinge nach Deutschland zeitweise öffnete, kämpft Berlin mit den Mühen der Ebene. Die Integration erweist sich als aufwendig und langwieriger als erhofft. Das Asylteam der Arbeitsagenturen hat bisher trotz großer Offenheit der Wirtschaft erst 300 Flüchtlinge auf Stellen, Ausbildungsplätze oder in Praktika vermittelt. Noch immer stecken die meisten Neuankömmlinge im Asylverfahren, ihr Status ist deswegen noch immer ungewiss. Erst ein paar Tausend sind als anerkannte Asylbewerber bei den Jobcentern angekommen.

Die Infrastruktur funktioniert mittlerweile

Immerhin: Die Schlagzeilen über das Chaos und die endlosen Wartezeiten vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) in Moabit sind verschwunden. Die Infrastruktur funktioniert. Das neue Landesamt für Flüchtlinge hat die Strukturen geordnet und ist derzeit dabei, den nach rassistischen E-Mails einiger Führungskräfte gekündigten Heimbetreiber PeWoBe zu ersetzen und dessen neun Heime anderen Trägern zu übergeben.

Die etwa 30 Menschen, die täglich weiterhin in Berlin Asyl beantragen, fallen kaum noch auf. Dennoch: „Berlin übt weiter einen Sog auf Flüchtlinge aus“, heißt es in der Senatssozialverwaltung. Bis Mitte August wurden in diesem Jahr 13.152 Neuankömmlinge registriert, 2015 waren es insgesamt 55.000. Abgeschoben werden aus Berlin monatlich etwas mehr als 200 Personen. In der gleichen Größenordnung reisen Menschen freiwillig aus.

Die Erstunterbringung ist unter Kontrolle, in den Hangars des Tempelhofer Flughafens ist Platz, insgesamt sind von derzeit 42.700 Plätzen in Not- und Gemeinschaftsunterkünften 38.400 belegt. Die Notlage des vergangenen Sommers ist überwunden. Da passt es, dass der seinerzeit als Nothelfer engagierte Ex-Polizeipräsident Dieter Glietsch seinen Posten als Flüchtlingsstaatssekretär wie vorgesehen nach einem Jahr aufgibt und zum September ein zweites Mal in den Ruhestand geht. Auch der für das Krisenmanagement gebildete Koordinierungsstab könnte Ende des Jahres aufgelöst werden, heißt es.

Neben der Integration liegt der Fokus jetzt auf einer dauerhaften Unterbringung der Geflüchteten. Denn immer noch hausen mehr als 5000 Menschen in 48 Turnhallen. Bis weit ins nächste Jahr hinein dürfte es sich ziehen, alle Notunterkünfte zu räumen. 15 Hallen wurden schon freigemacht, weitere vier kommen in dieser Woche in Pankow hinzu, die Bewohner ziehen in die Treskowstraße in Pankow-Heinersdorf.

Teilnehmerzahlen bei rechten Kundgebungen bleiben gering

Parallel dazu wachsen – wenn auch mit zeitlicher Verzögerung – die Containersiedlungen und Modularbauten heran, die den anerkannten Flüchtlingen als Bleibe dienen sollen. Vergangene Woche feierten zwei neue Modularbauten in Marzahn-Hellersdorf Richtfest.

Proteste gegen Flüchtlingsheime und belegte Turnhallen gingen zwar auch in den vergangenen Tagen weiter, die Teilnehmerzahl bei den Kundgebungen der NPD und rechter Gruppen blieben jedoch gering.

Die größte Aufgabe bei der Integration haben die Schulen zu leisten. Auch das Dutzend junger Leute aus dem Berlin-Kolleg soll nach Vorkursen in Deutsch, Mathe und Englisch die dreijährige Oberstufe in Regelklassen besuchen. „Was ich daran liebe, ist, dass diese jungen Menschen sich wirklich bilden wollen“, sagte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Es sei ihr ein „besonderes Anliegen, dass Flüchtlinge in Schulen integriert werden und nicht in den Flüchtlingsheimen bleiben. So können sie viel leichter die Sprache und Kultur kennenlernen“. Man habe es geschafft, für 20.000 zusätzliche Kinder und Jugendliche im Schulsystem über 1000 Lehrer einzustellen, sagte die Senatorin.