Milieuschutz in Berlin

Mehr Milieu, weniger Luxus in Friedrichshain

Die Weberwiese in Friedrichshain wird zum Milieuschutz-Gebiet. Für viele Mieter ist das eine große Erleichterung.

Anwohnerin Juliet Corallo (mit Sohn Jed) schätzt das Viertel um die Friedrichshainer Weberwiese

Anwohnerin Juliet Corallo (mit Sohn Jed) schätzt das Viertel um die Friedrichshainer Weberwiese

Foto: Marion Hunger

Ruhige Straßen, Rasenflächen vor den Häusern, Spielplätze und ein Teich mit Springbrunnen: Es lebt sich angenehm im Quartier an der Weberwiese in Friedrichshain. Mehr als 5000 Menschen wohnen hier, vor allem in Ein- und Zweipersonenhaushalten. Es sind meist kleine Wohnungen, der Anteil der Älteren ist relativ hoch, die Mieten häufig noch moderat. Nun bekommt das Quartier Milieuschutz.

Der Bezirk hat im Juli eine soziale Erhaltungsverordnung beschlossen. Sie soll dazu beitragen, dass die langjährigen Bewohner bleiben können und nicht wegen teurer Modernisierung ihrer Wohnung und stark steigender Mieten wegziehen. Das Amt will künftig nicht mehr genehmigen, dass Wohnungen eine Einbauküche, eine Terrasse mit mehr als vier Quadratmetern Größe, ein zweites WC oder einen zweiten Balkon bekommen. Mit der Verordnung soll nicht nur die Luxusmodernisierung verhindert werden. Untersagt ist auch, dass im Zuge einer Sanierung große Wohnungen geteilt oder kleinere zusammengelegt werden.

>> Kommentar: Der Milieuschutz hilft vielen Mietern, andere grenzt er aus

Immer mehr Bezirke greifen ein

Helga Liebner, 64 Jahre alt, ist froh darüber. Seit 40 Jahren lebt sie im Quartier an der Karl-Marx-Allee, in einem Fünfgeschosser. „Eines der ersten Häuser, die nach dem Krieg gebaut wurden. Mit Laubengängen.“ Sie halte den Milieuschutz im Gebiet Weberwiese für sehr angebracht, sagt sie. „Es ist eine sehr beliebte Gegend. Wir wissen von Prenzlauer Berg, was da passiert. Und das möchte ich natürlich für Friedrichshain nicht.“ Die Wohnungen seien nicht hochwertig, erzählt sie. „Es ist eine mittlere Ausstattung. Das ist für meine Bedürfnisse völlig ausreichend.“ In der Zweiraumwohnung mit Bad war die Familie einst zu dritt. 1994 wurde saniert. Weil Helga Liebner schon so lange in der Wohnung lebt, ist die Miete vergleichsweise niedrig. Ihre Nachbarn sind junge Leute und Ältere. „Eine gute Mischung“, sagt sie.

Auch die Bloggerin Ann Silosky (33) wohnt in der Nähe. Sie stammt aus den USA und lebt seit zwei Jahren an der Karl-Marx-Allee. Die Wohnung hat keinen Balkon. „Das ist okay“, sagt sie. Auch sie wünscht sich, dass die Mieten moderat bleiben. Die Spielplätze, das Grün und die ruhige Umgebung schätzt auch Juliet Corallo (41), die in der Umgebung lebt und mit Sohn Jed, 19 Monate, gern zum Spielen an die Weberwiese kommt.

Eine Situation wie an der Weberwiese in Friedrichshain gibt es derzeit auch in anderen Innenstadt-Bereichen. Deshalb greifen auch andere Bezirke ein. Neukölln hat im Juli für drei Gebiete Milieuschutz beschlossen: in Rixdorf, an der Flughafenstraße/Donaustraße und im Kiez am Körnerpark. Ende Mai hat das Bezirksamt Mitte den Milieuschutz für fünf Quartiere im Wedding in Kraft gesetzt, nämlich am Leopoldplatz, an Seestraße, Sparrplatz, Birkenstraße und Waldstraße. Darüber hinaus werden weitere Gebiete geprüft, etwa in Reinickendorf-Ost, im Umfeld der Residenzstraße und in Reinickendorf-West.

>> „Verdrängung lässt sich nicht komplett verhindern“

Bewohner sollen vor Verdrängung bewahrt werden

Im Gebiet Weberwiese in Friedrichshain hat die Gesellschaft asum die soziale Untersuchung durchgeführt und 752 Haushalte befragt. Ergebnis: Der Anteil der älteren Haushalte ist relativ hoch. Das Gebiet ist heterogen hinsichtlich der Wohnbebauung. Es hat einen hohen Anteil an Gebäuden aus den 50er- und 60er-Jahren. In den Wohnungen mit dem größten Aufwertungspotenzial wohnen die Menschen, die in hohem Maß durch Verdrängung gefährdet sind. Etwa durch energetische Sanierung. Die Einwohner­entwicklung ist relativ stabil. Das Gebiet hat keine großen sozialen Probleme. Das Durchschnittseinkommen ist sogar ein bisschen besser als im Bezirk und in Berlin. „Die ärmeren Anwohner leben genau in den Wohnungen, wo der Aufwertungsdruck am höchsten ist“, heißt es.

In den drei neuen Milieuschutz­gebieten von Neukölln leben gemäß der sozialen Studie vor allem Singles wie Studenten, Berufsanfänger und Rentner, außerdem viele größere Familien mit Migrationshintergrund. Haushalte von mittlerer Größe sind selten. Ein hoher Anteil der Bewohner hat nur ein niedriges Einkommen. Mithilfe der sozialen Erhaltungsverordnungen wolle man die Zusammensetzung der Bevölkerung erhalten und die weitere Verdrängung der ansässigen Bewohner verhindern, um negative städtebauliche Auswirkungen zu vermeiden, teilte das Bezirksamt mit. „Allerdings soll hierdurch kein sogenannter Substandard festgelegt werden. Das heißt, eine Instandsetzung und Modernisierung auf den üblichen Standard ist zulässig.“ Auch eine energetische Sanierung könne zwar eingeschränkt aber nicht verhindert werden.

Kritik am Milieuschutz: "Massive Eingriffe in das Eigentum"

„Besser spät als nie“, sagt die Grünen-Fraktion aus Neukölln über den Milieuschutz. Man dränge seit 2009 darauf. 2015 hatte das Bezirksamt bereits soziale Erhaltungssatzungen für den Reuter- und den Schillerkiez erlassen. Treptow-Köpenick hat im Frühjahr 2016 den Milieuschutz für Alt-Treptow beschlossen.

Kritik am Milieuschutz kommt vom Pankower CDU-Fraktionschef, Johannes Kraft. „Es sind massive Eingriffe in das Eigentum. In einem großen Gebiet wird pauschal die Gestaltung von Bädern und Fußböden vorgeschrieben.“ Es gebe wirksamere Instrumente, um Verdrängung von Anwohnern zu verhindern. Man könne zum Beispiel die belegungsgebundene Wohnungen stärker kontrollieren. Es komme vor, so Kraft, dass jemand vor Jahren als Student eingezogen sei, längst das Studium beendet habe und gut verdiene. „Aber er wohnt weiter zu sehr günstigen Konditionen.“In so einem Fall könne man direkt in den Wohnungsmarkt eingreifen.