Neukölln

Autofahrer schlägt Piraten-Politiker krankenhausreif

Steffen Burger, Mitglied der BVV Neukölln, ist auf dem Rad an einen aggressiven Autofahrer geraten. Eskalation vor den Arcaden.

Steffen Burgers Wange ist geschwollen, seine Nase durch einen Schlag auf seine Brille verletzt worden

Steffen Burgers Wange ist geschwollen, seine Nase durch einen Schlag auf seine Brille verletzt worden

Foto: @fhatti / Steffen Burger

Es war offenbar eine Jagd durch Neukölln. Der 32 Jahre alte Vorsitzende der Piratenfraktion in der Bezirksverordnetenversammlung Neukölln, Steffen Burger, war am Montag auf der Gneisenaustraße Richtung Neukölln unterwegs, ein 47 Jahre alter Autofahrer überholte ihn mit sehr geringem Abstand. Dann folgte die Eskalation.

Burgers Schilderung des Vorfalls gegenüber der Berliner Morgenpost: Er fuhr die Straße entlang und hielt nach rechts den Sicherheitsabstand zu parkenden Autos ein, daher fuhr er im Vergleich zu den vielen Radfahrern, die sich nicht an die Regel halten, relativ weit links. Der Autofahrer blieb daraufhin nicht zurück, sondern überholte mit minimalem Abstand. Burger brüllte "Ey!", der Autofahrer scherte vor ihm ein, bremste ihn aus. Burger überholte das Auto und rief: "Ein bisschen mehr Abstand wäre schön!", "ohne Beleidigung", wie er im Gespräch zwei Tage später betont. Auch den Wagen des 47-Jährigen habe er im Verlauf der Auseinandersetzung nicht angefasst oder mit dem Fahrrad angegangen.

Der Fahrer des Wagens reagierte mit Hupen und fuhr hinter Burger her. An der nächsten roten Ampel drehte der Politiker, der hauptberuflich in der Intensivpflege arbeitet, sich um und sah, dass der Opel noch immer hinter ihm war: "Der Fahrer war am Durchdrehen."

Ein anderer Autofahrer spuckt ihm ins Gesicht

Es ging weiter die Straßen entlang, immer wieder überholte der Fahrer, bremste Burger aus, hupte, so der Bericht des 32-Jährigen. Am Hermannplatz konnte Burger zwei bis drei Autos Abstand zwischen sich und den aufgeregten Fahrer bringen, da er hier auf das kurze Stück Radweg fahren konnte.

Damit nicht genug: Auf der Karl-Marx-Straße an einer Ampelkreuzung zog ein Sprinter, der sich zunächst links neben ihm befand, nach rechts vor Burger, erzählt dieser. "Ich habe angehalten, damit ich nicht im toten Winkel bin", er habe ja nicht gewusst, was der Sprinter vorhabe. Schon hupte hinter ihm ein Autofahrer - es war nicht der ihn verfolgende Opelfahrer.

Burger fuhr weiter. Als Autos in der zweiten Reihe parkten, fuhr er nach links, da raste der Wagen, dessen Fahrer eben noch gehupt hatte, mit wenigen Zentimetern Abstand an ihm vorbei. Burger rettete sich zwischen die parkenden Autos, blieb kurz stehen, setzte dann seinen Weg fort. Ein kleines Stück weiter des Weges, traf er wieder auf den Wagen, der ihn soeben überholt hatte, nun in der zweiten Reihe geparkt. Der Fahrer war ausgestiegen - und spuckte ihm ins Gesicht, erzählt Burger.

Rettendes Ziel Rathaus Neukölln

Nichtsdestotrotz fuhr Burger abermals weiter, wie er erzählt. Und da war auch wieder der Opel. Einmal brüllte der Mann Burger auch etwas zu, was, weiß Burger nicht mehr genau, er habe ihn wohl aufgefordert, stehen zu bleiben. Der Bezirkspolitiker wollte noch bis zum Rathaus kommen. "Da ist Wachschutz in der Lobby, das weiß ich, und die kennen mich." Doch so weit kam er nicht mehr.

Vor den Neukölln Arcaden kurz nach 15 Uhr. Die Ampel war rot. Burger hielt an, der Opelfahrer stieg aus, erzählt Burger, stürzte auf ihn zu - und schlug ihn ins Gesicht. "Er hat mich dann über den Gehweg geprügelt", sagt Burger. Immer wieder schlug der Mann zu, zerrte auch an seinem T-Shirt. Wie das genau ablief, kann Burger gar nicht mehr wiedergeben. "Ich wusste nicht mehr wo oben und unten ist". Doch sein T-Shirt ist zerrissen, er hat Kratzer an der Schulter, also schlug der Fahrer nicht nur ins Gesicht.

Burgers Gesicht traf es aber am schlimmsten. Seine links Wange ist rot-bläulich, die Lippe musste genäht werden, die Nase wurde durch die Brille, die völlig verbogen ist, verletzt.

"Da habe ich nochmal Glück gehabt", sagt Burger mit Blick darauf, wie das Brillenglas ihn hätte verletzten können.

"Die meisten haben geholfen"

Wenige Sekunden dauerte der Angriff, dann stolperte Burger, über einen Fuß oder ein Bein, vermutet er. Ob er absichtlich zu Fall gebracht wurde, kann er nicht sagen. Als er auf dem Boden lag, schlug der Angreifer nicht mehr zu. Rund 30 Passanten waren dazu gekommen, "die meisten haben geholfen", soweit er sich erinnern kann. Viele hätten sich als Zeugen zur Verfügung gestellt, sagt Burger. Passanten riefen auch die Polizei, die rief einen Krankenwagen dazu, der Burger ins Krankenhaus brachte.

Burger will nun Anzeige erstatten Laut Polizei besteht der dringende Tatverdacht der Körperverletzung.

Autofahrer hat Steffen Burger angezeigt

Eine weitere Anzeige liegt auch schon vor: vom Autofahrer gegen Burger.

Der 47-Jährige schilderte der Polizei den Vorfall so: Er sei auf der Gneisenaustraße Richtung Südstern unterwegs gewesen, als er kurz vor dem Südstern einen Radfahrer - Steffen Burger - überholte. Der Radfahrer habe ihn dabei beleidigt. Kurz hinter dem Südstern habe er neben dem Radfahrer angehalten, so der Opelfahrer, um ihn zu Rede zu stellen. Burger habe ihn umgehend beleidigt und sei auch den Außenspiegel des Wagens angegangen. Beides dementiert Burger.

Laut Autofahrer setzten beide ihren Weg Richtung Hermannplatz fort, der Opelfahrer forderte dabei seinen eigenen Angaben zufolge den Radfahrer mehrfach auf, anzuhalten, um den Streit zu klären. So sei es auch auf dem Weg Richtung Karl-Marx-Straße weitergegangen. An der Ampel vor den Neukölln Arcaden seien beide dann stehen geblieben, und Burger habe einen Schritt auf ihn zugemacht, so der Autofahrer. Daraufhin habe eine Schlägerei begonnen.

Träume von Cyle Super Highways in Berlin

Steffen Burger, der in Berlin vor allem mit dem Fahrrad unterwegs ist, sammelt schon länger unter dem Hashtag #fahrradalltag bei Twitter die Erlebnisse von Radfahrern im Berliner Verkehr, "weil's mir schon ewig ein Dorn im Auge ist". Dementsprechend teilte er auch sein Erlebnis dort - und viele tun es ihm mit ähnlichen Erfahrungen gleich.

"Mein Eindruck ist, dass ich vor allem, weil ich den Sicherheitsabstand einhalte, mehr bedrängt werde, bespuckt und so weiter", sagt er. Wenn er den vorgesehenen Abstand nach rechts einhält, können Autofahrer ihn in der Spur nicht links überholen, "dadurch wird man viel belästigt". Die Ursache des Problems sieht er in der "mangelnden Fahrradinfrastruktur" in Berlin. In Berlin gebe es ja meist gar keine Radwege, Schutzstreifen anderswo seien so schmal, dass es entweder rechts oder links eng werde.

Daher Kämpfe er in seiner Politik auch für eine bessere Infrastruktur für Radfahrer und unterstütze den Volksentscheid Fahrrad in Berlin, der genau die Forderungen enthalte, die Berlin brauche. Burger ist Anfang des Jahres von den Piraten zur Linkspartei gewechselt, wird auch für letztere bei der kommenden Wahl in Neukölln kandidieren, führt die Piratenfraktion aber derzeit noch weiter.

Burgers großes Vorbild: Londons Cycle Super Highways. "Das wäre meine Wunschinfrastruktur." Weiter Fahrradfahren will er auf jeden Fall - ab kommende Woche, wenn es ihm wieder besser geht - "weil's mir lieber ist als M41 zu fahren". Das S-Bahnchaos in Berlin mache ja auch keinen Spaß und Autofahren in Berlin sei doch "völliger Blödsinn". Fürs Zu-Fuß-Gehen seien viele Wege aber zu weit.

Die Polizei wird nun alle Beteiligten und Zeugen vorladen, die Ermittlungen laufen.