Barrierefreiheit

Berlin ist für Behinderte wenig attraktiv

Berlin belegt in einer Umfrage den vorletzten Platz. Das größte Problem sind die Wohnungen – und darüber wird gestritten.

Rollstuhlfahrer bemängeln auch die Barrierefreiheit in der Gastronomie

Rollstuhlfahrer bemängeln auch die Barrierefreiheit in der Gastronomie

Foto: Patrick Seeger / dpa

Blinde und Rollstuhlfahrer sind in München offenbar besser aufgehoben als in Berlin. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage der „Aktion Mensch“ unter 2295 Personen zum Thema Barrierefreiheit. Unter den fünf größten deutschen Städten belegt Berlin demnach den vorletzten Platz, nur in Köln waren die Ergebnisse schlechter. An der Spitze steht München, gefolgt von Frankfurt am Main und Hamburg.

Verglichen mit der Umfrage aus dem Jahr 2012 waren die Berliner Ergebnisse in allen Bereichen schlechter. So gaben nur 24 Prozent der Befragten an, dass ihr Arbeitsplatz ausreichend barrierefrei sei, acht Prozentpunkte weniger. Auch die Gastronomie kam mit 28 Prozent schlecht weg (34 Prozent 2012). Die Frage nach der Barrierefreiheit von Fernbahnhöfen erhielt mit 51 Prozent Zustimmung ein durchschnittliches Ergebnis.

Die Ergebnisse decken sich mit den Erfahrungen des Berliner Behindertenverbandes (BBV). „In der Gastronomie hat sich überhaupt nichts getan“, kritisiert BBV-Sprecher Dominik Peter. Auch im öffentlichen Nahverkehr seien die Entwicklungen eher durchwachsen. Zwar würden die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) immer mehr Bahnhöfe für Rollstuhlfahrer nutzbar machen. Einer Ausrüstung der Busse mit Außenlautsprechern, wie sie für Blinde notwendig wären, würde sich das Unternehmen aber nach wie vor verweigern. Und von den rund 8000 Taxis seien nur sechs barrierefrei.

Bis 2030 fehlen 180.000 Wohnungen für Behinderte

Das größte Problem ist aber die Wohnungslage. Laut Umfrage halten 82 Prozent die Zahl der barrierefreien Wohnungen in Berlin für nicht ausreichend. Das Thema stand zuletzt auch auf der Agenda des Bauauschusses im Abgeordnetenhaus. Aktuell fehlen 41.000 Wohnungen, bis 2030 soll diese Zahl auf 180.000 steigen.

Der BBV fordert, dass alle Neubauten barrierefrei gebaut werden. Dies sei nicht teurer als „normale“ Wohnungen, da ab einer Höhe von vier Stockwerken sowieso ein Aufzug eingebaut werden müsse. Vielmehr gehe es darum, die Wohnungen intelligent zu gestalten, damit etwa Rollstuhlfahrer sich besser darin bewegen können.

Der Senat sieht im Entwurf des dritten Gesetzes zur Bauordnung, das noch vor der Sommerpause beschlossen werden soll, anderes vor: So soll bis 2019 zunächst nur ein Drittel der Wohnungen barrierefrei gebaut werden, ab 2020 dann die Hälfte. Was es kosten würde, alle beziehungsweise einen Teil der Wohnungen barrierefrei zu bauen, ist bislang unklar.

Eine „interne Betrachtung“ des Senats dazu wurde nicht in den Ausschuss eingebracht, die Zahlen seien noch nicht valide, heißt es bei der Stadtentwicklungsbehörde. BBV und Grüne kritisieren, dass das Dokument bewusst zurückgehalten und ein Gesetzesbeschluss erschwert werde.