"Syrer sitzen nicht rum"

Wie Flüchtlinge in Berlin zu Unternehmern werden

Ein Angebot der IHK hilft Flüchtlingen beim Schritt in die neue Selbstständigkeit. Ein Geschäft in Zehlendorf gilt als Erfolgsbeispiel.

Khaled Karimo (l.) und Hiba Albassir führen zusammen das Gartenmöbelgeschäft Khashabna in Zehlendorf

Khaled Karimo (l.) und Hiba Albassir führen zusammen das Gartenmöbelgeschäft Khashabna in Zehlendorf

Foto: Jürgen Stüber / BM

Der Winter war hart für Hiba Albassir und ihren Mann Khaled Karimo. Niemand wollte Gartenmöbel kaufen. Sie hatten nur die eine Option, auf besseres Wetter zu warten. Jetzt, wenn die Tage wärmer werden, kommen wieder Kunden in den kleinen Laden in Zehlendorf. „Khashabna“ heißt das Geschäft, was übersetzt „Unser Holz“ bedeutet. Das aus Syrien stammende Ehepaar verkauft Möbel, die sie in ihrer Heimat hergestellt haben und bei ihrer Flucht vor dem Bürgerkrieg dort zurücklassen mussten. Sie besuchte die Start-up-Class der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin, ein in dieser Art einzigartiges Projekt. Es begleitet die Newcomer aus dem mittleren Osten auf dem Weg in die Selbstständigkeit.

Eine Manufaktur für Gartenmöbel

In der syrischen Hauptstadt betrieben die beiden eine florierende Manufaktur für selbst entworfene Möbel und einen Großhandel für Kleiderbügel. Sie lebten gut davon, genossen ihren Wohlstand, bis der Krieg kam. Sie müssen das drohende Desaster geahnt haben. Die Familie entschloss sich früh zur Flucht, sie verstauten ihren Warenbestand an einem sicheren Ort und gehörten zu den letzten, die im Rahmen einer humanitären Hilfsaktion 2013 als Kontingentflüchtlinge Deutschland erreichten. Ihr Status ersparte ihnen das langwierige Asylverfahren.

„Syrer sitzen nicht untätig rum“, sagt die gelernte Restauratorin Hiba Albassir. „Wir wollten nicht warten“. Ihr Leben sollte schnell wieder sein wie früher. Sie und ihr Mann Khaled wollten Handel treiben und selbstständig sein wie die Mehrheit der Syrer. „Unsere erste Anlaufstelle war die Industrie- und Handelskammer“, sagt Hiba Albassir. Die Gründung einer Firma war ein lösbares Problem. „Das ist hier viel einfacher als in Syrien“, sagt die Geschäftsfrau. Die Bürokratie sei in Deutschland kalkulierbar und man erreiche sein Ziel, ohne Bestechungsgelder bezahlen zu müssen.

Probleme machte dagegen, ein Ladenlokal zu finden. Alle Vermieter wollten zu ihrer Sicherheit die früheren Einkünfte einsehen. „Doch wir hatten nichts vorzuweisen“, sagt die Syrerin. Mit der Hilfe deutscher Freunde fanden sie dann den Laden im Südwesten Berlins. Hiba Albassir ist zufrieden: „Dort haben wir die Kunden für unsere hochwertigen Möbel“. Diese schafften sie mit einer Spedition aus dem Lager in Damaskus auf einer abenteuerlichen Reise per Lkw nach Berlin.

So weit sind Lana Zaim und ihre Mutter Salma Alarmachi noch nicht. Auch sie wollen sich selbstständig machen. Die Mutter, eine studierte Wirtschaftswissenschaftlerin, betrieb in Damaskus eine Immobilienfirma, besucht seit drei Jahren jeden Tag Deutschkurse und vermittelt ehrenamtlich anderen Frauen, die weder lesen noch schreiben können, in Flüchtlingsheimen Deutschkenntnisse. Dort entstand die Idee, ein syrisches Restaurant zu eröffnen, das den schwer vermittelbaren Frauen den Einstieg in ein Berufsleben ermöglichen soll. „Denn hervorragend kochen können sie alle“, sagt Salma Alarmachi. „Aber als Analphabeten haben sie es schwer, eine neue Sprache zu lernen.“ Das Restaurant soll zugleich ein Ort der syrischen Kultur und ein Zuhause für die beteiligten Personen werden, wo auch die Traditionen des Geschichtenerzählens und der Musik gepflegt werden. „Wir wollen unsere Gäste mit der syrischen Kultur vertraut machen“, sagt die Mutter.

Syrische Delikatessen

Lana Zaim, die im Hauptberuf in Berlin Zahnmedizin studiert, ist überzeugt, dass es für die Idee der Mutter einen Markt gibt. „Berliner lieben multikulturelles Essen“, sagt sie. Sie hat ihre Idee im Kreuzberger Betahaus vorgestellt, wo die Hipster-Szene begeistert reagierte. Nun suchen die beiden Frauen einen Laden und einen Investor, der bei der Startfinanzierung hilft. Am liebsten würden sie ihr Restaurant in Kreuzberg, Schöneberg oder Prenzlauer Berg eröffnen. Momentan arbeiten sie an einem Businessplan.

Sie Start-up-Class sei sehr hilfreich gewesen, sagt Lana Zaim. „Wir haben durch dieses Angebot viel Zeit gespart.“ Nach dem vierstündigen Crashkurs in deutschem Unternehmertum hätten sie die Grundvoraussetzungen für eine Firmengründung erhalten. In der Start-up-Class der Industrie- und Handelskammer für „Newcomer“, wie sich die geflüchteten Menschen selber nennen, werden ehemaligen Unternehmern aus Krisenstaaten Möglichkeiten einer Existenzgründung aufgezeigt. Sie soll ihnen Hilfe und Orientierung auf dem Weg in die Selbstständigkeit geben. Dabei werden die Flüchtlinge von Gründungs- und Rechts-Experten der IHK beraten.

Arbeit stiftet Frieden

Ein Problem ist die Finanzierung von Unternehmensgründungen. Denn für geflüchtete Menschen zumal mit einem unklaren Aufenthaltsstatus ist es nahezu unmöglich, von Investoren oder Banken Kapital zu erhalten. Auch alte Netzwerke aus Freunden und Familie, die im arabischen Kulturkreis häufig als Geldgeber fungieren, fallen weg. Denn in der Regel haben sie ihr Geld während der Flucht an Schleuser gezahlt oder sie können es nicht nach Deutschland transferieren.

Dennoch seien die Möglichkeiten zur Selbstständigkeit in Deutschland viel besser als in arabischen Ländern, sagt die Irakerin Lubna Rashid. Hier gebe es mehr öffentliche Unterstützung als in ihrer Heimat. Auch sie musste ihre Heimat Bagdad verlassen und fand zunächst in den USA Asyl. Sie wurde Unternehmensberaterin, unterstützte Nichtregierungsorganisationen (NGO) in Balkanländern bei der Flüchtlingshilfe und beginnt jetzt an der Technischen Universität Berlin ein Forschungsprojekt, das die Chancen des Unternehmertums für geflüchtete Menschen und ausloten will. Sie möchte ein Start-up gründen, das soziale Projekte und NGOs der Geflüchtetenhilfe in Berlin berät.

Unternehmertum ist für sie Friedensarbeit. „Wer einen Job hat, schießt nicht“, sagt sie. Deshalb sei es wichtiger, die politischen Systeme in den arabischen Ländern zu stabilisieren und den Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Fähigkeiten anzuwenden und ihrer Arbeit nachzugehen, als nur Geld für die Unterbringung von Flüchtlingen bereitzustellen.

Hiba Albassir und ihren Mann Khaled Karimo haben Heimweh. „Wir wollen auf jeden Fall zurück nach Syrien“, sagt die Frau. „Aber wir wissen, dass das nicht das Land sein wird, das wir 2013 verlassen haben.“ Bis es soweit ist, werden sie in Zehlendorf ihre handgemachten Gartenmöbel verkaufen.

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