Morgenpost vor Ort

So streitet Berlin um die Ferienwohnungen

| Lesedauer: 6 Minuten
ISabell Jürgens; Andrea Huber
Die Karte zeigt Ferienwohnungen im Kreuzberger Bergmannkiez. Das Thema ist seit Jahren umstritten. In dem Gebiet zwischen Gneisenau­straße und Fidicinstraße, Südstern und Mehringdamm waren – Stand 4. Dezember 2014 – 107 Ferienwohnungen des Onlinemarktplatzes Airbnb bekannt

Die Karte zeigt Ferienwohnungen im Kreuzberger Bergmannkiez. Das Thema ist seit Jahren umstritten. In dem Gebiet zwischen Gneisenau­straße und Fidicinstraße, Südstern und Mehringdamm waren – Stand 4. Dezember 2014 – 107 Ferienwohnungen des Onlinemarktplatzes Airbnb bekannt

Foto: Alice Bodnar

Wie viel Tourismus verträgt Berlin? Experten und Leser diskutieren beim Forum der Berliner Morgenpost. Und so können Sie dabei sein.

Ferienwohnungen erkennt man an den einheitlichen Gardinen, die überall zugezogen sind. Und an den Klingelleisten an der Haustür, bei denen statt Namen lediglich Nummern verzeichnet sind. Ab dem 1. Mai darf es solcherart zweckentfremdete Mietwohnungen endgültig nicht mehr geben. Dann endet die zweijährige Übergangsfrist, die den Anbietern der Touristenunterkünfte bei der Einführung des Zweckentfremdungsverbotes eingeräumt wurde. Beim Aufspüren der illegalen Ferienwohnungen setzt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung auf die Bürger. Unter www.berlin.de/zweckentfremdung können sie ab sofort mögliche Gesetzes­verstöße melden.

Das Gesetz soll dafür sorgen, dass der in Berlin immer knapper werdende Wohnraum ausschließlich zum Wohnen genutzt wird, begründet Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) den drastischen Schritt. Nach einer aktuellen Studie des Immobiliendienstleisters GBI werden in Berlin rund 24.000 Ferienwohnungen in den einschlägigen Portalen angeboten. Von diesen wiederum seien laut Studie 14.400 vollwertige Mietwohnungen, die dauerhaft als Touristenunterkünfte angeboten werden. Nicht viel für eine große Stadt wie Berlin? Allerdings ballen sie sich in wenigen Kiezen, in denen freie Mietwohnungen ohnehin knapp sind. Nicht selten werden zudem in einem Haus gleich mehrere Wohnungen angeboten – all dies sorgt für Konfliktstoff.

Große Unsicherheit über Rechte von Vermietern

Doch welche Form der Fremdenbeherbergung in Privatunterkünften noch erlaubt, welche aber durch das neue Gesetz verboten ist, darüber herrscht große Unsicherheit bei denen, die Ihre Wohnungen – oder auch nur ein Zimmer – auf Portalen wie Airbnb, wimdu oder 9Flats anbieten.

Bei einer Podiumsdiskussion bietet die Berliner Morgenpost ihren Lesern auch die Möglichkeit, sich am Dienstag kommender Woche, 26. April, über Ferienwohnungen, ihr Verbot zu informieren und mit Experten darüber zu diskutieren. Unser nächstes Leserforum in der Reihe „Morgenpost vor Ort“ trägt den Titel „Wie viel Tourismus verträgt Berlin?“. Es beginnt um 19 Uhr in der Urania, An der Urania 17, in Schöneberg. Und neben vielen anderen Aspekten des Tourismus soll es auch um die Folgen des Verbotes gehen.

Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor

Auf dem Podium des Leser­forums diskutieren: Burkhard Kieker, Chef von „Visit Berlin“ und damit Berlins oberster Tourismuswerber; Monika Herrmann, Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg (Grüne); Tina Brack, geschäftsführende Direktorin des Ellington Hotels in Schöneberg; Heba Choukri, Anwohnerin und Galeristin in Kreuzberg und Joachim Fahrun, Chefreporter und landespolitischer Korrespondent der Berliner Morgenpost. Moderiert wird die Veranstaltung von Hajo Schumacher, Publizist und Kolumnist unserer Zeitung.

Der Tourismus ist längst ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für die Stadt. Er sorgt für mehr als elf Milliarden Euro Bruttoumsatz und für mehr als zwei Milliarden Euro Steuereinnahmen. Viele Berliner leiden unter den Folgen des Party-Tourismus. Bei anderen bessert der Touristenboom die Haushaltskasse auf.

Kritik am „Spitzelportal“ des Senators

So auch bei Anna H.. Seit ihre erwachsene Tochter ausgezogen ist, vermietet die Tempelhoferin ein Zimmer ihres Reihenhauses über Airbnb. Nicht ganzjährig, aber regelmäßig: „Wir haben jetzt einfach Platz, und es macht Spaß, Gäste aus Taiwan, aus den USA oder Spanien bei uns zu haben. Die meisten von ihnen würden sich Berlin gar nicht leisten können, wenn sie nicht bei privaten Vermietern wohnen könnten“, sagt die Berlinerin.

Die Diskussionen über das Zweckentfremdungsverbot, die verschiedenen Äußerungen aus der Politik und die „Einrichtung eines Spitzelportals“, wie sie es nennt, haben sie verunsichert. „Wir wissen nicht mehr, ob wir das überhaupt dürfen und ob wir beim Bezirksamt eine Genehmigung bekommen würden, um gelegentlich zu vermieten.“ Und sie fragt sich: „Warum gibt es in Berlin nicht einfache und transparente Regeln wie in vielen anderen Städten weltweit? Homesharing zu ermöglichen, sollte für eine moderne Metropole selbstverständlich sein“, so Anna H.. Sie und ihr Mann überlegen, das Vermieten ganz aufzugeben.

Als „komplex und verwirrend“ bezeichnet auch Julian Trautwein, Sprecher von Airbnb Deutschland, das Berliner Gesetz: Viele Gastgeber fühlten sich kriminalisiert. Aktuell sind bei Airbnb in Berlin mehr als 18.000 Inserate gelistet, erfasst sind Wohnungen, Zimmer, Gemeinschaftsräume und andere Unterkünfte.

Airbnb-Gastgeber nehmen 1800 Euro pro Jahr ein

Dabei legt das Homesharing-Portal ein rasantes Wachstumstempo vor: Die Zahl der Inserate ist im Jahresvergleich um 45 Prozent gewachsen. Eine gesetzliche Regelung muss nach Trautweins Worten eine klare Unterscheidung treffen „zwischen denen, die kommerziell Ferienwohnungen vermieten und denen, die gelegentlich im eigenen Zuhause Zimmer anbieten“. Genau das mache der typische Airbnb-Gastgeber, sagt der Sprecher und nennt einen Einnahme-Durchschnitt von 1800 Euro pro Jahr: „Davon kann keiner leben.“ Das Portal fühlt sich von der Berliner Politik angesichts seiner wirtschaftlichen Bedeutung nicht angemessen wahrgenommen: Trotz vieler Versuche haben wir „bis heute keine Chance gehabt, bei Senator Geisel vorzusprechen“. Dennoch setzt Airbnb auf Dialog und will, anders als das Portal Wimdu, nicht klagen.

So können sie teilnehmen

Ort und Zeit

Das Leserforum „Morgenpost vor Ort“ zum Thema „Wie viel Tourismus verträgt Berlin?“ beginnt am kommenden Dienstag, 26. April, um 19 Uhr im Saal Voltaire der Urania, An der Urania 17 in Schöneberg. Es dauert etwa zwei Stunden. Die Teilnahme ist für unsere Leser kostenlos.

Anmeldung

Voraussetzung zur Teilnahme ist eine Anmeldung in unserer Redaktion unter dem Kennwort „Morgenpost vor Ort“. Das geht ganz einfach per E-Mail an aktionen@morgenpost.de, per Fax an die Nummer 030/8872 77967 oder per Postkarte/Brief an die Berliner Morgenpost, Redaktion Lokales, Kurfürstendamm 22, 10719 Berlin. Teilen Sie uns bitte mit, wie viele Plätze Sie benötigen. Abonnenten der Berliner Morgenpost schreiben bitte ihre Abonummer dazu, sie werden bei der Platzvergabe bevorzugt berücksichtigt. Anmeldungen müssen spätestens bis Montag, 25. April, um 20 Uhr in der Redaktion vorliegen.

Anfahrt

Die Urania liegt unweit der U-Bahnhöfe Wittenbergplatz (Linien U1, U2, U3) und Nollendorfplatz (U3, U4). Die BVG-Buslinien M 19 und M 29 halten am Gebäude. Die Urania verfügt über einen eigenen Parkplatz (Zufahrt über Kleist- straße 13), weitere Parkplätze gibt es auf den Straßen im Umfeld a