Morgenpost-Leserforum

Wie viel Tourismus verträgt Berlin?

| Lesedauer: 7 Minuten
Andreas Abel
Touristen mit Rollkoffern im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg: Der Kiez an der Warschauer und Revaler Straße zieht Reisende an

Touristen mit Rollkoffern im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg: Der Kiez an der Warschauer und Revaler Straße zieht Reisende an

Foto: imago/PEMAX

Mehr als 30 Millionen Gästeübernachtungen kann Berlin bieten. Nicht allen gefällt das. Experten diskutieren im Morgenpost-Leserforum.

Jeder will nach Berlin. Ob Backpacker aus Übersee oder Kongressbesucher aus Bayern: Der Tourismus boomt in der deutschen Hauptstadt. Im vergangenen Jahr erreichte er einen weiteren Rekordwert. Erstmals wurde die magische Grenze von 30 Millionen Übernachtungen in Hotels und Pensionen geknackt. Nur die kann das Statistische Landesamt zählen. Hinzu kommen all die Menschen, die bei Verwandten oder Freunden nächtigen sowie diejenigen, die eine Ferienwohnung gemietet haben. Sie alle kurbeln die Wirtschaft an. In den vergangenen fünf Jahren stieg die Zahl der Hotelübernachtungen um fast zehn Millionen von 20,8 auf 30,25 Millionen Übernachtungen. „Von diesen Zahlen haben wir vor zehn Jahren nicht einmal zu träumen gewagt“, sagte der Geschäftsführer der Berlin Tourismus & Kongress GmbH „Visit Berlin“, Burkhard Kieker.

Berliner leiden unter dem Party-Tourismus

Für etliche Berliner klingt dies allerdings mehr nach Albtraum. Sie leiden unter den negativen Folgen des Party-Tourismus, können nachts nicht durchschlafen, weil regelmäßig sturzbetrunkene Jugendgruppen auf dem Weg in ihr Hostel laut grölend durch ihre einst beschauliche Straße ziehen. Wer in den Szenekiezen von Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte oder Neukölln wohnt, muss hart im Nehmen sein. Hausflure, in denen es morgens erbärmlich nach Urin stinkt oder geparkte Autos, über deren Windschutzscheibe sich Erbrochenes ergießt, sind eher die Regel als die Ausnahme.

Die Berliner Morgenpost bietet ihren Lesern daher die Möglichkeit, sich am Dienstag kommender Woche, 26. April, über das Thema zu informieren und auszutauschen und mit Experten über Vorteile, Probleme und Lösungswege zu sprechen. Unser nächstes Leserforum in der Reihe „Morgenpost vor Ort“ trägt den Titel „Wie viel Tourismus verträgt Berlin?“. Es beginnt um 19 Uhr in der Urania, An der Urania 17, in Schöneberg.

Sechs Experten auf dem Podium

Auf dem Podium des Leser­forums diskutieren: Burkhard Kieker, Chef von „Visit Berlin“ und damit Berlins oberster Tourismuswerber; Monika Herrmann, Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg (Grüne); Tina Brack, geschäftsführende Direktorin des Ellington Hotels in Schöneberg; Heba Choukri, Anwohnerin und Galeristin in Kreuzberg und Joachim Fahrun, Chefreporter und landespolitischer Korrespondent der Berliner Morgenpost. Moderiert wird die Veranstaltung von Hajo Schumacher, Publizist und Kolumnist unserer Zeitung.

Nach der etwa einstündigen Gesprächsrunde können die Teilnehmer im Publikum Fragen stellen und mitdiskutieren. Die Teilnahme an unserem Leserforum ist kostenlos. Sie müssen sich allerdings zuvor in unserer Redaktion anmelden.

So melden Sie sich an

Das geht ganz einfach per E-Mail an aktionen@morgenpost.de, per Fax an die Nummer 030/8872 77967 oder per Postkarte/Brief an die Berliner Morgenpost, Redaktion Lokales, Kurfürstendamm 22, 10719 Berlin. Teilen Sie uns bitte mit, wie viele Plätze Sie benötigen. Abonnenten der Berliner Morgenpost schreiben bitte ihre Abonummer dazu, sie werden bei der Platzvergabe bevorzugt berücksichtigt. Anmeldungen müssen spätestens bis Montag, 25. April, um 20 Uhr in der Redaktion vorliegen.

Wir möchten am 26. April darüber sprechen, welchen Stellenwert der Tourismus für Berlin hat und welche Chancen er der Metropole eröffnet. Wir wollen aber auch Schwierig­keiten und Herausforderungen, Ärgernisse und Kritikpunkte erörtern. Welche Ortsteile sind über Gebühr belastet? Wie kann Tourismus stadtverträglich gestaltet werden? Und brauchen wir ein Alkoholverbot in der Öffentlichkeit? Um diese und viele weitere Fragen soll es beim Leserforum gehen.

Zwei Milliarden Euro Steuereinnahmen

Der Tourismus ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und bringt gewaltige Einnahmen nach Berlin. Er sorgt für mehr als elf Milliarden Euro Brutto­umsatz und für mehr als zwei Milliarden Euro Steuereinnahmen. Nicht nur Hotellerie und Gastronomie leben vom Tourismus, auch für den Einzelhandel und den Kultursektor spielt er eine entscheidende Rolle. Betrachtet man alle Berlin-Touristen, also auch Tagesbesucher und Kongressteilnehmer, halten sich Tag für Tag Hunderttausende Gäste in der Stadt auf. „Der Tourismus ist und bleibt eine Erfolgsgeschichte“, sagt Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD).

Dabei ist auch dem Senat und „Visit Berlin“ klar, dass sie die Interessen der leidgeprüften Anwohner nicht ignorieren können. Es sei wichtig, die positive Haltung der Berliner gegenüber Touristen zu erhalten, sagte Kieker kürzlich vor Journalisten. 88 Prozent der Berliner sagten, die Gäste seien willkommen. Eine solche Akzeptanz könnten andere Städte nicht vorweisen. In Friedrichshain-Kreuzberg teilten allerdings nur 67 Prozent diese Ansicht.

Senat will Zahl der Ferienwohnungen senken

Das verwundert nicht. Die Akzeptanz hängt aber nicht nur vom Erhalt der Nachtruhe und Sauberkeit auf der Straße ab, sondern auch von der Zahl der Ferienappartements im Kiez. Senat und Abgeordnetenhaus hatten im vergangenen Jahr das Verbot der Zweckentfremdung von Wohnraum beschlossen. Es zielt insbesondere darauf, die Zahl der ungefähr 23.000 Ferienwohnungen zu verringern.

Sechs Experten diskutieren im Leserforum:

Burkhard Kieker ist seit 2009 Geschäftsführer von „Visit Berlin“ und damit oberster Tourismuswerber und Servicepartner für Kongresse der Stadt. Zuvor war er mehrere Jahre lang Chef der Unternehmenskommunikation der Berliner Flughafengesellschaft. Kieker bewirbt die Stadt als Gesamtereignis und weltoffene Metropole, die authentisch bleiben muss.

Monika Herrmann ist seit 2013 Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg. Die Grünen-Politikerin regte 2014 einen Verhaltenskodex für Touristen in Berlin an und löste mit der „Rollkoffer-Debatte“ eine Diskussion über stadtverträglichen Tourismus aus. Sie fordert ein Sicherheitskonzept für die Gegend rund um das RAW-Gelände.

Tina Brack ist seit der Eröffnung 2007 geschäftsführende Direktorin des Ellington-Hotels an der Nürnberger Straße in Schöneberg. Zuvor leitete sie den Bereich „Convention und Event“ im Hotel Estrel (Neukölln), das demselben Eigentümer, Ekkehard Streletzki, gehört. Ihre Ausbildung schloss sie an der Berliner Hotelfachschule ab.

Heba Choukri wohnt am Görlitzer Park und betreibt eine Galerie an der Falckenstein­straße. Seit 1986 lebt sie im Kiez. Sie hat dort viele Veränderungen erlebt aber auch erfahren, dass die Anwohner mit der Gründung von Initiativen und Netzwerken darauf reagiert haben. Sie weiß, wie sehr Menschen im Kiez, vor allem nachts, unter dem Touristenansturm leiden.

Joachim Fahrun ist Chefreporter der Berliner Morgenpost. Seit 2001 arbeitet er in unserer Redaktion als landespolitischer Korrespondent, er wohnt in Friedrichshain. Als gebürtiger Berliner und hervorragender Journalist verfolgt er die Veränderungen, die der Tourismus in der Stadt hervorgerufen hat, intensiv.

Hajo Schumacher. Der Morgenpost-Autor und Kolumnist moderiert die Diskussion. Der Journalist und Politikwissenschaftler arbeitet für Magazine, Hörfunk und Fernsehen. Er ist Verfasser mehrerer Bücher. Bekannt wurde er auch als „Deutschlands bekanntester Hobbyläufer“, Achim Achilles.