Straßenrennen

Nach einer Woche sind PS-Protze wieder auf der Straße

Raser werden nach dem tödlichen Unfall am Tauentzien stärker kontrolliert und aus dem Verkehr gezogen – aber nur für kurze Zeit.

Verdächtig laut: Polizeikontrolle an der Joachimsthaler Straße Ecke Kurfürstendamm

Verdächtig laut: Polizeikontrolle an der Joachimsthaler Straße Ecke Kurfürstendamm

Foto: Joerg Krauthoefer

Am 1. Februar dieses Jahres wurde ein 69-jähriger Mann Opfer eines illegalen Straßenrennens auf dem Tauentzien. Zwei junge Männer hatten sich in der Nacht mit ihren Luxuslimousinen ein Rennen geliefert und eine rote Ampel missachtet. Sie stießen mit dem Jeep des 69-Jährigen zusammen. Der Mann starb noch an der Unfall­stelle. 16 Tage nach dem tödlichen Unfall reagierte die Polizei: Seit dem 17. Februar beschäftigen sich acht Beamte beim zentralen Verkehrsdienst intensiv mit dem Thema illegale Autorennen und Profilierungsfahrten.

Illegale Straßenrennen, Rotlicht­verstöße, Fahrzeugmängel, Geschwindigkeitsverstöße, die unzulässige Benutzung der Busspur sowie Handy­nutzung am Steuer – die Liste der festgestellten Verkehrssünden ist lang. Von Anfang Februar bis Ende März wurden insgesamt 2187 Pkw und 103 motorisierte Zweiräder im Zusammenhang mit sogenannten Profilierungsfahrten und illegalen Autorennen kontrolliert. „Im Rahmen dieser Kontrollen wurde 77 Kraftfahrzeugführern aufgrund technischer Mängel die Weiterfahrt untersagt“, sagt Polizeisprecher Stefan Redlich.

Auf der Jagd nach Berlins Rasern
Auf der Jagd nach Berlins Rasern
Video: BM Video / Florian Beutel

In 50 Fällen seien die Mängel so gravierend gewesen, dass die Fahrzeuge zur Erstellung eines fachtechnischen Gutachtens sichergestellt wurden. Meist handele es sich um zu laute oder manipulierte Auspuffanlagen und ungenehmigte Fahrzeugumbauten.

Personal an anderen Stellen abgezogen

253 Schwerpunkteinsätze mit 31 Geschwindigkeitsüberwachungen wurden durchgeführt. Unter anderem wurden 120 Verkehrsstrafanzeigen ausgestellt: 31 Fahrerlaubnis- sowie 69 Haftpflichtverstöße, vier wegen Trunkenheit und 16 Anzeigen wegen Nötigung oder Gefährdung des Straßenverkehrs. 1026 Verkehrsordnungs­widrigkeiten wurden festgestellt.

Polizei kontrolliert Raser am Kudamm
Polizei kontrolliert Raser am Kudamm
Video: BM Video

Kritik kommt von der Gewerkschaft der Polizei (GdP). „Es ist lobenswert, dass Polizeipräsident Klaus Kandt nach wachsendem Medieninteresse den Kampf gegen Raser und Profilierungsfahrten in den Mittelpunkt stellen möchte“, sagte GdP-Sprecher Benjamin Jendro. „Die Vergangenheit zeigt, dass wir da, wo wir Personal und somit Ermittlungen intensivieren, Erfolge verzeichnen. Die Frage ist aber, inwieweit wir dieses Problem in den Griff bekommen.“

>>>Kommentar: Raser, Dealer, Polizei: Verfolgungsdruck allein reicht nicht

Es sei eine Aufforderung Kandts an die Polizeidirektionen gewesen, Personal abzustellen, heißt es. Diese Mitarbeiter würden jetzt aber auf ihren Dienststellen fehlen. Ein Beamter berichtete der Berliner Morgenpost, dass innerhalb kurzer Zeit schon zwei Mitarbeiter wieder aus der Arbeitsgruppe genommen wurden und zu ihren alten Arbeitsplätzen zurückgekehrt sind. „So kann sich keiner in das Thema qualifiziert einarbeiten.“

Überwachungszeiten bekannt

Der Verkehrsexperte bei der Polizei erklärt, dass die Qualität der Verkehrsüberprüfung sehr gering ist. Schleifspuren in den Radkästen würden nicht erkannt werden. Die weisen darauf hin, dass Wagen beispielsweise tiefergelegt wurden und mit zu breiten Reifen auf der Straße unterwegs waren.

Wird ein Fahrzeug sichergestellt, erstellen Tüv oder Dekra ein Gutachten und einen Mängelbericht. „Wir benötigen ungefähr sechs Einsatzstunden für ein Fahrzeug“, sagte der Beamte. „Und nur dafür, dass das Auto nach einer Woche teilweise unverändert wieder auf der Straße ist.

Einen getunten Mercedes CL 500 mit einem V8-Motor haben wir in den vergangenen zwei Jahren dreimal aus dem Verkehr gezogen“, sagte der Polizist. „Jedes Mal hatte er eine andere Farbe, aber der Schalldämpfer der Auspuffanlage war ausgebaut. Der Sound müsse zum AMG-Aufkleber passen, war die Begründung.“ Auch die Dienstzeiten der Beamten in den Überwachungswagen seien längst bekannt.

Kontrollen ohne Effekt

„Der Effekt der Kontrollen strebt gegen Null, wenn die Wagen in kürzester Zeit wieder auf der Straße sind“, so die GdP. „Wir müssen erreichen, dass beispielsweise bei zu lauten Motoren die Betriebserlaubnis erlischt und der Verursacher mit Punkten in Flensburg bestraft wird. Das war in der alten Bußgeldverordnung noch der Fall.“

Seit Mai 2014 gibt es Punkte nur noch für Verstöße gegen die Verkehrssicherheit. Delikte, die keine direkte Auswirkung auf die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer haben, werden in dem Register nicht mehr gespeichert. Und dazu gehören auch zu laute Motoren beziehungsweise veränderte Auspuffanlagen.

Es vergehe kein Tag, an dem die Polizei nicht zu laute und auffällige Autos aus dem Verkehr ziehen würde, sagte der Beamte der Berliner Morgenpost. „Die Wahrscheinlichkeit kontrolliert zu werden, sinkt von Jahr zu Jahr“, so der Ermittler. „Autofahrer mit manipulierten Fahrzeugen müssen sich kaum noch Gedanken machen, erwischt zu werden.“

„Wir haben generell zu wenig geschulte Spezialisten auf diesem Gebiet“, sagte GdP-Sprecher Jendro. „Wir benötigen, wie in allen anderen Bereichen auch, zusätzliches Personal, um mehr Verkehrsüberwachung leisten und somit mehr Sicherheit auf Berlins Straßen gewährleisten zu können.“

Bewunderung für Raser

Nach Angaben des Verkehrsexperten könnten langfristige und effektive Erfolge erst erzielt werden, wenn alle Beteiligten zusammenarbeiten würden. Er verweist auf die Polizeiarbeit in Köln. In der Domstadt geht seit zwei Jahren eine Projektgruppe gegen die dort ansässige Raserszene vor. „Das ist eine feste Gruppe, bei der Justiz, Tüv und die Polizei gemeinsam an einem Tisch sitzen“, sagte er. „In Köln gibt es auch Plakat­aktionen und Videos für die Öffentlichkeit zu diesem Thema.“

In Berlin würden die Raser noch zu viel Bewunderung und Beifall von bestimmten Bevölkerungsgruppen erfahren. „Wenn ein getunter Mercedes auf dem Kudamm mit quietschenden und qualmenden Reifen an der Ampel startet, dann wird das noch von vielen mit dem Smartphone gefilmt.“