Prozess in Berlin

Tödliche Verfolgungsjagd: Angeklagter gesteht Horrorfahrt

Als der angetrunkene Raser die Polizei bemerkt, flieht er mit 150 km/h durch Berlin. Am Ende verursacht er einen tödlichen Unfall.

Ein Intensivtäter hat vor Gericht die Verantwortung für den tödlichen Unfall in Kreuzberg im September 2014 übernommen

Ein Intensivtäter hat vor Gericht die Verantwortung für den tödlichen Unfall in Kreuzberg im September 2014 übernommen

Foto: Massimo Rodari

In Berlin vergeht derzeit kaum ein Tag, an dem die Polizei nicht mindestens einen durch rücksichtslose Raserei verursachten schweren Unfall meldet. Mehrfach gab es dabei in jüngster Vergangenheit auch Todesopfer. Der tödliche Unfall, den Hakan K. (23) verursachte, liegt bereits eineinhalb Jahre zurück. Am Mittwoch musste sich der als Intensivtäter geführte K. dafür vor dem Amtsgericht Tiergarten verantworten. Das vertagte die Entscheidung aber auf den 22. April. Dann soll unter anderem geklärt werden, ob das Amtsgericht überhaupt zuständig ist.

Denn schon zu Beginn der Verhandlung beantragte der Anwalt der Eltern des Getöteten als Nebenklagevertreter, das Verfahren gegen Hakan K. auszusetzen und an das Landgericht zu verweisen. K. habe mit seinem Verhalten den Tod seines Opfers in Kauf genommen, somit liege bedingter Vorsatz vor. Die Tat sei als Totschlag zu werten und ein Fall für das Landgericht, begründete der Anwalt den Antrag. Im Verlauf der achtstündigen Verhandlung sprach sich dann auch der Staatsanwalt für einen neuen Prozess vor einer höheren Instanz aus. Da das Schöffengericht den Antrag der Nebenklage zunächst ablehnte, wurde am Mittwoch trotzdem verhandelt.

Was die Anklageverlesung und die abgegebene Erklärung des geständigen 23-Jährigen zum Tatgeschehen in den frühen Morgenstunden des 21. Septembers 2014 und der Vorgeschichte zutage förderte, erzeugte selbst bei erfahrenen Juristen und Prozessbeobachtern im Saal Fassungslosigkeit. Und bestätigte nach und nach so ziemlich jedes Klischee, dass über rücksichtslose Raser im Umlauf ist.

Die Nacht hatte K. mit einigen Freunden in einem angesagten Club in Wedding verbracht. Getrunken wurde Whiskey und Wein. Zusätzlich genehmigte sich der 23-Jährige noch eine Prise Kokain, zum ersten Mal in seinem Leben, wie er in seiner Erklärung am Mittwoch bekannte.

Flucht vor der Polizei wegen offener Haftstrafe

Nachdem sich die feucht-fröhliche Runde aufgelöst hatte, fuhren K. und ein 21-jähriger Freund mit dem Auto davon. K. saß ungeachtet seines vorangegangenen Alkohol- und Drogenkonsums hinter dem Steuer, sein Freund nahm auf dem Beifahrersitz platz. Den PS-starken Mercedes einer Autovermietung hatte ein Freund von K. angemietet, denn der 23-Jährige selbst besaß zu der Zeit keinen Führerschein. Das hinderte ihn in dieser Nacht aber offenbar nicht an einer „halsbrecherischen Amokfahrt“, wie es in der Verhandlung hieß.

Die Ermittlungen der Polizei ergaben, dass Hakan K. zum Teil mit Spitzengeschwindigkeiten zwischen 130 und 150 Stundenkilometern unterwegs war. Was sich der 23-Jährige bei seiner hemmungslosen Raserei gedacht hat, vermochte er vor Gericht nicht mehr zu sagen. Was er dachte, als in Kreuzberg plötzlich die Polizei auf ihn aufmerksam wurde, dagegen sehr wohl. K. erinnerte sich beim Anblick des Streifenwagens prompt an eine offene Haftstrafe. Also ergriff er augenblicklich die Flucht, trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch und ließ sich auch von mehreren roten Ampeln nicht im Mindesten beeindrucken.

Gegen 4.30 Uhr endete die wilde Fahrt durch Kreuzberg. An der Kreuzung Gneisenaustraße / Ecke Zossener Straße prallte der Mercedes des 23-Jährigen gegen einen weiteren Streifenwagen. Ein Polizeibeamter und der Beifahrer von K. wurden schwer verletzt, der Beifahrer starb zwei Tage später im Krankenhaus.

In der im Prozess am Mittwoch von seinem Verteidiger verlesenen Erklärung räumte Hakan K. die Tat ein. Seine Antworten auf Nachfragen des Richters, was den Angeklagten überhaupt zu dieser Amokfahrt veranlasst hatte, brachte wenig wirklich Erhellendes. Der Alkohol und vor allem das Kokain hätten sehr schnell gewirkt, er sei völlig aufgedreht gewesen und habe sich stark gefühlt, irgendwie „cool“, hieß es in der Erklärung. Beim Anblick der Polizei habe er schließlich Panik bekommen und sei daher „schneller und immer schneller gefahren“, an weitere Einzelheiten könne er sich heute nicht mehr erinnern, führte der Angeklagte weiter aus.

Eltern des Unfallopfers lehnen Entschuldigung ab

Sein Mandant habe zudem mehrfach versucht, Kontakt zu den Eltern seines getöteten Freundes aufzunehmen, um sein tiefes Bedauern über das Geschehene zu äußern, sagte der Verteidiger von K. Doch davon wollten die Eltern nichts wissen, nicht nach dem tödlichen Unfall und auch nicht als Nebenkläger in der Verhandlung am Mittwoch. „Das brauchen wir nicht“, hieß es als Antwort auf das Angebot des Verteidigers, einen Brief seines Mandanten an die Eltern.

Sollte das Verfahren vor dem Landgericht neu aufgerollt werden, muss eine Schwurgerichtskammer über den Tatvorwurf Totschlag entscheiden.