Nahverkehr

Fahrgastverband nennt Bürgerticket-Vorschlag „populistisch“

Die Grünen wollen, dass alle Berliner für den Nahverkehr monatlich pauschal 15 Euro zahlen. Fahrgastverband und SPD sind dagegen.

Wenn Fahrradfahrer auf BVG und S-Bahn umstiegen, sei das nicht ökologisch, sondern würde den Nahverkehr überlasten, meint der Fahrgastverband

Wenn Fahrradfahrer auf BVG und S-Bahn umstiegen, sei das nicht ökologisch, sondern würde den Nahverkehr überlasten, meint der Fahrgastverband

Foto: Hubert Link / picture-alliance / ZB

Der Vorschlag der Grünen für ein von allen Berlinern finanziertes Bürgerticket für die kostenfreie Fahrt mit Bussen und Bahnen sorgt für heftige Diskussionen.

Die Meinungen in den sozialen Netzwerken sind geteilt. „Die spinnen doch“, schreiben die Einen. Oder: „Ich lass’ mir doch nicht verordnen, für etwas zu zahlen, das ich gar nicht nutze.“

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Andere halten das Prinzip der Umlagefinanzierung dagegen für gerecht. „Hört sich selbst für mich als Autofahrer fair an“, so ein Kommentar auf der Facebook-Seite der Berliner Morgenpost. Nutzer von BVG und S-Bahn würden Steuern für die Straßen zahlen, auch wenn sie kein Auto hätten. „Wieso sollte ich dann als Autofahrer nicht auch für den ÖPNV (öffentlicher Personennahverkehr) zahlen?“. Weitere Kommentare lauten: „Wir müssen endlich anfangen, die Anbetung des Autos zu beenden.“ Aber auch: „Diese Partei sollte alle Bürger dafür bezahlen, das sie deren weltfremde Ideen immer wieder aufs Neue ertragen müssen.“

15 Euro müsste jeder Berliner zahlen

Hintergrund ist eine Passage in dem am Sonnabend beschlossenen Programm der Grünen für die Wahl zum Abgeordnetenhaus am 18. September . Unter der Überschrift „Bezahlbare Tickets für die Öffentlichen“ plädiert die Partei unter anderem für die mittelfristige Einführung einer sogenannten „Bärenkarte“.

Für dieses Bürgerticket müssten alle Berliner „ungefähr 15 Euro“ zahlen, also auch diejenigen, die Busse und Bahnen nicht nutzen. Dafür könnten sie den öffentlichen Nahverkehr kostenlos nutzen, nur in den Hauptverkehrszeiten zwischen 7 und 10 Uhr morgens müssten Nutzer zusätzlich die Hälfte der heutigen Fahrpreise entrichten.

„Milchmädchenrechnung“ heißt es aus der SPD

Der Fahrgastverband IGEB bezeichnete den Vorschlag als „unausgewogen und populistisch“. Ein umlagefinanziertes Ticket, mit dem die Berliner kostenlos fahren könnten, mache den Nahverkehr attraktiv auch für Menschen, die man nicht anwerben wolle, sagte IGEB-Sprecher Jens Wieseke. Wenn Fußgänger oder Fahrradfahrer auf BVG und S-Bahn umstiegen, sei das nicht ökologisch, sondern würde den Nahverkehr überlasten. Nötig wären zusätzliche Fahrzeuge und Strecken, die viel Geld kosten würden.

Der verkehrspolitischer Sprecher der SPD, Ole Kreins, sprach von einer nicht bezahlbaren „Milchmädechenrechnung“.

Auch Linke und Piraten für umlagefinanziertes Ticket

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Ramona Pop, betonte am Sonntag auf Nachfrage, dass die Passage nicht Kern des Wahlprogramms sei und eher als Anregung zu verstehen sei, wie man den Nahverkehr stärken könne. Wichtiger seien die ebenfalls im Wahlprogramm festgeschriebenen notwendigen Investitionen in das Netz, dichtere Taktzeiten und die Verlängerung von Straßenbahnlinien.

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Pop signalisierte, dass die Partei auf die Umsetzung des Vorschlages für die „Bärenkarte“ in möglichen Koalitionsverhandlungen nicht unbedingt bestehen werde. „Wir werden nichts über die Köpfe der Bürgerinnen und Bürger hinweg entscheiden“, sagte Pop.

Mit dem Vorschlag für ein umlagefinanziertes Ticket für den Nahverkehr sind die Grünen nicht allein. Linke und Piraten hatten bereits ähnliche Konzepte entwickelt.