Virtual Reality

In diesem Berliner Kino guckt jeder für sich allein

In Mitte hat das erste Virtual-Reality-Kino eröffnet. Das Spektakel ist nichts für gesellige Zuschauer mit schwachen Mägen.

Im Virtual-Reality-Kino in Mitte sitzt jeder Besucher auf einem Drehstuhl, damit er ein Rundumbild erleben kann

Im Virtual-Reality-Kino in Mitte sitzt jeder Besucher auf einem Drehstuhl, damit er ein Rundumbild erleben kann

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Im Foyer wird Popcorn gereicht, aber das war es dann auch mit den Gemeinsamkeiten. Zuvor haben sie „Pop Candy“ verteilt, ein blaues Zuckerzeug made in China, das aussieht wie das Crystal Meth aus „Breaking Bad“ und im Mund anfängt zu bitzeln. Im Kinosaal stehen statt der üblichen Sitzreihen Designer-Drehstühle im Raum verteilt. Eine altmodische Stehlampe thront in der Mitte, die Perserteppiche dazu sollen Wohnzimmerambiente erzeugen. Spätestens jetzt ist klar: Ein normaler Kinoabend wird das nicht.

Virtual-Reality-Kino (VR) heißt der Unterhaltungstrend, der in Berlin seit Donnerstag auf dem Programm steht. Am Molkenmarkt in Mitte hat die niederländische Firma Samhoud Media das erste VR-Kino Deutschlands eröffnet. Zunächst gibt es eine Einweisung. Nicht nur geradeaus, in alle Richtungen soll man schauen. Und so die vollen 360 Grad erleben – deshalb die Drehstühle. Dann werden die VR-Brillen aufgesetzt, obendrauf Kopfhörer. Mitarbeiter laufen umher und nehmen letzte Einstellungen an den Geräten vor. Los geht die Reise.

Plötzlich fällt mir ein, dass ich Höhenangst habe

Ich schwebe durch eine animierte Wüstenwelt. Es ist, als würde ich auf einem unsichtbaren fliegenden Teppich sitzen. Eine verfallene Burg taucht auf, Vögel umkreisen sie. Ich steige höher und mir fällt ein, dass ich Höhenangst habe. Reflexartig greife ich nach der Stuhllehne. Nicht nach unten schauen. Plötzlich ein Tröten. Elefanten mit spinnenartigen Beinen ziehen vorbei. Ich bin im Gemälde „Die Elefanten“ von Salvador Dalí gelandet.

Der nächste Clip. Eine Band spielt in einem Lagerhaus, die Musiker bilden einen Kreis, ich fühle mich umzingelt. Der Gitarrist grinst mich aufreizend an. Nachdem ich mich auf meinem Stuhl einmal um die eigene Achse gedreht habe, steht er plötzlich oberkörperfrei und in Zebra-Leggings da.

Insgesamt fünf Clips werden innerhalb von 30 Minuten gezeigt. Bis auf den letzten sind alle animiert. Es geht um ein Popstar-Pärchen, das genötigt wird, seine guten Absichten wahr zu machen und einen Flüchtling bei sich aufzunehmen. Mit 16 Kameras wurde der Kurzfilm gedreht, erklärt Jip Samhoud. Der blonde Firmenchef, der erstaunliche Ähnlichkeit mit Schauspieler Owen Wilson hat, gründete in Amsterdam das erste VR-Kino der Welt. Jetzt will er den deutschen Markt erobern. „Berlin ist die wichtigste Technologie-Stadt; und hier gibt es ein cooles Publikum“, sagt Samhoud, der als nächstes Köln im Visier hat.

Gemeinsam lachen und weinen nicht möglich

Eine „völlig neue Dimension“ des Kinos, lautet das Versprechen von Samhoud Media. Raschelnde Chipstüten, klingelnde Handys und laute Besucher sollen der Vergangenheit angehören. Doch die totale Abschottung hinter der Brille macht auch einsam. Zusammen lachen und weinen, all das, was Kino ausmacht, ist nicht möglich. Jeder guckt für sich allein. Und VR-Kino ist nichts für schwache Mägen. Mehrmals muss ich während der Flüge durch die virtuellen Welten meine Brille absetzen, um wieder runterzukommen.

Auch wird während der Vorführung schnell deutlich, dass die Technik noch am Anfang steht. Den Aufnahmen fehlt Schärfe, bei schnellen Bewegungen verschwimmt das Bild. Die Brillen, die Samhoud Media nutzt, waren ehemals die modernsten auf dem Markt, inzwischen gibt es bessere. Der Anspruch des Unternehmens ist, die beste Technik an den Start zu bringen, doch das kostet natürlich viel Geld. Ein weiteres Ziel ist, komplette Spielfilme einzukaufen. Das Angebot dafür ist noch überschaubar.

Acht Vorstellungen werden pro Tag zunächst gezeigt, Eintrittspreis 12,50 Euro. „Wie lange wir in Berlin bleiben, hängt vom Erfolg ab“, sagt Samhoud. Und davon, ob die Zuschauer schwindelfrei sind.