Internet-Stars

Wie der Star aus dem BVG-Video jetzt um seinen Erfolg kämpft

| Lesedauer: 7 Minuten
Patrick Goldstein
Sein Hit heißt „Is mir egal“. Damit wurde Kazim Akboga im Netz berühmt und zum Werbestar der BVG. Jetzt will er mehr

Sein Hit heißt „Is mir egal“. Damit wurde Kazim Akboga im Netz berühmt und zum Werbestar der BVG. Jetzt will er mehr

Foto: Marion / Marion Hunger

Video-Blogger lernen, wie man im Internet berühmt wird. BVG-Star Kazim Akboga und YouTube-Mama Melanie sind auch dabei.

Sein Song wurde auf YouTube 20 Millionen mal geklickt. Aber Kazim Akboga reicht das nicht mehr. „Is mir egal“ war sein Hit im Netz. Die BVG machte ihn zu ihrem Werbestar und präsentierte den 33-Jährigen als tapsigen Fahrkartenkontrolleur in einem bald viel diskutierten Videoclip. Das gab nochmal eine weitere halbe Millionen Aufrufe.

Jetzt jedoch steht der massige Neuköllner während einer Vortragspause in der Teeküche des Berliner YouTube-Hauptquartiers und beißt lustlos in ein Spinattörtchen. „Ich habe überhaupt keine Ahnung, wie das mit mir weitergehen soll. Seit dem Erfolg ist mir nichts mehr egal.“ Akboga hat sich daher für diesen zweitägigen Workshop angemeldet, bei dem er und weitere 20 Teilnehmer im „YouTube Space Berlin“ lernen, mit welchen Strategien sie zu Online-Stars werden können.

Wie man seine Popularität auf der Videoplattform versilbert, muss man ihnen allerdings nicht mehr erklären. Jedem, der mit seinen Filmchen bestimmte Regeln einhält, etwa beim Urheberschutzrecht, bietet Youtube an, diese mit Werbung zu umrahmen und den Gewinn zu teilen. Je mehr Anhänger, desto mehr Geld gibt es. So erzählt der eine Youtuber regelmäßig von bevorstehenden Kino-Starts, der nächste testet neue Computerspiele, andere reisen, geben Kosmetiktipps, machen Comedy oder zeigen, wie man die Fahrradgangschaltung richtig einstellt - immer in der Hoffnung, möglichst viel Publikum zu finden. Das ist Fernsehen für eine neue Generation.

Kostenlose Aufnahme-Räume für Leute, die Stars werden wollen

Weil das Unternehmen an jedem Klick mitverdient, hat es wie in Los Angeles, Sao Paolo und Paris auf dem Studiogelände an der Tempelhofer Oberlandstraße im April 2015 kostenlose Aufnahme- und Fortbildungsräume für seine Nutzer eröffnet. Auf dem Areal entstand einst Dieter Thomas Hecks „Hitparade“: Entertainment für die Großeltern der neuen Youtuber.

Der halbdunkle Vortragssaal dort ist mit jenem bunten Mix aus Sesseln, Designstühlen und Sitzsäcken ausgestattet, den Menschen wie Kazim Akboga und die anderen Workshop-Teilnehmer aus WGs kennen. Jeder von ihnen hat einen Videoblog mit mindestens 1000 Abonnenten. In Styling und Auftreten kommunizieren sie das Image, für das sie auch online stehen: Es gibt die schwarzgelockte Sängerin Karlie, die auf Youtube mit einer Talk-Musik-Show endlich berühmt werden will, die zappeligen Teenager Johannes und Julius, die auf ihrem Kanal „Winyfun“ schon sehr professionell jungsspezifische Dinge wie Kameratechnik oder Flugaufnahmen mit dem Quadrocopter präsentieren, aber später in der Fragerunde vorübergehend vergessen werden, was sie eigentlich fragen wollten, und die geheimnisvoll lächelnde Bilge, die in Abendgarderobe erschienen ist und auf Youtube Beauty-Tipps gibt. Kazim ist in einem Sessel versunken und beobachtet unter schweren Lidern die Referenten Anna Lena und Chris.

Sie trägt ein rotes Kleid, er ein ausgewaschenes T-Shirt, Jeans und einen dünnen blonden Bart. Beide sind um die 30. „Mich interessiert, was Ihr auf Youtube macht, was Ihr Euch wünscht. Ich hab’ richtig Lust auf zwei Tage Workshop mit Euch“, sagt Chris, der sich als „Communitymanager“ mit Hauptarbeitsplatz London vorstellt. Das Publikum macht: „Wow!“

Im ersten Vortrag geht es um die Merkmale eines erfolgreichen Youtube-Kanals. Zuschauer, sagen die Referenten, mögen Fakten, eine klare thematische Ausrichtung und - ganz wichtig: wenn jemand einen Kommentar hinterlässt, unbedingt antworten. Sängerin Karlie macht sich auf ihrem Tablet Notizen.

43 Millionen Abonnenten - ein Traum

Bei den internationalen Youtube-Stars läuft das so gut, dass sie, wie Schwede Felix Kjellberg, 43 Millionen Abonnenten erreichen. Ihm wird ein Jahreseinkommen von zwölf Millionen Euro nachgesagt. In Deutschland zählen Styling-Ikone Bibi, Games-Experte Gronkh und Komikertrio Y-Titty zu den Großverdienern mit mehr als drei Millionen Abonnenten. Nach Köln leben die meisten erfolgreichen deutschen Youtuber in Berlin, sagt Mounira Latrache, Leiterin des YouTube Space.

Die 29-jährige Jacqueline aus Neukölln lebt von ihrem Kanal, obwohl sie nur knapp 9000 Abonnenten hat. „Ich bin Modeschneiderin und gebe auf ‘justMiko’ Häkelanleitungen“, sagt sie. „Erst dachte ich, das sei zu omamäßig. Aber ich kann davon Essen und Miete bezahlen.“ Die einfachen Handgriffe - Beanie stricken, Hasenkissen nähen, Zombiefiguren häkeln - demonstriert sie im kostenlosen Youtube-Video. „Dort verlinke ich eine große Kunsthandwerkseite, auf der ich meine komplizierteren Anleitung verkaufe.“ Ihr Traum? „Ein eigener Onlineshop.“

Plaudern über Morgenübelkeit und den Babybauch

Die gebürtige Hellersdorferin Melanie sagt, ihr Verdienst mit Youtube-Kanal „Mellis Blog“ liege immerhin über dem, was sie nach ihrer Ausbildung zur Friseurin verdient hätte. „Alles fing damit an, dass ich während meiner Schwangerschaft einfach mal in die Kamera erzählt habe, wie ich mich fühle, wie mein Bauch aussieht, wie das ist mit der Morgenübelkeit und wie ich meinem Freund gesagt habe, das wir Eltern werden.“

Nach den ersten 20, 30 Klicks habe sie gedacht: „Krass, sowas interessiert die Leute?“. Das war Anfang 2013. Inzwischen hat die 28-Jährige, die sich mit langem blonden Haar, weißer Bluse und schwarzer Hose als urbane Mutter und smarte Geschäftsfrau präsentiert, 46.500 Abonnenten. Mit ihnen teilt sie ihr Mutterleben. Von der Reise mit Kleinkind nach Texas bis zum Umgang mit Dehnungsstreifen am Körper. „Ich denke, ich wirke auf die Zuschauer wie eine Freundin, mit der man sich aus der Ferne austauscht“, sagt sie.

Die Resonanz der Zuschauer habe ihr von Anfang an gut getan. „Man bloggt, um Bestätigung zu finden.“ Überhaupt habe sie schon immer gern im Mittelpunkt gestanden. „In der Schule war ich der Klassenclown. ‘Melli hat wieder im Unterricht Handstand gemacht’, hieß es oft.“ Die meisten Blogger aber, das hatte schon Youtube-Managerin Latrache gesagt, habe sie bei Begegnungen als schüchtern erlebt. „Auf Youtube dürfen sie dagegen eine Seite von sich zeigen, die sie sonst nicht ausleben können“, sagt Melanie.

So ist auch Kazim Akboga im Gespräch mit den anderen Workshopteilnehmern eher ein höflicher Zuhörer als der verkniffene Miesepeter aus seinen Videos. „Im Moment lebe ich noch von ‘Is mir egal’“, sagt er. Aber ich habe heute gelernt, dass ich meinen Kanal attraktiver machen muss und vor allem regelmäßig Neues liefern muss, damit die Leute Lust bekommen, mich einzuschalten.“ Eines aber wird der Neuköllner auch nach mehrstündiger Schulung nicht befolgen: „Kommentare beantworten? Das mache ich nicht. Ich spreche nicht so gern mit meinen Fans.“