Flüchtlinge in Berlin

Deutsch lernen am Deutschen Theater in Berlin

Mitarbeiter engagieren sich für Flüchtlinge, bieten Sprachkurse an und betreuen Übernachtungsgäste. Auch Kunst ist geplant.

Jörg Freckmann (r.) beim Deutschunterricht in der Kantine mit seinen Schülern Jalal, Khaled, Homayun und  Zawi (v.l.)

Jörg Freckmann (r.) beim Deutschunterricht in der Kantine mit seinen Schülern Jalal, Khaled, Homayun und Zawi (v.l.)

Foto: Reto Klar

Der Lehrer, der eigentlich keiner ist, steht vor einem großen Block und zeigt auf ein Wort: „Kauf-mann“, sagt er, beide Silben deutlich betonend. „Kauf- ?“. Jörg Freckmann, der hier im hinteren, abgetrennten Teil der Kantine des Deutschen Theaters (DT) den Lehrer gibt, schaut jeden seinen vier Schüler kurz an: „-frau“, antwortet Homayun zögerlich. Und wird dafür gelobt.

Deutschunterricht für junge Flüchtlinge. Einer von mehreren Kursen, die Mitarbeiter des Deutschen Theaters anbieten. In der heutigen Doppelstunde geht es um Berufe, um die männliche und die weibliche Form. Und die Ausnahmen. Beispiel Krankenschwester. „Wenn ein Mann in diesem Beruf arbeitet“, sagt Freckmann, heißt es nicht Krankenbruder, sondern Pfleger.“

Ohne die Familie nach Berlin geflohen

Ob sich das Jalal, der 17-Jährige stammt aus Iran, der gleichaltrige Khaled, der aus Syrien kommt, und die beiden 26-jährigen Afghanen Homayun, die alle unbegleitet nach Berlin gekommen sind, merken können? Das ist für Jörg Freckmann zweitrangig. Am Deutschen Theater leitet er den Vertrieb und Besucherservice, er möchte seine Schüler fit machen für einen professionellen Deutschkurs. Und für das Leben in der fremden Umgebung. Am Beispiel der „Hausfrau“. Die kümmert sich um die Wohnung, bügelt, wäscht und kocht, erläutert der Lehrer. Und wie heißt die männliche Entsprechung? Hausmann. Ein Begriff, der die muslimischen Schüler stutzen lässt. In der Gesellschaft, aus der sie kommen, sind die Rollen in der Familie klar verteilt. Das ist in ihrer neuen Heimat anders. Auch das möchte Freckmann vermitteln.

Nicht nur theoretisch im Unterricht, sondern anschaulich. Er hat mit seinen Schülern bei sonntäglichen Ausflügen Freunde besucht, die nicht in der klassischen Vater-Mutter-Kind-Konstellation leben. Und nachdem ein Schüler im Unterricht erwähnte, dass Hitler doch gut war, ist Freckmann mit seiner Lerngruppe zur Holocaust-Gedenkstätte gefahren. Hat Bilder von Konzentrationslagern gezeigt. In der Mauergedenkstätte waren sie auch schon, sie wissen jetzt, „dass es in der DDR keine Bananen gab“, sagt Freckmann und lacht. Und im Olympiastadion, in der Ostkurve, haben sie ein Hertha-Spiel gesehen. Als die Flüchtlinge in die Anfeuerungsrufe einstimmten, klang das „BSC“ bei ihnen wie „BFC“. Also nach Dynamo, dem alten „Stasi-Club“ von Erich Mielke. Die Hertha-Fans reagierten verständnisvoll.

Viel Respekt

Die Schüler packen zusammen, räumen Gläser und Bananenschalen aufs Tablett, einer bringt alles in die Küche zurück. „Seit ihr morgen wieder dabei?“ – „50:50“, sagt Jalal und schmunzeld. Diese Formulierung hat er heute gehört. Sie hat ihm sehr gefallen.

„Als Lehrer wird einem viel Respekt entgegengebracht“, sagt Freckmann, der gleich zurück in sein Büro muss. Die Arbeit erledigt sich ja nicht von selbst.

Der Vertriebs-Chef ist einer von vielen, die sich am Deutschen Theater für Flüchtlinge engagieren. Mitte September, die Zustände am Lageso waren chaotisch, wurde auf einer Vollversammlung beschlossen, jede Nacht acht Schlafplätze für Geflüchtete, die anderswo nicht mehr unterkommen würden, anzubieten. Weil man dazu gutes Organisationstalent braucht, kümmert sich Tine Drawer, im künstlerischen Betriebsbüro (KBB) für die Gastspiele zuständig, um die Koordinierung der Übernachtungen. Um Wäsche-Wechsel, Einkäufe wie Babybrei und -windeln, Nahrungsmittel. Und darum, welcher Mitarbeiter sich wann um die Asylbewerber kümmert. Vier Personen pro Tag waren für die Betreuung eingeteilt. Seit Jahresbeginn wurde es ruhiger, die staatliche Erst-Unterbringung funktionierte besser, außerdem kamen viel weniger Menschen nach Deutschland.

Achtköpfige syrische Familie in der Notunterkunft

Bei der Unterbringung der Flüchtlinge arbeitet das Deutsche Theater mit dem Verein „Moabit hilft“ zusammen. Im März wurde dann die Notunterkunft wieder gebraucht. Eine achtköpfige Familie aus Syrien zog ein. Deren Lage war „behördlich so vertrackt, dass erst geklärt werden musste, wer für sie zuständig ist, bevor sie eine staatliche Unterkunft bekommen“, sagt Tine Drawer. Die Familie wurde vier Wochen lang „nahezu rund um die Uhr betreut, auch über Ostern“. Weil sich die Klärung weiter hinzieht, hat das Deutsche Theater den Kontakt zu einer Rechtsanwältin hergestellt, die sich des Falles annimmt. Parallel dazu zog die Familie in diesem Wochenende aus der Notunterkunft aus, die damit geschlossen wird. Die Syrer sind jetzt vorübergehend in einer Moaschee untergekommen.

Künstlerisches Projekt „Wechselstube“

Ulrich Khuon, der Intendant des Deutschen Theaters, unterstützt das Engagement seiner Mitarbeiter. Er bezeichnet es als „Facetten des praktischen Helfens“. Als Chef hat er auch eine Fürsorgepflicht für die Angestellten. Manchmal trauten sich Menschen zu viel zu und hielten das dann nicht durch. Der Spielbetrieb müsse schließlich uneingeschränkt weitergehen, „wir sind ja ein Theater und keine Diakoniestation“, sagt Khuon beim Gespräch in seinem Intendanzzimmer. Das musste er auch gegenüber der Kulturverwaltung versichern; der Geldgeber reagierte zunächst eher zurückhaltend auf das Engagement.

Dass man das Künstlerische und das Praktische verbinden kann, soll ein Projekt Anfang Mai zeigen. Dann entsteht auf dem Vorplatz des Deutschen Theaters eine „theatrale Handelszone“. Die „Wechselstube“ soll „Menschen miteinander in Austausch bringen, die sich im Alltag nicht zwangsläufig begegnen würden“, erzählt Ruth Feindel, die das Projekt gemeinsam mit Frank Oberhäußer künstlerisch betreut. Berliner, Zugezogene, Flüchtlinge sollen miteinander in Verbindung kommen, Kontakte knüpfen.

In der „Wechselstube“ wird es auch eine Inszenierung geben. Das Projekt entsteht in Zusammenarbeit mit dem Übergangswohnheim Trachenbergring in Marienfelde – und mit den Deutschkursen am DT. Eine Chance für den 17-jährigen Khaled. Der hat sich schon mal bei seinem Lehrer Freckmann erkundigt, wie man Schauspieler wird.