Flüchtlinge in Berlin

“Moabit hilft“ am Lageso – zwischen Gehen und Bleiben

Nach der Lüge vom toten Flüchtling hat die Initiative Glaubwürdigkeit verloren. Die Chefin will bleiben. Zumindest so lange, wie nötig.

Wie beim Kinderarzt: Diana Henniges, Leiterin von „Moabit hilft“, in Haus D am Lageso

Wie beim Kinderarzt: Diana Henniges, Leiterin von „Moabit hilft“, in Haus D am Lageso

Foto: Amin Akhtar

Die Chefin empfängt und führt durch die Räumlichkeiten. Gleich links werden die Hygieneartikel gelagert. Windeln, Shampoo, Zahnpasta. Riesige Mengen. Gegenüber die Kleiderkammer. Auch Schlafsäcke und Winterjacken sind noch zu haben. „Die hauen wir bald raus“, sagt Diana Henniges. „Raushauen“ heißt, sie gehen an andere Organisationen, die mehr Bedarf dafür haben. In der Küche nebenan wird gerade Kaffee gekocht. Eine Helferin reicht die vollen Kannen durch das Fenster, unten warten bereits zwei weitere und packen sie in einen Einkaufswagen.

Sie haben bei „Moabit hilft“ nach wie vor gut zu tun, auch wenn der Sturm abgeflaut ist. Die Lage an der Chaos-Behörde ist immer noch nicht perfekt, aber die wirklich unerträglichen Szenen sind seltener geworden. Und seit die Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze festsitzen, kommen täglich nur noch 150 bis 180 zu Haus D, dem roten Backsteinbau auf dem Gelände des Landesamts für Gesundheit und Soziales (Lageso) – das Reich von Henniges und ihren Helfern.

Ein geschäftiges Summen erfüllt die Luft, Helfer und Flüchtlinge wuseln durcheinander. Auf einem Tisch steht ein Glas mit Zuckerstangen. Wie beim Kinderarzt. Henniges kennt hier jeden. Alle paar Sekunden bleibt sie stehen, grüßt, umarmt.

Ein Kammer am Ende des Flurs dient der Chefin, die so nicht genannt werden möchte, als Büro. Permanent klopft es an der Tür. Henniges sitzt am Schreibtisch und malt Kreise aufs Papier. Früher hätte sie vielleicht die Chance genutzt, um anzuklagen. Dass manche Flüchtlinge immer noch zu lange auf einem Termin warten. Zeitweise hatte „Moabit hilft“ die Zustände am Lageso im Wochentakt angeprangert, Rücktritte gefordert und vor möglichen Toten gewarnt. Jetzt lobt Henniges die Zusammenarbeit mit dem neuen Behördenchef Sebastian Muschter: „Er lässt sich auch sagen, dass etwas Mist ist.“

Die Geschichte entpuppte sich als frei erfunden

Die Lautstärke ist spürbar unten, seit sich die Initiative vor den Augen der Stadt zum Narren machte. Als Helfer Dirk V. Ende Januar behauptete, dass ein junger Syrer am Lageso gestorben sei, wurde er von Henniges verteidigt. Kurz darauf entpuppte sich die Geschichte als frei erfunden – und Henniges und Co. sahen ziemlich schlecht aus.

>>>Eine Nacht am Lageso<<<

Verzeihen kann Henniges nicht. „Er hat jede ehrenamtliche Initiative geohrfeigt und sich wieder in sein Loch verkrochen.“ Inzwischen arbeite V. wieder für verschiedene Organisationen, dabei gehöre er weg aus der Helferszene. Gegebenenfalls auch in psychologische Behandlung. Es sind nicht nur die Morddrohungen gegen „Moabit hilft“, die diese Wut erzeugen. Auch nicht die immer wieder aufkeimenden – und von „Moabit hilft“ energisch bestrittenen – Vorwürfe, dass Spendengelder veruntreut wurden. „Wir müssen jetzt alles kontrollieren“, sagt Henniges. Eine solche Professionalisierung hätten sie nie gewollt.

Vor allem aber hat die Glaubwürdigkeit gelitten. Ungünstig für eine Organisation, die auch politisch mitmischen will. Darum war es ja von Anfang an gegangen. Aufrütteln. Kompromisslos und direkt. Als Henniges die Initiative im September 2013 gründete, wollte sie schnell mehr als Kleidung zu verteilen.

Was folgte, ist bekannt: Über Wochen versorgte „Moabit hilft“ Tausende Flüchtlinge an Lageso in Eigenregie, wies auf das Versagen der Behörde hin, wurde deutschlandweit bekannt und angesehen. Henniges war Gast in zahlreichen Talkshows. Nicht immer unumstritten, aber meistens mit guten Argumenten.

Die Spenden gehen seit Sommer zurück

Doch seit dem Vorfall mit Dirk V. überwiegt die Angst vor weiteren Fehlern, jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt. Denn was, wenn die Spenden ausbleiben? Rund 70.000 Euro sind es noch monatlich, seit dem Sommer wird es immer weniger. „Moabit hilft“, das ist für Henniges mehr als ein Ehrenamt. In Haus D sagen sie, dass sie ihr „Baby“ wie eine Löwin verteidige. Und diesem Baby hat Dirk V. geschadet, das vergisst eine Mutter nicht so schnell.

Dass V., der als „Hardcore-Helfer“ galt, körperlich und geistig am Ende gewesen sein soll, will Henniges nicht gelten lassen. Im Gegensatz zu anderen, ehemaligen Helfern gehe es ihr nicht um Selbstverwirklichung, betont sie. Sie wolle Behördenversagen ausgleichen. Und ein Stück weit auch ihr Gewissen beruhigen.

Auch nervt es sie, dass die Organisation jetzt unter genauer Beobachtung steht und immer noch dort Verantwortung übernehmen muss, wo eigentlich Profis hingehörten. Das ist die alte Forderung: Hauptamtliche gehören her, keine Freiwilligen.

Es gibt ehemalige Helfer, die Henniges’ Auftreten „autokratisch“ nennen. Uneinsichtig soll sie sein. Von Machtkämpfen wie in einer Sekte ist die Rede. Einige engagieren sich inzwischen in anderen Organisationen. Nicht wenige sind der Meinung, dass die 38-Jährige abtreten sollte, erst recht seit der Sache mit V. Daran hat sie nach eigener Aussage aber nur drei Stunden gedacht. Und es dann wieder verworfen.

Die Asylbewerber brauchen Hilfe ­– die bekommen sie

Tatsächlich wird bei aller Kritik an „Moabit hilft“ manchmal vergessen, um was es eigentlich geht. Dirk V., interne Machtkämpfe – solche Themen sind den Flüchtlingen herzlich egal. Sie sind in Not und brauchen Hilfe. Und die bekommen sie.

In der Organisation ist inzwischen viel vom Rückzug die Rede. Medizinische Versorgung, Verteilung von Essen – darum kümmern sich jetzt andere. Am liebsten würden sie Haus D ganz verlassen, sagt Henniges. Stattdessen soll die Arbeit im Vereinsheim an der Lehrter Straße intensiviert werden. Dort gibt es Deutschkurse statt Zahnpasta.

Wirklich gehen wollen sie aber erst, wenn die Leistungen komplett gesichert sind. „Wenn die Geflüchteten sich ihre Hygieneartikel selbst kaufen können“, sagt Henniges. Ihr Erspartes reiche noch sechs Monate. Bis dahin werde die Arbeit am Lageso aber wohl nicht erledigt sein, sagt sie.

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