Rechtsmedizin

Berliner Ambulanz für Gewaltopfer weitet Angebot aus

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Andreas Abel

Die Gewaltschutzambulanz der Charité erhält mehr Geld. Längere Sprechzeiten und ein mobiler Dienst in Frauenhäusern sind jetzt möglich.

Mehr als 10.000 Berliner sind im vergangenen Jahr Opfer häuslicher Gewalt geworden. 80 Prozent davon waren Frauen. So steht es in der Kriminalstatistik der Polizei. Die Dunkelziffer ist ungleich höher, denn viele Opfer erstatten aus Angst oder Scham keine Anzeige. Die Statistik der Polizei für 2015 weist auch knapp 700 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern und rund 550 Fälle von misshandelten Kindern aus. Sie alle sind potenzielle Klienten der Gewaltschutzambulanz der Charité. Am Freitag wird das zweijährige Bestehen der Einrichtung gefeiert, die von den renommierten Rechtsmedizinern Michael Tsokos und Saskia Etzold geleitet wird.

Kostenlose rechtsmedizinische Untersuchung

Die Ambulanz bietet Gewaltopfern eine kostenlose rechtsmedizinische Untersuchung und Dokumentation ihrer Verletzungen. Dies ist auch ohne Anzeige bei der Polizei möglich. Davon profitieren insbesondere Opfer, die sich erst später entschließen, gegen ihren Peiniger juristisch vorzugehen. Vergehen bis zu dem Entschluss mehr als 72 Stunden, lassen sich viele Verletzungen nicht mehr so eindeutig feststellen, als dass die Ergebnisse in einem Gerichtsprozess verwendet werden könnten. Diese rechtsmedizinische Begutachtung und Beratung zur weiteren medizinischen Versorgung ist nicht nur nach häuslicher Gewalt, Vergewaltigung oder sexueller Nötigung und Kindesmisshandlung möglich, sondern auch bei Verletzungen nach anderen Gewalt­delikten.

In der Ambulanz geschieht nichts ohne das ausdrückliche Einverständnis der Klienten, die Mitarbeiter unterliegen der Schweigepflicht – auch gegenüber Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten. Die Opfer entscheiden selbst, ob, wann und wie sie die Dokumentation, die auch Fotos umfasst, verwenden wollen. Gehen sie vor Gericht, können sie die Dokumentation sowohl in Strafprozessen als auch in einem zivilrechtlichen Verfahren einsetzen. Das Angebot der Ambulanz beinhaltet zudem eine Beratung zu Unterstützungsleistungen.

Ärzte haben mehr als 420 Dokumentationen erstellt

Der Bedarf für dieses Angebot ist unbestritten vorhanden. In den ersten zwei Jahren meldeten sich bei der Ambulanz mehr als 1000 Gewaltopfer. Rund 500 hatten sichtbare Verletzungen und erhielten einen Termin. Bei den übrigen war keine Dokumentation möglich – meist, weil die Tat schon zu lange zurücklag. 424 Menschen nahmen den Termin wahr. Warum die übrigen nicht kamen, darüber kann Saskia Etzold, die stellvertretende Ärztliche Leiterin, nur spekulieren. Entweder hätten sich Täter und Opfer zwischenzeitlich versöhnt oder die Opfer trauten sich nicht.

Zwei Drittel der Betroffenen waren Erwachsene, ein Drittel Kinder. Bei den Erwachsenen betrug der Frauenanteil 85 Prozent. Fast jedem zweiten Opfer, 46 Prozent, wurden die Verletzungen durch den Partner oder Ex-Partner zugefügt. Bei fast jedem vierten Fall von häuslicher Gewalt stellten die Rechtsmediziner in der Gewaltschutzambulanz Verletzungen durch „Gewalt gegen den Hals“ fest, das heißt: Das Opfer wurde gewürgt oder gedrosselt. Etliche der Opfer gerieten dadurch in akute Lebensgefahr. Bei den untersuchten Kindern bestätigte sich in 66 Prozent der Fälle der Verdacht auf Misshandlung.

Budget auf 750.000 Euro pro Jahr angehoben

Zunächst wurde die Ambulanz für zwei Jahre als Modellprojekt von der Senatsjustizverwaltung gefördert. Mit den zur Verfügung stehenden 150.000 Euro pro Jahr konnten eine Facharzt- und eine Sekretärinnenstelle finanziert werden. Seit Beginn dieses Jahres verfügt die Charité-Institution dank der Unterstützung mehrerer Senatsverwaltungen und des Abgeordnetenhauses über ein wesentlich höheres Budget. Nun sind es 750.000 Euro pro Jahr, das ermöglicht die Finanzierung von jeweils zwei Facharzt- und Sekretariatsstellen sowie von vier Assistenzärzten.

Der Geldsegen ermöglicht auch eine Ausweitung der Angebote. Von Mitte April an sind Sprechzeiten immer von Montag bis Freitag, 8 bis 16 Uhr. Von Mitte Mai an können Opfer sexueller Gewalt einen mobilen rechtsmedizinischen Dienst sowie eine vertrauliche Sicherung von DNA-Spuren in den Rettungsstellen der Charité in Anspruch nehmen (Montag bis Freitag, 8 bis 18 Uhr). Einen weiteren mobilen Dienst soll es dann auch für Opfer in anderen Kliniken sowie in Frauenhäusern geben. Mitte Mai soll auch die Asservatenkammer der Ambulanz fertig sein, mit deren Bau jetzt begonnen wird. Sie ist für die Arbeit sehr wichtig, weil die Asservatenkammer der Polizei nur genutzt werden kann, wenn das Opfer Anzeige erstattet.

Ab Mai auch Untersuchungen in Frauenhäusern möglich

Außerdem unterstützen die Mitarbeiter der Gewaltschutzambulanz die unlängst eingerichteten fünf regionalen Kinderschutzambulanzen am Charité-Campus Rudolf Virchow in Wedding, Vivantes-Klinikum Neukölln, Helios-Klinikum Buch, DRK-Klinikum Westend und am St.-Joseph-Krankenhaus in Tempelhof. Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) hat aber bereits die dritte Ausbaustufe im Auge. Er möchte ein eigenes Haus für die Ambulanz am Campus Virchow, wo dann auch ein Betrieb rund um die Uhr gewährleistet werden kann. Dafür, so Heilmann, müssten zwei Millionen Euro investiert werden, der laufende Betrieb würde 1,2 Millionen Euro pro Jahr kosten.

Auch Charité-Chef Karl Max Einhäupl lobte die Einrichtung: „Die Gewaltschutzambulanz der Charité ist für Menschen in Berlin, die Gewalt ausgesetzt waren, eine wichtige Anlaufstelle. Dass sich in den zwei Jahren ihres Bestehens mehr als 1000 Betroffene an sie gewandt haben, demonstriert eindrucksvoll, dass wir hier eine dringend benötigte Einrichtung für Gewaltopfer geschaffen haben“, sagte er der Berliner Morgenpost. Die Charité sei der Berliner Politik parteiübergreifend für ihre breite Unterstützung sehr dankbar. Diese habe jetzt die Erweiterung der Ambulanz ermöglicht.