Missbrauch erkennen

Berlin richtet Kinderschutzambulanzen in Kliniken ein

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Berlin will die Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern künftig besser erkennen. Dazu sollen sogenannte Kinderschutzambulanzen an fünf Kliniken beitragen

Berlin will die Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern künftig besser erkennen. Dazu sollen sogenannte Kinderschutzambulanzen an fünf Kliniken beitragen

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Ab Mitte Februar wird es in fünf Kliniken Kinderschutzambulanzen geben. Experten sollen dort erkennen, ob ein Kind missbraucht wurde.

Berlin will bei Kindern künftig früher erkennen, ob sie misshandelt oder vernachlässigt werden. Die Stadt richtet deshalb an fünf Krankenhäusern sogenannte Kinderschutzambulanzen ein. Dort sollen sich etwa Jugendamtsmitarbeiter, Kinderärzte, Familienhelfer oder andere Fachleute in Verdachtsfällen Hilfe holen können.

Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD), Gesundheitssenator Mario Czaja und Justizsenator Thomas Heilmann (beide CDU) sowie Klinikvertreter unterzeichneten am Freitag dazu eine Vereinbarung. Das Land finanziert das Vorhaben 2016 und 2017 mit 1,2 Millionen Euro.

Die Ambulanzen nehmen laut Gesundheitsverwaltung frühstens Mitte Februar ihre Arbeit auf. Standorte sind das Virchow-Klinikum der Charité im Wedding, das Vivantes-Klinikum Neukölln, das Helios-Klinikum in Buch und die DRK-Klinik Westend. Ein weitere Ambulanz am St. Joseph Krankenhaus in Tempelhof werde größtenteils durch Drittmittel finanziert, hieß es.

„Der Vorteil wird sein, dass dort Kinderärzte, Psychologen, Sozialarbeiter und Rechtsmediziner sich gemeinsam einen Fall angucken und sich vor Ort austauschen können“, sagte Saskia Etzold von der Gewaltschutzambulanz, wo Minderjährige bisher etwa ein Drittel der Klienten ausmachen. Ein Kontakt zur Polizei sei nicht nötig. Experten der Ambulanzen können Misshandlungsspuren aber so dokumentieren, dass sie später vor Gericht nachweisbar sind.

Berlin mit Vorreiterrolle

An die Ambulanzen sind zwar bedingt neue Stellen gekoppelt: je eine koordinierende „im Kinderschutz erfahrene Kinderkrankenpflegekraft“, wie die Jugendverwaltung erklärte. Dank zusätzlicher Gutachterstunden - bis zu 100 pro Kind - sei das trotzdem „ein großer Schritt nach vorn“, wie Sibylle Winter sagte. Sie ist kommissarische Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Charité, wo eine der Ambulanzen angedockt wird.

Als Standorte seien Kliniken gewählt worden, die sich bereits um den Kinderschutz verdient gemacht hätten, begrüßt Uta Walter vom Berliner Kinderschutzbund den Schritt. Kinderschutzambulanzen gibt es in mehreren deutschen Städten, allerdings ohne standardisiertes Modell. „Berlin dürfte da jetzt mit ein Vorreiter sein“, sagte Uta Walter.

In Berlin werden jährlich mehrere hundert Kindesmisshandlungen erfasst: Mit 534 Fällen lag das Jahr 2014 fast genau im Zehn-Jahresschnitt. Hinzu kamen mehr als 440 Fälle von Verletzungen der Fürsorge- oder Erziehungspflicht. Generell würden inzwischen mehr Verdachtsfälle gemeldet als früher, sagte ein Polizeisprecher.