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Labor für Mode, Musik und Kunst

Das „Sameheads“ in Neukölln zählt seit zehn Jahren zu den spannendsten Orten der Stadt. Hier kann man Mode kaufen und unerhörte Klänge entdecken

Brüder mit ausgefallenen Ideen: Nathan (r.) und Harry Dukes in ihrem Neuköllner Party-, Kunst- und Modeladen „Sameheads“

Brüder mit ausgefallenen Ideen: Nathan (r.) und Harry Dukes in ihrem Neuköllner Party-, Kunst- und Modeladen „Sameheads“

Foto: Massimo Rodari

Wie eine Mischung aus Avantgarte-Modegeschäft, Musikstudio, Bar und Partykeller sieht das "Sameheads" am Abend aus. Tagsüber ist es ein Treff für Modeenthusiasten. Es befindet sich hinter dem Passage Kino an der Richardstraße Ecke Berthelsdorfer Straße. Dort gibt eine große Fensterfront den Blick frei in eine Art Absurditäten-Wunderkammer. Im Inneren sitzen und stehen junge Menschen mit ausgefallenen Frisuren und außergewöhnlicher Kleidung, rauchen, reden, trinken. Später am Abend kann es passieren, dass neben einem eine junge Japanerin mit rot gefärbten Augenbrauen, hellblauem Lidschatten und aufgemaltem, alt-ägyptischem Lebenszeichen auf der Stirn das angesagte Bier der "Störtebecker"-Brauerei aus Stralsund bestellt.

Auf einem kleinen Schwarzweiß-Fernseher aus den 70er-Jahren laufen experimentelle Videos, über der Bar bewachen ein großformatiges Schäferhund-Foto, ein ausgestopfter Wildschweinkopf und massenweise Nippes die Gäste. Gläser und Tassen werden in einer Spüle gewaschen, die zur minimalistischen Grundausstattung einer Altbauwohnung Anfang der 80er-Jahre gehörte. In einem Raum mit Flipper laufen Bilder einer chinesischen Militärparade in der Endlosschleife. "Das sind unsere Freunde, falls wir hier mal Ärger kriegen sollten", meint Nathan Dukes. "Stimmt", pflichtet sein jüngerer Bruder Harry bei, "die Chinesische Armee beschützt uns seit Jahren." So was nennt man wohl britischen Humor.

Die beiden und ihr mittlerer Bruder Leo stammen von der großen Insel. Aufgewachsen sind sie im Örtchen Puddletown in der Region Dorset, im Süden Englands. "Es hieß früher Piddeltown, was übersetzt 'Pipihausen' bedeutet", berichtet der 34-jährige Nathan Dukes. Queen Victoria habe den Namen ändern lassen. Übrigens auch den des benachbarten Shitterton. Im Ernst? Weiß man bei den beiden nie so genau. Jedenfalls lachen sie gerne.

Touristen aus Japan, Paris und London zieht es nach Neukölln

Nathan Dukes und sein jüngerer Bruder Harry – Bruder Leo ist gerade Vater geworden und nicht vor Ort – sehen aus wie nette Jungs von nebenan, die sich manche Mutter als Schwiegersöhne wünscht. Groß, schmal gebaut, Jeans, Hemd, Jackett. Und doch haben sie es faustdick hinter den Ohren wenn es darum geht, Underground-Erlebnisräume zu schaffen. Ausgefallene Modeschauen und Underground-Partys veranstaltete Nathan Dukes schon während seines Studiums in Sheffield. Als er zu Besuch in Berlin war, verfiel er der Stadt und zog zusammen mit seinem Bruder Leo hierher.

Seit zehn Jahren betreiben sie jetzt ihr avantgardistisches Labor für Mode, Musik und Kunst, vor vier Jahren vervollständigte der mittlere Bruder Harry das Trio. Das Konzept ist zweigeteilt. Zum einen gibt es Mode. Und zwar sehr ausgefallene, Mode für die Touristen aus Japan, Paris und London nach Neukölln kommen. "Die reisen extra wegen unserer Labels ,Raki', ,Lady Gonzalez', der japanischen Marke ,Magpie' oder von ,Bersailles' aus Italien hierher", berichtet Nathan Dukes. "Durch unsere Mitarbeiterin Yukiko haben wir außerdem enge Verbindungen nach Osaka und Tokio, wo wir einmal im Jahr einen Pop-up-Store eröffnen", sagt er stolz.

Nach 18 Uhr verschwinden die Kleider in einem Nebenraum

Die extrem ausgeflippte Textilware wird jeden Mittag aus rauchdicht verpackten Säcken hervorgeholt und ab 14 Uhr im luftigen Eingangsbereich angeboten. "Als wir damit angefangen haben, hatte wir noch nicht mal ein Auto. Wir haben die Klamotten vom Zoll abgeholt, und schon in der U-Bahn angefangen zu verkaufen", erinnert sich Nathan Dukes. Nach 18 Uhr ändert sich das Konzept des "Samehead", die Kleider verschwinden in einem Nebenraum. Ab 20 Uhr wird die Bar geöffnet, gegen halb zehn beginnt das Programm. An diesem Abend Gene und Hilary Baker, Piano, Gitarre und Altsaxofon. Wer Melodisches erwartet, ist fehl am Platz.

"Als wir vor fast zehn Jahren hierher zogen haben wir einfach volles Risiko gespielt, denn wir haben das Potenzial der Gegend erkannt. Hier sind alle irgendwie Künstler, machen Mode, Kunst, Musik, Theater, alles durcheinander", meint Harry Dukes. Das Lokal war ein ehemaliger, völlig heruntergekommener Copyshop, der jahrelang leer stand. Aber es ist auch ein kleines Schmuckstück. Das zeigte sich, als unter den abgehangenen Decken Stuck aus der Gründerzeit und bemalte Decken auftauchten.

Internationale DJs und lokale Größen legen hier auf

Vermutlich wird in die Räume irgendwann ein schickerer Laden einziehen, denn das Viertel erlebt einen enormen Aufschwung. "In den letzten fünf Jahren haben sie die Mieten für Wohnungen und Ladenlokale hier verdoppelt", berichtet Harry Dukes. Noch sind die Preise zivil, Flaschenbier kostet um drei Euro, Cocktails gehen für sechs Euro über den Tresen. Zu Essen gibt es nichts. "Da hat man hier in fünf Fußminuten Radius ein Dutzend gute Gelegenheiten. Damit wollten wir uns nicht auch noch beschäftigten", sagt Nathan Dukes.

Dann lieber noch eine weitere Veranstaltung organisieren, die hier an vier Tagen die Woche über die Bühne gehen. Getanzt wird auch. Die Bestuhlung ist eine Mischung aus Allwetter-Stühlen von Minigolfanlagen und Sperrmüllsofas. Bis zu 400 junge Menschen drängeln sich jeden Freitag und Sonnabend in den Räumen des "Sameheads". Internationale DJs wie Ivan Smagghe, Veronica Vasickaoder Objekt legen auf mit lokalen Größen wie dane//close, Spacelex oder Oscar der Winzige. Wie hip das "Sameheads" ist, beweisen fünf internationale Labels, die in nach hinten gelegenen Räumen Sounds für Clubs in aller Welt produzieren.

Eine kleine Galerie gibt es im "Sameheads" auch noch

"Der Laden lebt von der Vernetzung der Künstlerszenen", erklärt Harry Dukes. "Viele Leute, die wegen der abgefahrenen Klamotten hierher kommen, stellen dann fest, hier kann man auch Konzerte hören, feiern, oder sich Kunst ansehen." Denn eine kleine Galerie gibt es auch noch, mit natürlich sehr ausgefallenen Vernissagen und Veranstaltungen. Vergangenen Dezember stellten 500 Künstlerinnen und Künstler eine Din-A4 Mappe zusammen, deren Arbeiten dann verkauft wurden. "Die Erlöse von den Konzerten und Kunstsachen gehen zu hundert Prozent an die Künstler", versichert Nathan. Sie leben vom Verkauf der Getränke und Kleidung.

Wenn die Jungs dann noch etwas Freizeit haben, werfen sie für ein paar Stunden das Internet-Radio Rixdorf an oder zeigen ihre Kollektion an C 60 Musik-Cassetten. "Als ich meiner Mutter davon erzählt habe, fragte sie, ob es so was noch gibt. Ich habe ihr geantwortet, alles kommt wieder, sogar die Musik-Cassetten", erzählt Nathan Dukes, der privat am liebsten alte Vinyl-Schallplatten hört.

Derzeit läuft in Zusammenarbeit mit Franz Scala von Slow Motion Records die Planung für die große Sommerparty auf dem Industriebrachengelände Griessmühle. Bis zu 2000 Besucher tanzen dann mit Blick auf das Estrel-Hotel, den Neuköllner Schifffahrtskanal und einen Schrottplatz. Das "New Dance Festival @ Griessmühle" steigt vom 8. bis 10. Juli.

Sameheads Richardstraße 10, Neukölln, Tel. 70 12 10 60, Di.-Sbd. 14 Uhr bis spätnachts, www.sameheads.com

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