Theater

Tourneen bringen Kudamm-Bühnen schwarze Zahlen

Theaterchef Martin Woelffer verrät, wie er das Risiko seiner Kudamm-Bühnen begrenzt: mit Gastspielen und Ko-Produktionen. Die Morgenpost sprach mit ihm über Erfolgsstücke und die Zukunft des Traditionshauses.

Foto: Massimo Rodari

Zehn Jahre dauert die Hängepartie um die beiden Kudamm-Bühnen mittlerweile: Wann der Abriss im Zuge der Neugestaltung des Kudamm-Karrees kommt, ist nach wie vor unklar.

Derzeit probt Theater-Direktor Martin Woelffer „Ziemlich beste Freunde“, Premiere ist am 29. September 2013 in der Komödie am Kurfürstendamm, am 25. September starten die Voraufführungen. Die Inszenierung basiert auf dem gleichnamigen französischen Film, der im deutschen Kino der Überraschungserfolg 2012 war: Mehr als neun Millionen Menschen haben sich die Komödie angeschaut.

Die Berliner Morgenpost sprach mit Martin Woelffer über Erfolgsstücke, schwache Auslastungszahlen und die Zukunft der Kudamm-Bühnen.

Berliner Morgenpost: Herr Woelffer, das Cinema Paris liegt gleich neben den Kudamm-Bühnen. Haben Sie den Film „Ziemlich beste Freunde“ dort gesehen und sich danach gedacht, dass Sie diesen Stoff unbedingt auf die Bühne bringen wollen?

Martin Woelffer: Das wäre eine schöne Geschichte, war aber leider nicht so. Ich gehöre zu den gefühlten zwei Prozent, die diesen Film nicht im Kino gesehen haben. Alle haben davon geschwärmt, ich habe mir dann den Film angeschaut und auch die Originalgeschichte gelesen. Wir nehmen die Kinoversion als Vorlage. Die Herausforderung ist, dass wir nicht wie im Film schneiden können oder das Mittel der Großaufnahme haben. Wir erzählen die Geschichte mit theatralischen Mitteln so, dass die Leute, die den Film über alles geliebt haben, etwas wiedererkennen. Und auch der unvorbelastete Erstzuschauer soll ja die Geschichte verstehen und mögen. Aber es soll natürlich ein Theaterstück werden, das bedingt eine ganz andere Erzählweise.

Einer der Hauptdarsteller ist zudem im Stück an den Rollstuhl gefesselt.

Das ist eine Herausforderung, weil der Schauspieler seinen Körper nicht benutzen kann, um etwas auszudrücken.

Sind kinoerprobte, bekannte Stoffe ein Garant für einen Erfolg an der Kasse?

Es garantiert leider überhaupt nichts, wenn ein Film ein Millionenpublikum gefunden hat. Aber der Film beeinflusst das Theater immer mehr. Viele Jahrzehnte war es übrigens anders herum: Aus erfolgreichen Theaterstücken wurden Drehbücher und dann Filme. Inzwischen ist es so, dass viele moderne, gute Schreiber fürs Kino oder für das Fernsehen arbeiten. Die Stoffe kommen jetzt mehr aus dem Film, deshalb orientiert sich das Theater um.

Wenn ein populärer Stoff kein Garant ist, ist es dann ein Star? Die auslastungsstärkste Inszenierung der letzten Zeit war „Gerüchte…Gerüchte...“ mit Maria Furtwängler. Dass das Theaterdebüt einer populären „Tatort“-Kommissarin und Schauspielerin ein Riesenerfolg werden würde, hat Sie aber nicht überrascht?

Das war zu erhoffen. Aber diese Hoffnung haben wir jedes Mal, sie löst sich nicht immer ein. In jeder Produktion steckt das gleiche Herzblut. Aber bei Frau Furtwängler war schon klar, dass ihr Auftritt einen Medienrummel auslösen würde.

Die Inszenierung hatte eine Auslastung von über 95 Prozent. Haben Sie mit Frau Furtwängler über eine Fortsetzung gesprochen?

Natürlich. Für sie war das Theaterspiel ein Ausflug, ein Abenteuer, das sie sehr genossen hat. Ich hoffe sehr, dass wir ein neues Stück finden, aber im Augenblick gibt es noch keine konkreten Pläne.

„Gerüchte… Gerüchte…“ war eine Koproduktion, das heißt, den Gewinn mussten Sie teilen.

Wenn es super läuft, verdient man als Allein-Produzent natürlich besser. Aber bei Koproduktionen ist das Risiko geringer, weil man sich das auch teilt. Und da das Risiko in der Regel überwiegt, ist das eine gute Sache.

Das sieht man auch am Spielplan der Kudammbühnen: Die Koproduktionen haben deutlich zugenommen.

Eine ganz bewusste Entscheidung. Das liegt einfach daran, dass wir nach wie vor in dieser Wartestellung sind, weil wir nicht wissen, wann hier etwas passiert. Das persönliche Risiko, das ich als Privattheater-Mann eingehe, ist enorm. Solange wir nicht sagen können, dies ist der neue Mietvertrag, wir sind die nächsten zehn oder 15 Jahre hier am Ort, mindern wir mit Koproduktionen etwas das Risiko.

Man könnte diese Spielplanpolitik auch so interpretieren, dass Sie sich schon mal darauf einstellen, künftig nur eine Bühne zu bespielen.

Dieser Fall steht seit zehn Jahren im Raum. Und irgendwann wird es wohl auch Realität. Aber im Augenblick gehe ich davon aus, dass die beiden Theater nicht in den nächsten Jahren abgerissen werden. Es sei denn, es kommt ein neuer Käufer oder Investor für das Ku'damm-Karree. Aber wir befinden uns nach wie vor in einem Schwebezustand. Vom Bezirk haben wir die Zusicherung, dass nichts passiert, bevor die Verhandlungen mit dem Theater geführt und abgeschlossen worden sind.

Einer neuen Untersuchung zufolge kommt ein Drittel der Besucher der Kudammbühnen nicht aus Berlin.

Das Schönste an der Nachricht ist, dass es laut dieser Umfrage viele Touristen gibt, die extra wegen der Kudammbühnen nach Berlin kommen und dann noch zwei, drei Tage dranhängen. Diese Nachricht hat uns den Rücken gestärkt. Und uns gezeigt, dass der Kudamm-Standort und unser Spielplan und unsere Existenz wichtig für die Stadt sind.

Die Kudamm-Bühnen als Berlin-Botschafter…

...das merken wir auch bei unseren Gastspielen. Wir gehen mit fast jeder Produktion auf Tournee. Schon allein deshalb, weil die Einnahmen hier in Berlin nicht ausreichen würden, um den Theaterbetrieb zu tragen.

Tourneetheater gilt nicht unbedingt als sexy.

Die Schauspieler kommen an die Wurzeln des Berufs, ein fahrendes Volk. Und wir werden großartig empfanden. Die Menschen sind unheimlich froh, dass wir vom Kudamm zu ihnen kommen. Da fühlt man sich wirklich gewürdigt.

Sie hatten im vergangenen Jahr eine halbe Million Zuschauer, davon über 300.000 außerhalb Berlins.

Bei den Tourneen spielen wir eigentlich immer vor ausverkauften Häusern.

Im Vergleich dazu ist die Auslastung in Berlin mit etwa 44 Prozent sehr gering.

Schön ist das nicht. Wir reden ja nicht so gerne über Auslastungszahlen, lieber über absolute Besucherzahlen, schließlich haben wir in beiden Theatern zusammen 1400 Plätze. Aber natürlich muss die Auslastung im nächsten Jahr besser werden. Was für uns darüber hinaus eines Tages tödlich werden könnte, ist die Ungleichbehandlung der Theater in Berlin. Der Markt wird durch hohen Zuschüsse für fast alle Bühnen extrem verzerrt. Und diese Subventionen werden dazu benutzt, die Kartenpreise niedrig zu halten. Wir können uns das nicht leisten.

Kommen wir bitte noch mal auf die absoluten Zuschauerzahlen. Jahrelang waren die Kudamm-Bühnen die Theater mit den meisten Zuschauern, aber 2012 hat das Berliner Ensemble ein paar Hundert mehr gehabt.

Claus Peymann hat das in den vergangenen Jahren auch immer behauptet, aber da stimmte es nicht. Aber diesmal ist es tatsächlich passiert. Das ist ärgerlich, aber ich gönne es ihm. Nächstes Jahr sind wir wieder Publikumskönig.