Kulturmacher

Garantiert blockflötenfrei

Randale im „Milchsalon“: Konzertveranstalterin und Designerin Patricia Parisi bringt Familien zu Rock- und Popkonzerten in die Berliner Clubs

Konzertveranstalterin und Designerin Patricia Parisi in der von ihr gestalteten Bar im Kreuzberger Columbia Theater

Konzertveranstalterin und Designerin Patricia Parisi in der von ihr gestalteten Bar im Kreuzberger Columbia Theater

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Schni-Schna-Schnappi, das kleine Krokodil ist schuld. Gedudel in der Endlosschleife, Quietschstimmchen, anbiedernde Clownereien oder süßlicher Kitsch – diese Form der Unterhaltung ist Höchststrafe für Patricia Parisi. Als ihre Tochter eines Tages mit dem Schnappi-Ohrwurm aus der Kita kam, beschloss sie zu handeln und ging auf die Suche nach anspruchsvollerer Musik, die Kinder begeistert und mit der auch Erwachsene etwas anfangen können.

Das Ergebnis war der „Milchsalon“, zunächst als Konzertangebot im Roten Salon der Volksbühne in Mitte, heute mal im Grünen Salon desselben Theaters, mal im Neuköllner Heimathafen und künftig auch im Columbia Theater in Kreuzberg. Dort gibt der „Milchsalon“ am Nikolaustag mit der Ritter Rost Band sein Debüt. Dann wirbelt das emanzipierte Burgfräulein Bö mit starker Stimme über die Bühne und erzählt Geschichten, in denen viele sich wiedererkennen können. Kleine und Große.

Für Promotion und Design im Columbia Theater zuständig

Programme zusammenstellen und Konzerte veranstalten liegt in der Familie. Patricia Parisi arbeitet mit ihrem Mann Kristian Wolff zusammen, der mit seiner Booking- und Promotionagentur ZK Berlin 15 Jahre lang das Musikprogramm des Roten Salons verantwortet hat. Seit neuestem hat er die Geschäftsführung und Leitung des Columbia Theaters übernommen.

Auch hier wird er von seiner Frau unterstützt, die für PR und Design zuständig ist – und daneben vom Homeoffice aus noch ihre Eigenmarke, den „Milchsalon“, entwickelt. Ein Konzertangebot für Kinder und Eltern, das vom Geheimtipp langsam zum Kult wird.

Handgemachte Musik mit Anspruch und Hintersinn

Milchsalon, Milchbubis, gesunde Kinder... Das nostalgisch hellblau-weiße Logo im 50er-Jahre-Design verleitet zu Assoziationen – irgendwie heimelig und gesund und herrlich retro. Doch hinter dem soften Namen verbirgt sich ein fetziges Musikprogramm. Randale und Radau heißen zwei der Bands, die Patricia Parisi für ihre Konzerte gewinnen konnte. Ihre Namen sind Programm.

„Gute Kindermusik ist für mich solide handgemachte Musik, die live von Profi-Musikern präsentiert wird und nicht vom Synthie kommt“, sagt Patricia Parisi. Sie soll sich warm anhören, die Kinder mit ihren Themen ernst nehmen und mitreißen, ihnen die verschiedenen Musikstile wie Rock, Pop, Reggae, Ska, Hip-Hop, Punk und Country nahebringen ohne sich anzubiedern, witzig sein ohne sich in Blödeleien zu verlieren. „Kinder sind schnell zu begeistern, aber wenn es zu albern wird, wandern sie ab.“ Zu abgehoben dürfe es jedoch auch nicht werden. Das hätte sie an ihren eigenen drei Kindern beobachtet.

Holzbar vor einer kräftig türkisblauen Wand

Schön findet sie es auch, wenn die Musiker mehrere Ebenen bedienen können und auch Anspielungen für Erwachsene einbauen, in Texten oder auch musikalisch, wie einem bekannten Gitarrenriff oder einem Versatzstück aus anderen Zeiten. „Es ist gar nicht so leicht, Bands zu finden, die meinen Ansprüchen genügen“, sagt sie, nachdem sie das alles aufgezählt hat, lacht und lehnt sich in die bequemen roten Bänder eines Acapulco-Chairs zurück. Er ist Teil des minimalistischen 50er-Jahre-Chics, den sie der luftigen Bar im frisch renovierten Columbia Theater verpasst hat.

Dort stehen auf rotem Linoleum einige dieser Designklassiker in rot und schwarz und ein paar Stehtische, es gibt Kissen auf den Fensterbänken, eine zart gemusterte Tapete, eine sanft geschwungene Holzbar vor einer kräftig türkisblauen Wand. Das Interieur verrät Stil und ein sicheres Gefühl für klare Formen.

Beim Konzert ist Schluss mit zurückhaltender Eleganz

Die zierliche 42-Jährige trägt einen schwarzen Bleistiftrock, schwarze Strümpfe und ein schwarz-weißes Ringelshirt. Das dunkle Haar ist sorgfältig in einer 50er-Jahre-Welle frisiert, die Lippen rot, die großen braunen Augen ausdrucksvoll betont. „Die 40er- und 50er-Jahre sind mein Ding“, sagt sie, „aber nicht die spießig-klebrige Variante.“

Bei den „Milchsalon“-Konzerten ist jedoch Schluss mit zurückhaltender Eleganz. Da muss es abgehen, die Konzerte sind unbestuhlt, da sind alle Kinder in Bewegung und die Eltern hängen an der Bar und wippen mit. Die Band, die sie 2011 für ihr erstes „Milchsalon“-Konzert gewann, hieß nicht von ungefähr Randale. Das Konzert der rockig-wilden Formation, die in ihren Liedern die Lebenswelt der Kinder aufgreift, war sofort ausverkauft.

Mal rockig, mal poppig, mal melodisch

Nicht immer ist das so einfach, denn einige der Bands, die sie für passend befunden hat, sind in Berlin noch nicht bekannt genug, um wirklich größere Säle zu füllen. Deshalb sei es gut, verschiedene Locations zu bespielen, den Grünen Salon, in den 200 passen, der aber auch mit 70 Kindern noch gemütlich sei, oder auch Konzerthallen wie das Columbia Theater, das nach einem größeren Publikum von 400 bis 450 Personen verlange.

Inzwischen hat sie eine Handvoll Bands gefunden, mit denen sie den „Milchsalon“ bespielt. „Garantiert blockflötenfrei“ – wie es die Musiker von „Radau“ formulieren – geht es durch alle Genres, mal rockig, mal poppig, mal melodisch, oder wie bei der Ritter Rost Band auch mal in Verbindung mit Geschichten aus einem Kinderbuch. Doch dabei soll es nicht bleiben. Die Tochter einer Deutschen und eines Italieners ist deutschlandweit auf der Suche.

Spaß für die Kinder und Ausgehfeeling für die Eltern

Jetzt kommen langsam auch wieder neue interessante Bands dazu, die sie auf Festivals entdeckt und für ihr Programm gewinnen will, sagt sie. Die Musik von „Eule findet den Beat“ zum Beispiel, vermittele über die Reise einer kleinen Eule ohne zu belehren das kleine Einmaleins der Popmusik.

Gute Kindermusik gibt es auch an anderen Orten in Berlin, was den „Milchsalon“ ausmacht, ist das Ambiente dazu. Die Veranstaltungsorte bieten Clubatmosphäre. Zum einen, weil Patricia Parisi, die als 18-Jährige aus der Enge der Provinz nach Berlin floh, das Clubgefühl selber liebt, zum anderen, weil sie besonders Eltern von kleineren Kindern ein gutes Ausgehgefühl jenseits von Kitas, Jugendzentren und Straßenfesten bieten will.

„Solche Momente sind in dieser Lebensphase oft rar gesät.“ Eine feste Zielgruppe für den Milchsalon zu nennen, fällt Parisi schwer. Gute Musik kenne eigentlich kein Alter, meint sie. Es können Dreijährige sein, die hier begeistert tanzen, oder Zehnjährige. Das sei von Kind zu Kind sehr verschieden.

Die Musik muss schon überzeugen

Auf Berlins Programmkalendern für Familien ist der „Milchsalon“, der nur in den kalten Monaten von November bis April stattfindet, eine feste Größe. Leben könnte die Veranstalterin von ihrem Projekt, das sie mit viel Herzblut betreibt, allerdings noch nicht. Doch davon lässt sie sich eine Überzeugungstäterin wie Patricia Parisi nicht bremsen. „Es ist nicht immer leicht, Clubbesitzer zu überreden, ihre Locations auch am Nachmittag für Familien zu öffnen und, statt Drinks zu mixen, auch mal einen Kakao zu rühren“, sagt sie.

Das sei natürlich nicht so lukrativ. Da muss die Musik schon überzeugen. Und die Veranstalterin. „Die Club-Atmosphäre gehört zu Berlin und bedeutet für die jungen Eltern Lebensqualität“, sagt sie. „Und die Kinder sind ja schließlich auch die Clubbesucher von morgen.“

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.