Kulturmacher

Der Puppenmeister von Kreuzberg

Georg Jenisch ist Puppenspieler, Puppenbauer und Komponist. In seinem Atelier kann jeder in Workshops lernen, wie man Puppen zum Leben erweckt

Mit nur winzigen, wenigen Bewegungen beginnt Elfie plötzlich, zu leben: Georg Jenisch in seiner Puppenwerkstatt

Mit nur winzigen, wenigen Bewegungen beginnt Elfie plötzlich, zu leben: Georg Jenisch in seiner Puppenwerkstatt

Foto: Massimo Rodari

Es ist ganz erstaunlich, bei dieser Art von Geburt dabei zu sein. Bei diesem Lebendigwerden. Anders kann man es wirklich nicht nennen, was an diesem Vormittag an der Kreuzberger Katzbachstraße geschieht. Georg Jenisch soll fotografiert werden, ein Porträt von ihm, dem Puppenbauer und -spieler, der seit fünf Jahren seit Atelier dort hat. Ein Foto, das im besten Fall natürlich auch zeigt, was er da denn so macht in seiner Werkstatt.

Er nimmt sich eine Puppe, „Elfie“ heißt sie, sagt er. Elfie saß vorher zwar fast lebensgroß und irgendwie auch präsent, aber doch unwirklich und leblos, im dunklen Ledersessel in der Ecke. Der 45-Jährige schiebt seine Hand durch die Öffnung im Rücken der Schaumstoffpuppe, setzt ihren Kopf auf seine Hand und innerhalb von Sekundenbruchteilen, mit nur winzigen, wenigen Bewegungen, lebt Elfie, und der Fotograf macht scheinbar ein Doppelporträt. Wo eben noch einer saß, sitzen nun zwei und schauen in die Kamera.

Für Georg Jenisch ist das Puppenspiel eine Leidenschaft

„Genau das ist es, was mich immer wieder packt“, sagt Georg Jenisch. „Dieses belebte Material, es überlistet mich, fasziniert mich. Denn eigentlich ist es nur Müll, ein wenig Schaumstoff, ein bisschen Latex, aber sobald man es in die Hand nimmt, beginnt es zu leben.“ Für Georg Jenisch ist das Puppenspiel eine Leidenschaft, die ihn „schon immer“ gepackt hatte.

Die schon immer Teil seines Lebens war. „Ich bin in Salzburg geboren und eigentlich im dortigen Marionettentheater groß geworden. Die Besitzer waren Freunde meiner Eltern.“ Als Georg Jenisch zehn Jahre alt war, fiel eine der Puppenspielerinnen aus, und der kleine Georg sprang ein. „Ich habe den Beruf also weniger erlernt, als viel mehr erfahren.“

Eigentlich wollte der Österreicher Dirigent und Komponist werden

Wie schneidert man Kostüme für die Puppen, wie stellt man die Perücken her? Wie funktioniert die Technik bei den verschiedenen Formen des Puppenspiels – ob es nun eine Marionette ist, eine Handpuppe, eine Stabpuppe oder eine Schattenfigur. „Das alles ist Puppenspiel und noch viel mehr“, sagt Georg Jenisch, der all das gelernt und verinnerlicht hat. „Zu einem Puppenspieler gehört nämlich auch, sich vorstellen zu können, wie eine Puppe sich bewegen muss, um mehr zu sein als eine Puppe.“ Und ein Puppenspiel ist eben auch viel mehr, als „Augsburger Puppenkiste“ oder Kasperletheater.

Puppentheater ist kein Kindertheater, oder besser: muss kein Kindertheater sein. „Ich muss in einem Stück die Figuren natürlich so einsetzen, dass ihr Einsatz eine zwingende Logik hat, sonst brauche ich die Puppen nicht. Dann ist der Mensch in jedem Fall besser. Puppentheater darf nicht die Kopie vom Menschentheater sein.“

Seit 2002 leitet er das Schattentheater Figuren Zirkel

Georg Jenisch schafft das. Weil sich sein ganzes Leben um die Puppen dreht. Und um die Musik. Und darum, wie beides zusammen ein großes Ganzes ergibt. Georg Jenisch studierte Komposition am Mozarteum Salzburg, „denn eigentlich wollte ich Dirigent oder Komponist werden“. Aber, und das sagt er im Gespräch immer wieder: „Diese alte Leidenschaft, meine alten Weggefährten die Puppen, haben dann doch das Rennen gemacht.“

Nach Berlin verschlug es ihn geradezu zufällig („Wo könnte es noch schön sein?“). Mit 29 Jahren kam er in der Hauptstadt an. Seitdem liebt er die Stadt. „Berlin ist so lebendig“, sagt Georg Jenisch. Seit 2002 leitet er das Berliner Schattentheater Figuren Zirkel, gastierte mit zahlreichen Inszenierungen unter anderem bei der Potsdamer Schlössernacht, dem Deutschen Theater Berlin und dem Berliner Tränenpalast.

Strawinskys „Oedipus Rex“ mit drei Meter großen Stabpuppen

2006 verfilmte Jenisch im Auftrag von Moving-Images Michael Haydns „Der Traum“ und schuf 2007 die Marionettenszenen für den Kinofilm „Dem kühlen Morgen entgegen – Dimitri Schostakowitsch“ mit Armin Mueller-Stahl. Zur 850-Jahrfeier der Stadt München inszenierte er Strawinskys „Oedipus Rex“ mit drei Meter großen Stabpuppen. 2009 realisierte er als Drehbuchautor, Regisseur und Ausstatter den Figurenfilm „Haydns Nacht“, inszenierte Carl Orffs gesamten „Trionfi“ als Auftragsproduktion der Münchner Künstlerhaus-Stiftung.

2015 inszenierte Jenisch Carl Orffs „Prometheus“ in der Allerheiligen Hofkirche in München. „Ich mache ein bis zwei Produktionen im Jahr in München“, sagt Georg Jenisch, in Berlin sei einfach kein wirklicher Platz für die Art von Puppentheater, das er betreibt. Dieses Barocke, das, was eben seine Arbeit ausmache und eben nicht Kasperletheater ist.

Die Auftraggeber sitzen überwiegend im Süden

Außerdem sei Puppentheater eben teuer. Das würden die meisten unterschätzen: „80 bis 90.000 Euro kostet eine Produktion“, sagt Jenisch. „Viele glauben anfangs, sie kämen mit 7000 Euro hin.“ Aber allein das reine Bauen, Konzipieren, Entwerfen dauere etwa ein dreiviertel Jahr. Dazu habe er ein eigenes Ensemble, auf das er zurückgreifen kann. Und auch das kostet natürlich.

München, Salzburg, Wien – dort sitzen seine Auftraggeber. „Hier ist mein Leben, in Berlin“, sagt Georg Jenisch. „Meine Alltäglichkeit. Hier in meiner Werkstatt mache ich einen normalen handwerklichen Beruf als Puppenbauer. Aber das Inszenieren, das ist nicht konventionell. Das sind Extremsituationen, gebündelt in wenigen Wochen.

Für die kommenden fünf Jahre ist er ausgebucht

Deswegen finde ich die räumliche Trennung gut.“ Für die kommenden fünf Jahre ist Georg Jenisch eigentlich ausgebucht. „Ich habe ein unglaubliches Glück mit den Aufträgen“, sagt er. „Da hat das Leben es wirklich gut mit mir gemeint. Denn Puppenspieler werden eigentlich schlimmerweise meistens erbärmlich bezahlt.“

Mehrmals im Jahr macht Georg Jenisch aber auch etwas in seinem Atelier an der Katzbachstraße, was er selbst geradezu als „rabbinerhafte Tätigkeit“ beschreibt: Er gibt Workshops, vermittelt den Teilnehmern in insgesamt 15 Stunden die Grundlagen des Masken- und Figurenbauens auf praktische Weise. 180 Euro kostet das, inklusive Material.

Fast immer sind die Kurse ausgebucht. Es kommen Künstler oder die Oma von nebenan. „Ich kann an diesen drei Tagen wirklich vermitteln, was das Medium Puppentheater ausmacht, was das ist. Und immer wiederholen: Schaut her, Puppentheater ist toll! Ihr belebt totes Material – das ist wahrlich ein göttlicher Betrug, eine grandiose Überlistung.“

Ein bisschen Schaumstoff und Flohmarkt-Krimskrams

Wie viele Puppen Georg Jenisch in seinem Leben schon gebaut hat, darauf weiß er nicht wirklich eine Antwort. Aber allein in diesem Jahr waren es knapp 90 Puppen. Elfie sitzt währenddessen leblos auf ihrem Stuhl in der Ecke. Die Augen leer, die Arme hängen schlaff herunter. Sie ist der Prototyp für ein Stück, geplant in den nächsten Jahren. Erstaunlich, wie lebendig sie doch eben noch aussah.

Mehr noch: Sie sah verlebt aus, vom Leben gezeichnet. Man ahnte jedoch ihre Geschichte, ahnte, was sie mit ihren durchdringenden blauen Augen schon alles gesehen hat, wie viele Männer sie hatte sitzen lassen, wie sie sich nach und nach von vielen Träumen in ihrem Leben verabschieden musste. Und das ist erstaunlich viel Leben für so ein bisschen Schaumstoff und Flohmarktkrimskrams.