Zwölf Stunden

Früh-Shoppen in Moabit

Seit Dezember hat die Filiale des Großmarkts Hamberger in Berlin geöffnet. Wer hier arbeitet,muss zeitig aufstehen. Den Spaß am Job scheint das den Mitarbeitern aber nicht zu nehmen.

Schnaps und Bier, Weine und Brände: Sven Schindler ist der stellvertretende Abteilungsleiter des Getränkesegments

Schnaps und Bier, Weine und Brände: Sven Schindler ist der stellvertretende Abteilungsleiter des Getränkesegments

Foto: Christian Kielmann

02:45 Manche der Lkw-Fahrer sind gerade erst aufgewacht. Man sieht das an ihren zerknitterten Gesichtern, an der Art wie sie den ersten Schluck Kaffee nehmen. Lange nach Einbruch der Dunkelheit, um 22 oder 23 Uhr, sind sie in Berlin eingetroffen. Dann haben sie die Motoren ausgestellt, das Licht abgeschaltet und noch für ein paar Stunden die Augen geschlossen, bis sich um 3 Uhr morgens bei Hamberger, dem neuen Großmarkt für Gastronomie und Handel in Moabit, die Liefereinfahrt öffnet. Dort rollen sie dann rückwärts an die Tore. Große und kleine Laster, weiße, gelbe und bunte. Es wird ein paar Stunden dauern, bis die heutige Ware vollständig entladen ist.

03:30 Mehmet Demirhan arbeitet in der Warenankunft. Der Fisch ist schon da, gerade aus Italien gekommen. Brot auch, genau wie die Molkereiprodukte. Jetzt ist das Obst an der Reihe, das gerade mit der Ameise aus einem Transporter entladen wird. „Als erstes schaue ich immer nach, ob wir auch das bekommen, was bestellt worden ist“, sagt Demirhan, präsentiert seine Checkliste und hebt prüfend eine Kiste voller großer Pomelo-Früchte an. „Wenn alles okay ist, zeichne ich die Lieferpapiere gegen und der Fahrer kann wieder los.“ Dass 3.30 Uhr eine Zeit ist, zu der zu arbeiten sich die meisten Menschen nicht vorstellen können, macht ihm nichts aus. „Wir haben ein Zwei-Schichten-System“, sagt er und lächelt tatsächlich. „Da kann man also auch genügend ausschlafen.“

04:20 Schon lange bevor Kunden durch die hohen Gänge des Hamberger Großmarkts ziehen, geht Marcel Schulz seiner Arbeit nach. Der 32-Jährige ist Abteilungsleiter in Sachen Fisch und gerade dabei, Filet auf Filet unter einer hellen Lampe auf Würmer zu untersuchen. „Routinekontrolle“, sagt der Brandenburger. „Gefunden haben wir noch nie etwas.“ Mehr als 200 verschiedene Sorten Fisch bieten Schulz und seine Kollegen hier an. Filetiert, im Stück oder noch lebend aus den Aquarien, aus denen einem stieläugig Krebse entgegen starren. „Nur Hummer gibt es heute nicht“, muss Schulz zugeben. „Am Sonntag war das chinesische Neujahrsfest, da haben sie uns alle weggekauft.“ Sorgen sollte sich der Kunde deswegen aber nicht. „Wir erwarten schon morgen die nächste Lieferung.“

05:45 Sogar um die Preise aufzukleben, benötigt Nadine Winklmüller eine dicke Steppweste. Kein Wunder, schließlich herrschen in der Obst- und Gemüse-Abteilung gerade einmal sechs Grad. „Und das ist noch warm“, sagt Winklmüller. „Allein in dieser Abteilung gibt es drei verschiedene Temperaturbereiche.“ So sei es bei den Kartoffeln am wärmsten, die niedrigsten Temperaturen herrschten beim Salat. Gewogen werden die Waren schon hier in der Abteilung. Auch dafür ist Winklmüller zuständig. Ihr Wert wird auf der Kundenkarte gespeichert, sodass man an der Kasse nicht Kiste auf Kiste aufs Band hieven muss.

06:50 Seit einer knappen Stunde ist der Markt offiziell geöffnet. Doch noch sind in den meisten Gängen kaum Kunden zu sehen. Das mag daran liegen, dass es Hamberger in Berlin erst seit dem vergangenen Dezember gibt, vielleicht aber auch an der frühen Uhrzeit. Andrea Siebert nutzt die Stille jedenfalls zu einer schnellen Teambesprechung. Die Abteilungsleiterin ist gerade erst aus dem Urlaub zurückgekommen und möchte wissen, was es an Problemen gab. „Eigentlich keine“, sagt sie auf Nachfrage. „Hier arbeiten alle prima mit. Auf die kann ich mich verlassen.“ 130 Mitarbeiter hat die junge Hamberger-Filiale im Moment. Läuft das Geschäft wie geplant, sollen es aber noch wesentlich mehr werden.

08:10 Halit Sorgun gehört zu den Kunden, die den Begriff Großmarkt durchaus wörtlich nehmen. Bis über seinen Kopf stapeln sich die Styroporkisten auf seinem Wagen. In ihnen, auf Eis gekühlt, wartet kiloweise Fisch auf seine Kunden oder besser auf die Zubereitung. „Diese Menge reicht für zwei, vielleicht für drei Tage“, sagt Sorgun. Bis dahin werden alle Tiere verspeist worden sein. Sorgun betreibt die Atlantik Fischrestaurants an der Potsdamer und der Martin-Luther-Straße. Hört man ihm zu, bekommt man den Eindruck, er könne durchaus einer seiner besten Kunden sein. „Ich esse jeden Tag Fisch“, ruft er aus. „Das ist gesund!“ Sein Lieblingsfisch? Da muss er nicht lange überlegen. „Die Adlerfische hier“, sagt er und zeigt auf einen Beutel, in dem zwei schwere Exemplare liegen.

09:55 „Fünf bis sechs Stunden“ benötigt Imer Markov, bis er mit seinem Reinigungswagen jeden Quadratmeter der riesigen Verkaufshallen gesäubert hat. Doch das ist noch nicht alles. „Zwischendurch lassen Kunden etwas fallen oder es kippt etwas um“, sagt er mit leidender Miene. Da gibt es dann wieder etwas zu tun. Zusätzlich muss das Wasser des Wagens einmal die Stunde ausgewechselt werden. Mit anderen Worten: „Es ist ein Job für den ganzen Tag.“

11:45 Auch Marina Meier ist gerade aus dem Urlaub zurückgekommen. Aus der Sonne in den Winter. Bei ihrem Job zählt das doppelt, denn in der Kühlkammer herrschen zwei bis vier Grad über Null. Die Fleischfachverkäuferin geht mit prüfendem Blick durch ihre Regale. „Der Spanische gar nicht hier?“, fragt sie einen Kollegen. „Nee, da mussten wir die letzte Lieferung zurückgehen lassen“, erfährt sie. Was Marina Meier da aus ihrem Reifeschrank holt und dem Kunden präsentiert, das ist weit entfernt vom durchschnittlichen Steak. „Die Stücke sind zwischen vier und sieben Wochen gereift“, erklärt sie, als sie ein siebeneinhalb Kilo schweres Stück Rücken auf die Theke hievt. Das Fleisch ist rostrot und dunkel, der Knochen fast schwarz. „Daraus schneidet man dann vom Knochen aus die Steaks. Die kommen pro Stück locker auf 400 bis 500 Gramm.“ Chianina heißt dieses in Italien aufgewachsene Rindvieh. Im Hamberger kostet es dann 34 Euro pro Kilo. Auch hier hat Qualität eben ihren Preis.

13:30 „Das ist unser Lager“, sagt Sven Schindler und starrt konzentriert in Richtung der weit entfernten Decke des Großmarktes. Über ihm türmen sich palettenweise Kisten. Schnaps und Bier, Liköre, Weine und Brände. Schindler ist der stellvertretende Abteilungsleiter des Getränkesegments im Hamberger. Dort stehen die Flaschen bis in eine Höhe von zwei Metern – so, dass der Kunde auch die Möglichkeit hat, sie zu erreichen. Darüber stapeln sich Meter um Meter die Paletten mit Nachschub in die Höhe. „Geht uns hier unten irgendetwas aus und wir finden eine Lücke“, erklärt Schindler, „heben wir mit dem Gabelstapler die Ware von oben runter und füllen sie einfach nach.“ Schnell erledigt sei das aber auf keinen Fall. Die Kunden nähmen schließlich immer wieder etwas heraus. „Man kann das den ganzen Tag machen“, sagt er und wirkt gar nicht so unglücklich darüber, als er die Zinken seines Gabelstaplers in vier Meter Höhe präzise in eine Palette einfährt. „Das ist fast wie ein Sport“, sagt er.

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