Zwölf Stunden

Ein Bett auf der Spree

Die „Eastern Comfort“ an der Oberbaumbrücke ist mehr als nur ein Hostelschiff. Sie ist ein schwimmendes Café, eine Bar und ein Wohnzimmer.

Eine Oase mitten in der Stadt: Seit 2005 liegt das Hostelschiff Eastern Comfort an der Oberbaumbrücke

Eine Oase mitten in der Stadt: Seit 2005 liegt das Hostelschiff Eastern Comfort an der Oberbaumbrücke

Foto: Frank Lehmann

10:00 Es wäre noch schöner, herrschte draußen statt eines trüben Dezembertages strahlender Sonnenschein. Doch auch so ist der Blick aus den Fenstern der Eastern Comfort „der schönste, den ich bei einem Job jemals hatte“, sagt Carole Christoph. Draußen lutscht die graue Spree am Beton der Spundwände, gelb fährt die Bahn über die rote Oberbaumbrücke. Das in 1991 in Genthin gebaute Schiff liegt seit 2005 an der Spree. Drinnen ist es warm, die Wände sind aus Holz und auf den Stühlen liegen weiche Kissen.

11:50 „Dieser Ort ist wie eine Oase“, sagt Carole Christoph über das Hostelschiff, auf dem sie seit fünf Jahren arbeitet. Heute ist sie von 8 bis 16 Uhr an Bord. Das ist die Frühschicht, in der sie Betten macht und Frühstück bereitstellt, Gäste eincheckt, berät und herumführt, die steilen Treppen im Eiltempo nimmt und es trotzdem schafft, freundlich lächelnd das Telefon zu beantworten. „Ich mag das hier sehr“, ist alles, was sie dazu sagt.

13:15 „Floating Lounge“, so nennt sich die Bar im oberen Stockwerk der Eastern Comfort. Der Blick auf die Spree, der warme Kamin, die Holzmöbel – es ist nicht überraschend, dass es abgesehen von den Hostelgästen viele Paare hierher verschlägt, bei Kaffee und romantischem Blick auf den Fluss. Doch auch Freunde kommen hierher. Claudia Casaj, zum Beispiel, die ihren Freundinnen Marta Casas und Monica Bechini die Highlights der deutschen Hauptstadt zeigt. Für sie gehört die Bar des Spreeschiffes da auf jeden Fall dazu.

14:45 Eben gerade war Kirsten Handke noch damit beschäftigt die letzten Kopfkissen auszuschlagen, jetzt steht sie schon wieder an der Rezeption. „Leute überall auf der Welt sind unterschiedlich geduldig“, lässt die Kanadierin einen an ihrer Erfahrung teilhaben. „Zum Beispiel in Deutschland. Die Bayern und Stuttgarter, bei denen muss es häufig schneller gehen.“ Die Menschen vom Rhein, aus NRW, die seien ganz anders. Verzeihender. Geduldiger. Lockerer. Man glaubt ihr das. Sofort. Immerhin ist sie von Anfang an dabei gewesen, beim Projekt Eastern Comfort, und hat sicher genug Gäste aus aller Welt erlebt. Und wenn man ihr so zuschaut, kommt man irgendwann zu dem Schluss, dass die Kanadier wohl die Rheinländer Amerikas sein müssen.

15:50 Edgar Schmidt von Groeling, von seinen allesamt treuen Angestellten meistens nur der „coolste Chef der Welt“, oder schlicht „der Captain“ genannt, läuft die Zeit davon. Schon schwindet das Licht vor den Fenstern und der Tag auf dem zweiten, zur Zeit unbewohnten Hostelschiff, der Western Comfort, neigt sich dem Ende zu. Dabei gibt es noch einiges zu tun. Der Captain packt selber mit an, wenn es um Reparaturen geht. Schmidt von Groeling, seines Zeichens Kapitän der Eastern Comfort, ist gelernter Tischler und studierter Architekt. Außerdem ist er ein Mann, der früher sein eigenes Hausboot reparierte, ein Reisender, ein Self-Made-Man wenn man so möchte. Ihm hätte dieser Begriff wahrscheinlich zu viel Pathos. Der Captain macht wenig Aufhebens um das, was er ist: der Kapitän eines in der Nacht leuchtenden, schwimmenden Hotels am Friedrichshainer Spreeufer.

17:10 Mark Buchanan und Katrina Melia sind gerade erst angekommen. Die beiden Briten sind zum ersten Mal in Deutschland, zum ersten Mal in Berlin, und ihren ersten Drink nehmen sie in der Floating Lounge. „Wir kennen ja gar nichts hier“, sagt Mark. „Aber das Schiff hat man schon von der Bahn aus gesehen. Wir mussten hierher kommen.“ Es fängt gut an, da ist sich das Paar einig. Wenn der Rest Berlins auch so sei, wie die Eastern Comfort, dann würde das ein fantastischer Urlaub werden. Das hört Gabriela Gomez hinter dem Tresen gerne. „Ja dann - willkommen!“, sagt sie und stellt den beiden ihr erstes Berliner Bier hin.

18:30 Bridget Doring und Aristeidis Panopoulos schauen einen fassungslos an, fragt man sie, warum sie ausgerechnet auf der Eastern Comfort eingecheckt haben. Hinter den beiden funkelt Licht auf dem Wasser der Spree und über die Oberbaumbrücke ziehen die ersten Feierwilligen des Abends. „Das Hostel ist ein Schiff“, sagt Bridget, als sei damit alles erklärt. Ist es auch.

19:45 Während auf dem Oberdeck des Schiffs langsam die Party anläuft, Eis in den Gläsern klirrt und die Musikanlage warmläuft, herrscht an den Tischen im Unterdeck Wohnzimmerstimmung. Die Luft ist warm und trocken, Kirsten berät im Hintergrund einen Gast, und eine Familie ist gerade von ihrem Berlin-Ausflug zurückgekehrt. Dass ihre Mutter „einfach nur noch ein paar Seiten lesen will“, ist den beiden blonden Jungen ziemlich egal. Für sie ist das Schiff ein großes Abenteuer, bei dem man durch Bullaugen aufs Wasser schielt und so schnell man kann enge Gänge entlangrennt. „Los geht’s, Tom“, sagt der ältere der beiden zu seinem Bruder. „Ich glaube, da hinten ist der Maschinenraum.“ Spätestens da haben die beiden ihren Vater überzeugt, sich ebenfalls dem Erkundungstrupp anzuschließen. „Wirklich, Jungs? Lasst mal sehen.“ Und dann, als die drei verschwunden sind, kann die Mutter sich endlich zurücklehnen, einen Tee einschenken und ihr Buch aufschlagen.

21:30 An Bord der Eastern Comfort ist alles selbst gebaut. Captain Edgar und seine Crew haben nicht nur die Stühle und Tische gezimmert, den Boden verlegt und die Wände verkleidet, sondern auch einen Kamin zusammengeschweißt, der den Partygästen in der Floating Lounge wohlige Wärme spendet. Oliver Benz, der gerade einen Scheit in die Glut des Ofens wirft, ist eigentlich als Anheizer in einem anderen Bereich tätig. „Ich bin der Barmanager an Bord“, sagt er und schließt die Kaminklappe. In seinen Aufgabenbereich fällt die Bearbeitung all der Anfragen derer, die vorhaben die Lounge des Schiffs für eine private Veranstaltung zu buchen. „Ein- oder zweimal die Woche findet hier schon eine Party statt“, sagt er und schaut sich im Oberdeck um, auf das die Mitarbeiter eines Lautsprecherboxen-Herstellers strömen, die heute ihre Weihnachtsfeier veranstalten.

23:00 Ajoscha Lewerenz ist schon an Bord, auch wenn seine Schicht erst um Mitternacht beginnt. „Ich bin gerne hier“, sagt er. „Auch wenn ich nicht arbeite.“ Man kann das verstehen, schließlich gibt es schlechtere Orte für einen kurzen Moment der Ruhe, eine Zigarette im Freien, als das Deck eines Schiffes, das vor der Oberbaumbrücke vor Anker liegt. Bis morgens um acht wird Ajoscha nun arbeiten müssen. „Gefährlich ist es nur zwischen 4 und 5 Uhr“ sagt er. „Da kann man müde werden.“ Ansonsten gibt es genug zu tun. Späte Gäste checken ein, andere bekommen die Tür nicht auf. Das Holz im Ofen muss nachgefüllt und die Reservierungen des nächsten Tages bearbeitet werden. Und auch wenn die Gäste im Winter spärlicher als im Sommer sind, gibt es davon genug. Wo sonst bietet sich die Chance mitten im Herzen Berlins auf dem Wasser zu schlafen?