Zwölf Stunden

Im Archiv der Überwachung

In Lichtenberg, dort, wo einst das Ministerium für Staatssicherheit residierte, arbeitet die Stasi-Unterlagen-Behörde die Vergangenheit auf

Foto: Massimo Rodari

1600 Mitarbeiter hat die Stasi-Unterlagen-Behörde bundesweit. Allein 370 davon arbeiten am wichtigsten Archivstandort in der Lichtenberger Normannenstraße – in den Räumen, in denen einst das Ministerium für Staatssicherheit selbst residierte. 49 Gebäude auf einem rund 20 Hektar großen Gelände beanspruchte die Stasi-Zentrale.

07:20 Die konspirative Geheimdienstarbeit, die in Lichtenberg einst koordiniert und abgewickelt wurde, spiegelt sich noch heute in der verwinkelten Architektur der riesigen Betonblöcke wider. Die Mannschaft vom Haussicherungsdienst muss daher einen guten Orientierungssinn haben. In dem komplizierten Gängesystem verlaufen sich Neulinge todsicher schon nach den ersten paar Treppenabsätzen. „Aber wir begleiten ja jede Führung“, sagt Heiko Kuhlmann, während er die schwere Bunkertür im Untergeschoss zeigt, hinter der Stasimitarbeiter hätten Schutz finden sollen. Rund um die Uhr bewacht sein 35-köpfiges Team die Behörde.

08:40 Jeder Bürger kann einen Antrag auf Einsicht in seine Stasiakte stellen. Die Auskunftsstellen erledigen die Vorrecherche und leiten dann konkrete Anfragen an die zuständigen Archivabteilungen weiter. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die zentrale Kartei „F16“, benannt nach einem von unzähligen genutzten Karteiformaten. Hier kopiert Sophia Horn gerade Karteikarten für eine Recherche. „Die typischen Bürger-Anträge auf Akteneinsicht landen alle bei uns, denn das hier ist die Personenkartei“, sagt Horn. „Hier recherchieren wir unter den Klarnamen alles das, was Einzelpersonen direkt betrifft.“ Bei der Sortierung der Akten verwendete die Stasi übrigens ein MfS-eigenes phonetisches System, „nach drei Monaten Einarbeitungszeit ist einem das schon in Fleisch und Blut übergegangen“.

09:35 Tontechniker Dirk Ullrich repariert ein uraltes Video- 2000-Gerät von Grundig. „Video 2000 war ein Format in den 80er-Jahren, das dann von VHS abgelöst wurde“, sagt er. Alte Formate sind sein Spezialgebiet, von diversen Tonbändern über spezielle Diktierkassetten bis zu längst aus der Mode gekommenen Videosystemen bringt er alles zum Laufen, was die Nachkriegsgeschichte an technischen Ton- und Bildspeichermedien so zu bieten hatte. „Die Stasi hat im Laufe der Zeit mit allen Formaten gearbeitet, die im Osten oder Westen jemals auf dem Markt waren. Allein rund 25.000 Tonträger gibt es noch im Archiv, viele Aufnahmen von Reden, Sitzungen oder Konferenzen, aber natürlich auch Mitschnitte von Abhörmaßnahmen.“ Bevor der Zahn der Zeit die Bänder vernichtet, soll alles digitalisiert und für eine vertiefte Erschließung aufbereitet sein.

11:10 Rechercheur Ali Catal sucht Aufnahmen von Werner Teske aus den gesammelten Häftlingsfotos. Auch solche Bilder wurden von der Stasi akribisch archiviert. Teskes Fall ist überdurchschnittlich gut bekannt, weil an ihm 1981 das letzte Todesurteil der DDR vollstreckt wurde. Dem Hauptmann der Auslandsspionage wurden Fluchtpläne zur Last gelegt.

12:30 Der Teppich ist rot, die Sitzmöbel in kräftigem Blau bezogen und die Einrichtung würde sich bestens in derzeit schwer angesagten Retro-Bars machen: Das frühere Büro von Stasi-Chef Erich Mielke ist das Herzstück des Stasi-Museums im ehemaligen Dienstsitz des Ministers. Mehrere Tausend Besucher zieht es jeden Monat in den Ausstellungsbau der Behörde. Museumsführer Lutz Pupke zeigt einer internationalen Besuchergruppe gerade den Schreibtisch Erich Mielkes. Das Museum im Haus 1 hat noch viele original erhaltene Räume zu bieten und seit letztem Jahr außerdem eine komplett neu gestaltete Ausstellung.

14:05 Allein in den „Karteipaternostern“ der M-Kartei drehen sich rund 1.200.000 Karteikarten. Das „M“ steht für die Mikrofilme, auf denen die Postkontrolle der Stasi den Postverkehr von bis zu 600.000 DDR-Bürgern abfotografiert hat. „Die Inhalte der Postüberwachung sind auf Mikrofilmen überliefert“, sagt Rekonstrukteurin Martina Reimann, „die Rechercheschritte hier sind allerdings etwas umständlich, auch weil alles halb anonym nach Adressen und nicht nach Namen geordnet ist“.

15:45 Historiker wie Philipp Springer werden noch auf Jahrzehnte hinaus mit der Aufarbeitung der Stasi-Hinterlassenschaften beschäftigt sein. Springer erforscht die Arbeitsweise der ehemaligen Abteilung XII, dem Archiv der Stasi. „Das Gedächtnis der Staatssicherheit“ heißt ein Buch von ihm, das druckfrisch auf dem Tisch liegt. „Es ist interessant, dass es in der DDR insgesamt so gut wie keine Archivneubauten gegeben hat, der Archivzweckbau auf dem Gelände hier ist hinsichtlich seiner Größe eine echte Ausnahme.“ Springer fasziniert unter anderem, dass die Sammelwut des Geheimdienstes Quellen verfügbar macht, die weit über den Stasikontext hinausweisen. „Ein Beispiel: In den 50er-Jahren hat die Stasi die Kneipen rund um den Bielefelder Bahnhof fotografisch dokumentiert, weil man dort Dissidententreffpunkte vermutete. Die Bilderserie ist ein einzigartiges Zeitdokument.“

16:20 In der Restaurierungswerkstatt riecht es nach Ethylacetat. Ein Lösungsmittel, mit dem Vilja Schumacher die erste Seite aus einem Vorgangsbuch der ehemaligen Hauptabteilung IX von „technischem Klebeband“ – dem Laien als Tesafilm bekannt –, befreit. Unter der Absaughaube eines Unterdrucktisches hebt sie das Klebeband ab und betupft die Klebeschicht mit dem Lösungsmittel. Dieses verfliegt wieder, und durch die Ansaugvorrichtung des Tisches diffundieren die Kleberreste aus dem Papier. Nebenan läuft eine „Bündelerschließung“, das heißt Karteikarten, die verleimt, aber über diese „Vorvernichtung“ nicht hinausgekommen sind, werden mühsam voneinander getrennt und lesbar gemacht.

17:45 Ein wichtiger Bereich ist die Justizaktenkartei, in der recherchiert werden muss, wenn Anträge auf Rehabilitation oder Wiedergutmachung in der Behörde eingehen. „Das betrifft ehemalige ‚politische Gefangene’“, erklärt Referatsleiterin Doreen Hartwich, „und die haben bei ihrer Haftentlassung in der Regel nichts schriftlich in die Hand bekommen.“ Häufig kann man nur noch mit den Justizakten der Stasi überhaupt noch nachweisen, was damals geschehen ist. „Dabei helfen uns unter anderem ‚gelöschte Strafnachrichten’, die die Stasi nie wirklich hat löschen lassen.“