Zwölf Stunden

Pfaueninsel - Das weiße Schloss in der Havel

Zwischen Berlin und Potsdam liegt die märchenhafte Pfaueninsel. Sie ist nur mit der Fähre zu erreichen und wird auch im Herbst gehegt und gepflegt

Das Schloss Pfaueninsel wurde Ende des 18. Jahrhunderts für Preußen-König Friedrich Wilhelm II. als Lustschoss errichtet

Das Schloss Pfaueninsel wurde Ende des 18. Jahrhunderts für Preußen-König Friedrich Wilhelm II. als Lustschoss errichtet

Foto: Sergej Glanze / Glanze

06:00 Dienstantritt für Schiffsführer Jörg Wolter auf der Fähre zur Pfaueninsel. Für die kurze Strecke zwischen dem Festlandanleger und dem Eiland benötigt er gerade mal knapp zwei Minuten. „Das ist wie mit dem Auto den ganzen Tag ein- und auszuparken“, beschreibt er das hin und her. Seit dem Luisenjahr 2011 tuckert er mit einer neuen Fähre über die Havel. Die alte liegt noch als Reserve am Pfaueninsel-Anleger. Die erste öffentliche Fähre wurde übrigens 1821 zwei Mal wöchentlich eingerichtet. Heute arbeitet Wolter mit zwei Kollegen rund um die Uhr in drei Schichten und fährt nach Bedarf Besucher, Mitarbeiter und Bewohner. Bei Minusgraden der Havel legt er auch schon mal eine leere Tour ein, denn die Fahrrinne muss bei drohender Vereisung für Notfälle frei bleiben.

07:15 Gartenmeisterin Daniela Kuhnert ist für einen reibungslosen Ablauf aller praktischen Arbeiten zuständig. Sie startet mit einem Abgleich der Arbeiten in den Tag. Zunächst werden die Kollegen gefragt, was sie zuletzt gemacht haben und wie weit sie damit gekommen sind. Dann wird das Team für neue Aufgaben einteilt. In der Tierpflege, der Gärtnerei und dem Park. Wenn irgendwo Material fehlt, organisiert Daniela Kuhnert es. Danach macht sie einen Zwischenstopp im Büro, bevor sie zur Bestandsaufnahme in die Gärtnerei geht. Eine Inventarisierung der Kübelpflanzen steht an. Und wie jeden Tag, dreht Daniela Kuhnert noch ihre Inselrunde auf dem 67 Hektar großen, rund 1,5 Kilometer langen und 0,5 Kilometer breiten Eiland. Friedrich Wilhelm II. erwarb es 1793 und machte es seinerzeit zur Sommerresidenz der Königsfamilie.

09.45 Mirko Wunderlich ist gerade dabei, das Gras und das Laub von den Wiesen abzutragen. Die Arbeiten des Landwirtschaftsmeisters richten sich nach Vegetation und Jahreszeit. Auch die Bewirtschaftung der Ackerflächen mit historischen Pflanzenkulturen wie Lupine und Flachs. Nur eines bleibt jeden Tag gleich: Mit zwei Kollegen kümmert er sich zuerst um die Tiere und füttert sie. Auf der Insel gibt neben Pfauen, Hühnern und Fasanen und ackertauglichen Pferden auch eine Reihe alter Schafrassen wie Heid- und Moorschnucken. Eingekoppelt durch Elektrozäune, wandern sie weidend über die komplette Insel. Im Sommer kommen noch Wasserbüffel auf den Hechtlaichwiesen dazu.

11:10 Gärtnerin Ina Schönemann trägt einen Pfau zur großen Voliere in der Inselmitte. Sie ist das einzige Originalrelikt der Menagerie, die es hier einst gab. Das kranke Tier ist Ina Schönemann bereits in den letzten Tagen aufgefallen. „Die Äuglein waren zu. Er wirkte matt und hat geröchelt“, erklärt sie nun Tierpfleger Maciej Großer. Der will den Pfau zur Beobachtung da behalten. „Mit Ruhe, Pflege und gutem Futter können wir ihn wieder aufpäppeln“, beruhigt er. In der unmittelbaren Nachbarschaft von flauschigen Seidenhühnern und wunderschönen weißen Pfauen scheint es dem angeschlagenen Artgenossen auch gleich wieder ein bisschen besser zu gehen.

12:45 Susanne Fontaine schaut gerade im Schloss nach dem Rechten. Sie ist für alle Gebäude zuständig, die der Öffentlichkeit zugänglich sind. Also auch für die Meierei und das von Karl Friedrich Schinkel 1824 erbaute Kavaliershaus, das in den 60er-Jahren als Kulisse für mehrere Edgar-Wallace-Verfilmungen diente. Von den 150.000 Besuchern in den Sommermonaten, besichtigen allein 10.000 das Schloss im romantischen Ruinenstil. Wie auch die anderen Gebäude ist es zwischen April und Oktober ausschließlich mit einer Führung zu besichtigen. Schließlich handelt es sich dabei um kostbares Kunstgut mit dem extrem vorsichtig umgegangen werden muss. Aktuell ist das Schloss winterfest gemacht worden und ruht im Dornröschenschlaf. Im opulenten großen Festsaal wurde der exquisite Parkettboden dafür eingewachst, das Mobiliar in die Raummitte geschoben, damit es nicht an den kalten Außenmauern steht. Hochgenaue Datenlogger messen Temperatur und Feuchtigkeit. Bis zum Frühjahr haben Susanne Fontaine und ihr Team alles fest im Blick.

13:50 Dick eingemummelt genießen Heide Holweger und Kerstin Sixdorf die Herbstsonne auf ihrem Spaziergang. Sie lieben den vom Landschaftsarchitekten und Gartenkünstler Peter Joseph Lenné zwischen 1821 und 1834 nach englischem Vorbild gestalteten Park. Heute gehört die Pfaueninsel zum Unesco-Welterbe mit den höchsten Naturschutzrichtlinien. Daher gibt es auch eine strenge Parkordnung. Aber auch herrliche Ruhe. Die schätzen die beiden Besucherinnen besonders.

14:20 Marlene befreit einen Laubengang fleißig harkend von bunten Blättern. Sie wird seit September zur Gärtnerin in der Richtung Garten- und Landschaftsgärtnerei ausgebildet. Ein Traumberuf für sie. Die aktuelle Kälte stört sie nicht: „Wenn man passend angezogen ist, macht die Arbeit trotzdem Spaß.“

14.55 Vier Pfauenmännchen stolzieren über den Uferweg. Es sind Blaue Pfauen, die während der Balz so prächtige wie imposante Räder mit ihren bis zu anderthalb Meter langen Oberschwanzfedern schlagen. Dann sind sie die Stars der Insel. Jetzt in der kalten Jahreszeit gehört die Insel ihnen. Auch, wenn sie Besucher gewohnt sind, bleiben sie immer etwas auf Abstand.

15:30 Andreas Cüsters hat einen Tag voller Überraschungen hinter sich. Wildschweine, die schon mal schwimmend einen Ausflug zur Pfaueninsel machen, haben in der Nacht den Runden Garten nahe des Schlosses verwüstet. Trotz eines Schutzzauns rund um die Insel sind solche Schäden unvermeidbar. „Wir mussten die Grassoden rausharken, die Stellen mit Erde auffüllen und zwischensäen“, erklärt der Landschaftsgärtner. Er hofft, dass im nächsten Sommer nichts mehr vom nächtlichen Überfall zu sehen ist.

17.15 Jan Uhlig, Fachbereichsleiter der Pfaueninsel, ist im Prinzip für alles verantwortlich, was auf der Insel passiert. Egal, ob für die Pflanzpläne, die festlegen, welche Blumen gesetzt werden, oder für die Restaurierung der Wege. Ohne sein Okay geht nichts. Er stimmt auch die Einhaltung der Naturschutzstandards mit der Denkmalpflege und der Verkehrssicherheit für Spaziergänger ab. Ein Konfliktbereich. Wie die stark eingekürzte Baumruine einer Rotbuche neben der großen Voliere zeigt. Wenn die Fäule die Wurzel zerfrisst, könnte sie schließlich auf den Weg oder das Gebäude stürzen. Aktuell ist sie aber ein Biotop für Spechte und vor allem für den Eremiten, eine seltene Käferart. Jedes Inselfleckchen steht bei ihm unter ständiger Beobachtung. Kein Wunder, dass Jan Uhlig so wie jeden Tag auch heute als letzter Feierabend macht.

Pfaueninsel Nikolskoer Weg, Wannsee, Besucherinfos unter Tel. 0331 96 94 200, bis 28.2., tägl. 10–16 Uhr geöffnet. Fähre 4 Euro, erm. 3 Euro, Familienkarte 8 Euro.