Die Arbeit scheint nicht auf die Stimmung abzufärben. Wer die Stasi-Unterlagenbehörde am Alexanderplatz betritt, trifft auf freundlich lachende Pförtner und grüßende Mitarbeiter. In der siebten Etage erwartet Behördenchef Roland Jahn die Besucher in seinem Büro. Er ist ganz in Schwarz gekleidet, der Farbe, in der auch der überwiegende Teil des Mobiliars gehalten ist.
Berliner Morgenpost: Herr Jahn, in diesen Tagen hat sich der Beschluss der Volkskammer zum Beitritt der DDR zur Bundesrepublik zum 25. Mal gejährt und damit auch der Beschluss, das DDR-Unrecht aufzuarbeiten. Wie lautet Ihre Bilanz?
Roland Jahn: Ich denke, in den vergangenen 25 Jahren ist bei der Aufarbeitung des Unrechts in der DDR viel geleistet worden. Wer da denkt, dass dann wohl Zeit für einen Schlussstrich gekommen ist, liegt falsch. Aufklärung hat kein Verfallsdatum. Es geht weiter darum, die Chancen zu nutzen, die darin liegen, in die Geschichte zu schauen.
Welche Chancen meinen Sie?
Dass wir unsere Sinne schärfen, um Demokratie zu gestalten. Es geht darum, Unrecht als Unrecht zu benennen, den Wert von Menschenrechten hochzuhalten und auch über Ursachen und Folgen des Unrechts aufzuklären. Und es geht darum, die Opfer zu würdigen und Demokratie zu stärken.
Ein Vierteljahrhundert nach der Einheit beantragen Menschen immer noch Einsicht in ihre Akten. Erstaunt Sie das?
Wenn man bedenkt, dass 1992 die erste persönliche Akteneinsicht gewährt wurde, erstaunt das schon. Jeden Monat gehen noch mehr als 5000 Anträge ein.
Wie lang ist der Schatten der Stasi, wenn die Menschen heute noch damit ringen, in ihre eigenen Akten zu schauen?
Viele, die jetzt einen Antrag stellen, sagen uns, dass sie eine gewisse Zeit und Abstand benötigt haben. Manche haben Angst gehabt, aus den Akten Sachen zu erfahren, mit denen sie nicht umgehen können. Andere wiederum sagen, jetzt seien sie Rentner und hätten Zeit, die Dinge ihres Lebens zu ordnen. Und ganz viele sind von ihren Kindern oder Enkeln angestoßen worden, doch auch mal in ihre Akten zu schauen, wie die Stasi in das Schicksal der Familie eingegriffen hat.
Was bedeutet es für die Betroffenen, wenn das damalige Unrecht noch heute ihr Leben bestimmt?
So eindeutig ist es nicht, dass das Unrecht das Leben bestimmt. Aber da ist etwas in der Vergangenheit, das noch Aufklärung braucht. Und – vor dem Hintergrund meines eigenen Erlebens – mit der Erfahrung des Leids aus der Vergangenheit kann man durch die Aufklärung auch Kraft für die Gegenwart gewinnen. Die Erkenntnis kann Menschen helfen, ein Stück ihres gestohlenen Lebens zurückzubekommen. Es kann helfen, Dinge einzuordnen und für sich Konsequenzen zu ziehen. Es gibt Menschen, die dachten immer, sie seien wegen schlechter Leistungen von der Uni entfernt worden. Aber nein, in den Akten können sie lesen, dass die Stasi aus politischen Gründen eingegriffen hat. Das zu wissen, hilft, mit mehr Selbstvertrauen durchs Leben zu gehen.
Hat sich der Blick auf das Stasi-Unrecht in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten verändert?
Ich trete stark für eine differenzierte Betrachtung ein. Mir gefiel am Anfang der Aktenöffnung nicht, dass es eine übergroße Fixierung auf die Spitzel gab, die im Verborgenen gewirkt haben. Die haben ja nicht allein gehandelt. Es ist wichtig, dass wir das Gesamtsystem betrachten. Wie hat das System funktioniert, und wer hat welche Verantwortung getragen? Da ist die Gesellschaft meiner Meinung nach jetzt auf einem guten Weg, den Blick zu weiten.
Oft ist ja bei der Gesamtschau die Banalität des Bösen das Erschreckende. Sehen Sie so etwas in den Akten?
Es ist schon oft erschreckend, wie banal sich die Macht von SED und Staatssicherheit in der Bürokratie widerspiegelte. Dabei geht es um das Leid und das Unrecht, das Menschen erlebt haben, um menschliche Schicksale. Es ist wichtig für kommende Generationen, das zu erfahren. Es zeigt uns, wie Diktaturen funktionieren und wie Menschen daran beteiligt sind. Mir ist wichtig, dass wir uns dabei nicht auf die Stasi fixieren, sondern dass wir den Alltag beleuchten.
Lebt das Stasi-Unrecht in Folgegenerationen weiter, weil die jüngeren Menschen von denen geprägt werden, die das Unrecht erlebt haben?
Die Aufarbeitung von Unrecht zieht sich über mehrere Generationen hin. Natürlich ist es wichtig zu erfahren, wo man herkommt, was man mit auf den Weg bekommen hat, um das Heute zu reflektieren. Deswegen findet die Diskussion zwischen den Generationen statt. Jüngere fragen sich, wie ihre Eltern und Großeltern gelebt haben, ob sie Funktionäre waren oder bei der Staatssicherheit, oder ob sie Widerspruch geleistet haben oder angepasst gelebt haben. Das sind Fragen, die Jugendliche bewegen. Für mich war es auch erschreckend zu erfahren, dass mein Opa Nazi war und meine geliebten Eltern in der Hitler-Jugend waren. Ich habe aus meiner Sicht viel zu wenig Fragen gestellt, wie es dazu gekommen ist. Ich wünsche mir, dass die heutige Jugend ihre Eltern dazu befragt, welche Rolle sie damals gespielt haben.
Erwarten Sie also eine zweite Welle des Interesses am DDR-Unrecht?
Ich würde das nicht in Wellen betrachten. Ich merke jetzt, wenn ich unterwegs bin, dass ein großes Interesse da ist. Die Jugendlichen wollen wissen, wie ihre Eltern und Großeltern im geteilten Deutschland gelebt und das eingeordnet haben. Das gilt gleichermaßen für Ost und West. Es hat auch etwas mit ihrem eigenen Leben zu tun, mit Werten in unserer Gesellschaft.
In Berlin hat der Bezirk Treptow-Köpenick in diesem Jahr erneut die Bezirksverordneten auf eine Stasi-Verstrickung überprüft. Dabei wurden vier Namen genannt, aber es blieb ein öffentlicher Aufschrei aus. Ist das ein Zeichen von Desinteresse, oder hat sich der Blick auf die Täter verändert?
Wichtig ist ja, dass Aufklärung betrieben und individuelle Verantwortung festgestellt wird. In diesem Jahr sind bereits mehr als 1800 Parlamentsabgeordnete überprüft worden. Aber es ist eine größere Gelassenheit eingetreten im Umgang mit dem, was wir erfahren. Da wird nicht gleich mit dem Finger gezeigt und geschrien: Da ist das Stasi-Schwein! Sondern es werden Fragen gestellt, wie es dazu gekommen ist, was derjenige gemacht hat, welche Zwänge existiert haben und wie derjenige heute mit seiner Vergangenheit umgeht. Ich denke, das ist ein guter Weg. Man kann damals 20-Jährige nicht für den Rest ihres Lebens verdammen.
Mittlerweile sind mehr als drei Millionen Anträge auf persönliche Akteneinsicht gestellt worden. Ist das angesichts von 17 Millionen ehemaligen DDR-Bürgern viel oder wenig?
Es ist aus meiner Sicht schon enorm, dass zwei Millionen Menschen einmal oder mehrfach in die eigenen Akten geschaut haben und erfahren konnten, ob die Stasi in ihr Leben eingegriffen hat. Ich kenne niemanden, der das bereut hat.
Wie groß ist der Aktenbestand, der noch nicht ausgewertet oder rekonstruiert ist?
Das lässt sich so nicht erfassen. Wir haben insgesamt 111 Kilometer Akten. Eine Hälfte lag im Archiv der Stasi, die andere Hälfte lag auf den Schreibtischen der Mitarbeiter, als das abrupte Ende der Staatssicherheit beschlossen wurde. Da gibt es noch sechs Kilometer, die grob erfasst, aber nicht vollständig erschlossen sind.
Wie groß ist der Anteil an geschredderten Akten, die in mühevoller Arbeit noch rekonstruiert werden?
Wir haben insgesamt 16.000 Säcke mit zerrissenen Akten vorgefunden. Zirka 500 Säcke sind in Handarbeit rekonstruiert worden, 17 Säcke sind bislang vom Fraunhofer-Institut hier in Berlin gescannt und virtuell zusammengesetzt worden. Am Rest arbeiten wir.


