Lieblingsbauten

"Die Staatsbibliothek ist ein Gebäude für den freien Geist"

Was GMP-Mitbegründer Volkwin Marg an Hans Scharouns Architektur bewundert. Ein Rundgang durch eine zeitlose Leselandschaft.

Mitten auf der Treppe bleibt er plötzlich stehen. Volkwin Marg dreht sich um und zeigt nach oben. „Schauen Sie mal, das ist einfach fantastisch. Sie ändern die Blickrichtung und schon erleben Sie diesen Raum völlig anders. Aus jeder Perspektive bietet sich ein anderes Bild.“ Volkwin Marg flüstert. Kein Wunder, wir sind in einer Bibliothek. Doch das scheint nicht der einzige Grund für den leisen Auftritt dieses großen Architekten. Es schwingt ganz offensichtlich reichlich Ehrfurcht mit vor dieser „großartigen Architektur des großen Hans Scharouns“, die uns Marg heute näher bringen will.

Wir stehen auf der breiten Treppe, die vom weitläufigen Ostfoyer zum Großen Lesesaal der „Staabi“ führt, wie die Berliner ihre Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße in Tiergarten fast schon liebevoll nennen.

„Das ist eine Treppe, die zum Schreiten einlädt. Schon hier können Sie deutlich sehen, dass dieses Gebäude keinen geradlinigen Achsen folgt, sondern von innen nach außen entwickelt wurde und mit all seinen Wegen wie eine Landschaft inszeniert ist“, sagt Marg. Wie zum Beweis zeigt er sofort zu den Zwischenetagen, den Lesedecks hin, und macht uns auch auf die Kugellampen aufmerksam, die an der Decke über dieser Treppe hängen. Scharouns Assistent, der Architekt und Designer Günter Ssymannk hatte sie ursprünglich für die Philharmonie entworfen. So heißen sie denn auch Philharmonieleuchten. Und haben es dank ihres Designs auch in die heiligen Hallen des Museum of Modern Art, dem MoMA in New York geschafft. „Die Lampen setzten sich wie eine Pusteblume aus einer Vielzahl von Pentagrammen zusammen“ erläutert Marg die fast schon popstylartige Form, die auch 56 Jahre nach ihrem Entwurf noch modern wirkt. Die Form der Pentagramme lasse sich, betont Marg, nicht einfach addieren.

Freie Formen statt geradliniger Geometrien

„Dieses nicht Addierbare steht bei Scharoun auch für die von ihm praktizierte Philosophie, die Dinge frei kommen zu lassen. Es steht für freie Formen statt harter Winkel und geradliniger Geometrien, ja irgendwie auch für Freiheit“, sagt Marg.

Der Architekt lächelt. Dieser Gestaltungswille der auch als organhaft bezeichneten Architektur sei in Scharouns letztem Bauwerk, das sein Assistent Edgar Wiesniewski 1978, sechs Jahre nach Scharouns Tod vollendete, auf Schritt und Tritt zu spüren. Volkwin Marg, Mitbegründer des weltweit renommierten und international tätigen und wohl größten deutschen Architekturbüros Gerkan, Marg und Partner (GMP), kommt aus dem Schwärmen für diese besondere Bibliothek, kaum noch hinaus.

Eindrucksvoller Ausblick zum Kulturforum

Und Margs Begeisterung ist kein bisschen übertrieben. Allein die Dimensionen des Raumes sind eindrucksvoll, der Ausblick durch die großflächige Scheibenfront zum Kulturforum ebenso. Und die gestalterischen Details vielfältig - sie reichen vom Boden bis zu den Deckenleuchten. Bereits zu Beginn unserer kurzweiligen Runde macht uns der Architekten auf die Bodenfliesen aufmerksam: „Die sind von Reuter, bei dem habe ich damals in Berlin als Student plastisches Gestalten gemacht“, sagt Marg. Auch einfache, aber wirkungsvolle Finessen wie die in den Treppengeländer integrierten Leuchtröhren deren Licht dezent auf die Stufen fällt, finden bei Marg Beachtung Der 79-jährige Architekt, der das Bild Berlins seit Beginn seiner Karriere vor genau 50 Jahren als Architekt mit Bauten wie dem Flughafen Tegel bis zur Sanierung des Olympiastadions ganz wesentlich geprägt hat, wählte Scharouns Staatsbibliothek, wie er sagt „aus gutem Grund“ für unsere Serie aus. Ausschlaggebend sei Scharouns Geisteshaltung gewesen. „Die ist auch noch heute in seinen Bauten zu spüren“, sagt Marg.

„Eine wahrhaft demokratische Architektur“

„Scharoun hat seine Gebäude aus dem Geist einer freien Gesellschaft heraus entworfen, in der sich der Mensch frei bewegt und keine Marschformation oder Achse die Richtung vorgibt - wahrhaft demokratische Architektur“.

Gerade diesen Platz an der Potsdamer Straße, an dem während der 30er-Jahre die Planungen für Hitlers Germania in vollem Gange waren, als Standort der neuen Bibliothek zu wählen, sei ein bewusster Bruch mit der Vergangenheit gewesen. „Das war ein Zeichen für den Aufbruch und den neuen Geist im Nachkriegsberlin - auch in der Architektur.“

Die stelle sich nicht nur bei der Philharmonie, sondern eben auch mit diesem Bibliotheksbau in den Dienst des Menschen. Genauer in den Dienst des Lesenden und Studierenden. So macht uns Marg auch auf den durchdachten Mix von Tages- und Kunstlicht aufmerksam, der gerade für das Arbeiten in einer Bibliothek von Bedeutung sei.

Anleihen an die Metaphorik der Seefahrt

Auch die für Scharoun typischen Anleihen an die Metaphorik der Seefahrt sind Thema bei unserem Rundgang. Die Galerien erinnern mit ihren Geländern an eine Reling. „Klar, der Knabe kommt aus Bremerhaven, er hat aus seiner Heimat viele frühe Jugendprägungen“, sagt Marg, während er vor einem übergroßen Bullauge an einem der vielen Treppengeländer steht - für unseren Fotografen ein ideales Motiv.

Als Mann der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sei Scharoun eben auch von der Fortschrittsmetaphorik seiner Zeit geprägt gewesen, bemerkt Marg. Damals galten Ozeandampfer als Symbol der Kraft, der Schnelligkeit und des Fortschritts.

„Ich bin in vielen Dingen wertkonservativ“

Heute habe man andere Bilder. Es klingt fast ein wenig bedauernd, wie Marg spricht. „Ja“, sagt er plötzlich und ganz offenherzig, „ich muss gestehen, ich bin unterdessen in vielen Dingen wertkonservativ“, der Baukünstler lächelt. Wir gehen weiter.

„Der Raum ist der Luxus“ zitiert Marg einen „ganz wichtigen Satz Scharouns“. Und wie wir gemächlich durch die riesige Leselandschaft der Staatsbibliothek wandeln, wird dieser Luxus zunehmend spürbar. „Ist das nicht fantastisch“, Volkwin Marg blickt in den Lesesaal. Wie er da so steht, wird klar: Er verneigt sich vor einem großen Architekten.

Die Planungen von Scharoun mit Spannung verfolgt

Er selbst, so Marg, habe den damals schon emeritierten TU-Professor Scharoun noch als Student an der TU persönlich erlebt. Als Marg sich später mit seinem damaligen Studienfreund Meinhard von Gerkan vor just 50 Jahren nach dem Wettbewerbssieg für den Flughafen Tegel 1965 mit dem eigenen Büro selbstständig machte, war der Wettbewerb für die Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße schon in Gange, die Philharmonie bereits erbaut

„Natürlich haben wir das alles mit Spannung verfolgt“, erinnert sich Marg. „Das erste, was ich gemacht habe, als ich später selbst an der TU Braunschweig eine Professur hatte, war, dass ich meinen Studenten in Berlin gezeigt habe, es gibt einen Architekt, der baut Vorgänge und die sind immer auf den Menschen bezogen“.

Wir gehen vorbei an Studenten, die meist mit Notebooks im Großen Lesesaal sitzen. „Sie können hier arbeiten und sehen zugleich, wo sie sind und haben dazu auch noch perfektes Streulicht von oben. Das sind computergerechte Arbeitsplätze, obwohl Scharoun damals nicht ahnen konnte, dass man heute so studiert.“

Kritik am Standort für das geplante Museum am Kulturforum

Marg blickt aus der raumhohen Glasfront zur Potsdamer Straße. „Schauen Sie, da vorne die Matthäikirche, links die Nationalgalerie. Da muss ich doch nichts mehr reinbauen“ ereifert sich der Architekt. Kulturstaatsministerin Monika Grütters verwechsele das Kulturforum hier mit einem Campingplatz, wo man einfach ein neues Wohnmobil hinknallt, aber so funktioniere Stadtplanung nicht, wettert Marg sichtlich verärgert. Seit Monaten schon engagiert sich Marg gegen den Standort für das geplante Museum der Moderne zwischen Nationalgalerie und Philharmonie.

„Es gibt einen von mir sehr verehrten Kollegen, Renzo Piano. Der war total platt, als er das erste Mal in die Staabi kam und sagte: „This is an absolut miracle’ (ein Wunder, d. Red.).“, sagt Marg. Auch für ihn stehe fest: „Die Staatsbibliothek ist wunderbar“.

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