Lieblingsbauten

Warum Daniel Libeskind den Einsteinturm so liebt

Architektur, Astrophysik und ein leuchtendes Meisterstück. Daniel Libeskind und sein Sohn Noam besuchen Mendelsohns Einsteinturm.

Welche Architektur gefällt Architekten - und warum? Die Berliner Morgenpost hat renommierte Planer nach ihrem Lieblingsbau gefragt. In sieben Folgen präsentieren wir die Architekten mit den Gebäuden ihrer Wahl, zum Abschluss fragen wir unsere Leser: Was ist Ihr Lieblingsbau? Zum Auftakt unserer neuen Serie treffen wir den weltbekannten Architekten Daniel Libeskind in Potsdam. Libeskind war schon als Student vom Einsteinturm Erich Mendelsohns angetan. Jetzt hat der Lieblingsbau von Libeskind noch größeren Anreiz für den Star-Architekten. Denn sein Sohn, der Astrophysiker Noam Libeskind, arbeitet am Leibniz Institut für Astrophysik in Potsdam.

Eine Schweigeminute für die Opfer des Terrors in Paris

Wir schweigen. Keine Fragen, keine Antworten, keine Blicke – nur Innehalten. Es ist eine intensive Minute im Gedenken an die Menschen, die Opfer der Terroranschläge in Paris wurden. Unser Treffen findet wenige Tage danach statt. Seitdem ist viel passiert: die Absage des Fußball-Länderspiels in Hannover wenige Tage darauf, die Geiselnahme in Mali mit 19 Toten, zuletzt in der Silvesternacht die Terrorwarnung in München. Die Terrorgefahr ist präsent und das Gedenken an alle Opfer von Terror und Gewalt auch. So ist die Begegnung mit dem als Star-Architekten gefeierten Daniel Libeskind, seiner Frau Nina und ihrem Sohn Noam ein Moment, der nachklingt.

"Europa ist nicht mehr das Europa, das es einmal war", sagt Daniel Libeskind kurz vor der Schweigeminute bei dem angeregten Gespräch, zu dem sich auch sein Sohn Noam in das runde Arbeitszimmer des Einsteinturms gesellt hat. Jetzt steht der US-Amerikaner und Sohn zweier Holocaust-Überlebender mit seiner Frau und seinem Sohn mitten im Wissenschaftspark Potsdam vor dem Einsteinturm. Dem Gebäude, das Libeskind vorgeschlagen hat und für das er eigens von Berlin, wo er zuvor den Geburtstag seiner Frau und Partnerin seines Büros gefeiert hat, nach Potsdam zum Telegrafenberg gefahren ist.

Nina Libeskind "ist der Boss des Unternehmens"

Auch heute begleitet ihn seine Frau Nina, "der Boss des Unternehmens" wie Libeskind lachend, aber auch ebenso liebevoll wie anerkennend sagt. Nina Libeskind, eine sympathisch wirkende Frau, nutzt die Zeit während des Treffens mit Daniel Libeskind und seinem Sohn im Auto zum Arbeiten. Sie stößt erst kurz vor der Schweigeminute zu uns.

Der oft als expressionistische Architektur bezeichnete, seinem Wesen nach aber eher organische Einsteinturm des Architekten Erich Mendelsohn (1887– 1953) ist Libeskinds Lieblingsbau im Großraum Berlin. Warum? "Weil es ein mutiges Gebäude ist", wie Libeskind sagt. "Mendelsohn hat es aus einem künstlerischen Impuls heraus entwickelt und nicht aus einem formalen Impuls."

Ein experimenteller Bau für ein Experiment

Was er damit konkret meint? "Den Impuls, dass Architektur eine bürgerliche Kunst ist und kein Wettbewerb der Technologie, aber eine Erfindung wunderbarer Räume." Das Besondere an diesem Bau sei zudem, dass er die Geschichte der Relativitätstheorie erzähle. Libeskind erklärt: Der Turm wurde für ein Experiment gebaut, sei quasi selbst ein experimentelles Bauwerk. Von dem Teleskop, das sich oben auf der Kuppel befindet, gelangt das Licht durch das Innere des Bauwerks hinab bis in das Labor im Keller, wo das Licht analysiert wird. "Die Form des Gebäudes entspricht der Form des Instrumentes." Mendelsohn habe den Bau quasi erfunden. "Er hat etwas ganz Neues geschaffen."

>>>Jetzt sind Sie gefragt! Welcher ist Ihr Lieblingsbau?

So stand für Libes­kind schnell fest, dass wir uns im Einsteinturm treffen. Schon bei unserem letzten Telefoninterview vor einigen Jahren hatte der Architekt in dem ihm eigenen schnellen Sprechen und der dazugehörigen Emotionalität von Mendelsohns Einsteinturm geschwärmt. Er ist auch heute begeistert. Libeskind, der Berlin mit seinem gegen alle Widerstände realisierten Entwurf für den Neubau des Jüdischen Museums wohl eines der bedeutendsten und bewegendsten Gebäude des 21. Jahrhunderts geschenkt hat, lobt die Originalität des Bauwerks Mendelsohns. Ein Architekt, mit dem der 69-jährige Libeskind zudem viel gemein hat.

"Ein Architekt, der Mendelsohn nicht kennt, ist ein Idiot"

Auch Mendelsohn war Jude, emigrierte nach England und später in die USA. Er liebte die Musik, vor allem Bach. Mendelsohn heiratete die Cellistin Luise Maas, durch die er den Astrophysiker Erwin Freundlich kennenlernte. Diesem wiederum verdankte er den Auftrag für den Einsteinturm. Und vor allem: Mendelsohn war ein mutiger, Berlin lange sehr verbundener Architekt, der mit seinen Entwürfen immer wieder Neues wagte.

So wie Libeskind, auch wenn seine oft als Dekonstruktivismus verschlagwortete Architektur ganz anders ist, als jene von Mendelsohn. Aber, so Libeskind, an Mendelsohn komme kein Architekt vorbei. "Sie müssen über alle großen Architekten informiert sein, um Architekt zu sein. Wenn Sie Mendelsohn nicht kennen oder Gropius oder Mies van der Rohe, dann sind Sie ein Idiot und werden nie fähig sein, etwas zu gestalten", sagt Libeskind klar und deutlich.

"Ob Scharoun oder zeitgenössische Architekten, sie alle wurden durch dieses Gebäude beeinflusst, das in seiner Modernität fast ein Bau von Zaha Hadid sein könnte", sagt Libeskind. Ausländische Architekten wie die Planer von Coop Himmelblau oder Zaha Hadid und Norman Foster, seien alle hier gewesen. "Mich würde mal interessieren , wie viele der in Berlin lebenden Architekten schon hier waren." Keine Frage, das klingt wie eine Aufforderung. Architekten, schaut euch diesen Turm an! Doch zurück zu den Gemeinsamkeiten mit Mendelsohn.

Auch Libeskind ist ein Migrant. 1946 im polnischen Lodz geboren, lebt er nach einem kurzen Zwischenstopp in Israel seit 1959 in New York, war in seiner Jugend ein begnadeter Akkordeonspieler, ist nach wie vor ein großer Musikliebhaber und wollte eigentlich Musiker werden. Doch seine Mutter überzeugte ihn davon, dass Architektur die bodenständigere Kunst ist. Ein Musiker sei er nach wie vor, sagt Libeskind. Nur spiele er eben kein Akkordeon mehr. "Mein Ins­trument ist die Architektur. Auch in der Architektur geht es darum, eine Atmosphäre zu kreieren, es geht um Harmonien und Dissonanzen. Architektur ist eine musikalische Kunst", sagt Libes­kind.

In Frankfurt plant er ein außergewöhnliches Musikprojekt

Gemeinsam mit der Alten Oper Frankfurt plant er 2016 ein besonderes Projekt: 24 Stunden lang soll an verschiedenen Orten – vom Wolkenkratzer bis zur Fußgängerunterführung – Musik zu hören sein. Trotz dieses Events in Frankfurt fühlt sich Libeskind vor allem Berlin sehr verbunden. Nicht zuletzt auch, weil sein Sohn Noam, der unterdessen als Astrophysiker die Galaxien erforscht, "mit seiner wunderbaren Frau und zwei der tollsten Enkelkinder" in Charlottenburg lebt. Libeskind strahlt, er blickt stolz zu Noam und sagt, "ich habe tolle Kinder."

Sein Sohn Lev – "kein Architekt, aber ein sehr begabter Mensch", so der stolze Vater weiter, leite das Studio Libeskind in Mailand, seine Tochter Rachel lebt in New York als international erfolgreiche Künstlerin. Dass sein Sohn Noam jetzt auch ausgerechnet am Leibniz-Institut in Potsdam arbeitet, das auch den Einsteinturm nutzt, ist für Daniel Libeskind "ein wunderbarer Zufall. Ich hätte nie gedacht, dass mein Sohn eines Tages ausgerechnet hier einmal als Astrophysiker forschen wird. An dem Ort, an dem mein Lieblingsgebäude steht."

Das Jüdische Museum war der Beginn von Libeskinds Karriere

Der Einsteinturm sei schon sein Favorit gewesen, lange bevor Noam auf der Welt war. "Das war schon vor meiner Geburt", sagt Libeskind. Er lacht. Nein, im Ernst, das erste Mal habe er während seines Architekturstudiums von diesem Bau gehört. Das erste Mal vor Ort war er dann kurz vor der Wiedervereinigung, "bevor ich für das Jüdische Museum nach Berlin kam". Das Jüdische Museum, Libeskinds erstes Projekt, das der Beginn seiner international erfolgreichen Karriere wurde.

Wir gehen die Treppe zum Eingang hoch und betreten das Arbeitszimmer im Turm. Ein runder Raum, in der Mitte ein Tisch, aus den Fenstern fällt der Blick in den Park. "Ein wunderbarer Raum, schauen Sie nur die Details, die Fenster mit ihren abgerundeten Ecken, der Tisch, die Stühle. Das alles hat Mendelsohn entworfen. Ich hätte gern so einen schönen Besprechungsraum statt eines stupiden Rechtecks", sagt Libeskind. Er setzt sich mit seinem Sohn an den Tisch. Wir sprechen über Architektur und Astrophysik. Was beide Disziplinen gemeinsam haben?

Noam Libeskind, bislang eher zurückhaltend, ergreift das Wort: "Wir haben beide ein Interesse am Licht. Wie sich das Licht verändert, hat auch viel mit dem Verständnis der Welt zu tun. Architekten denken darüber nach, wie Licht in Gebäuden reflektiert und wie sie Licht einsetzen können. Astrophysiker bauen Billionendollarmaschinen, um Licht zu messen."

Das leuchtende Meisterstück von Vater und Sohn

Grund genug für Vater und Sohn, zusammen ein Projekt zu entwickeln und zu realisieren. "eL Masterpiece", das Meisterstück, heißt jene von Zumtobel produzierte Leuchte, die in der von Libeskind designten Form an einen Blitz erinnert. "Es ist eine spektakuläre Leuchte, die das Wunder des kosmischen Lichts in einem Algorithmus abbildet", sagt Daniel Libeskind. Und sein Sohn ergänzt: "Jede einzelne der insgesamt 1678 LEDs repräsentiert einen kleinen Teil des Universums. Die LEDs ändern ihre Farbe und vermitteln in nur 14 Sekunden die Geschichte des Lichts vom Urknall bis heute." Die innen blattvergoldete und außen aus Edelstahl gestaltete Leuchte ist 2,70 Meter groß und wiegt an die 160 Kilogramm.

Die Zusammenarbeit mit seinem Vater sei nicht nur eine große Herausforderung gewesen, "das war auch ein großer Spaß", sagt Noam. "Es war fantastisch", bestätigt sein Vater. Noam habe etwas in das Projekt eingebracht, "von dem ich nicht wusste, wie es gehen soll: Wie kann der Kosmos, das kosmische Licht, reproduziert werden in einem Objekt? Das hat so gut geklappt, dass ich mir vorstellen kann, auch bei anderen Projekten mit Noam zusammenzuarbeiten." Konkrete Ideen gebe es aber noch nicht.

Libeskinds Augen strahlen. Er hat dieses verschmitzte Etwas, ein klarer Blick, angenehm freundlich offen und dazu ein ganz besonderes Lächeln. Kein Star-Getue, nichts Affektiertes. Dieser von seiner Statur nicht besonders große, von der Relevanz seiner Bauten aber bedeutende und insofern große Architekt, ist ein Zeitgenosse, mit dem zu sprechen Freude macht. Es ist, als kenne man sich schon länger. Wäre da nicht die Schweigeminute. Nina Libeskind kommt in den Turm, um uns an das Gedenken zu erinnern. Wir gehen hinaus und schweigen. Das Gespräch endet. Die Verbundenheit durch das gemeinsame Gedenken bleibt.

>>> Alle Teile der Serie zu den Berliner Lieblingsbauten finden Sie hier <<<

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