Vor der Rezeption warten Menschen mit Rollkoffern. Gäste checken ein und aus. Der Fahrstuhl fährt immerzu hinauf und hinunter. Im Frühstückssaal ist noch um 11 Uhr viel los.
Der Betrieb scheint gut zu laufen: Von den 115 Zimmern sind 85 Prozent belegt – für den dichten Berliner Hotelmarkt eine beneidenswerte Auslastung. Doch Hotelier Joachim Rissmann seufzt: „Ach, wenn es immer so gewesen wäre“. Aber nein, es war nicht immer so.
Und deshalb wird das Hotel Bogota in Berlin-Charlottenburg an diesem Sonntag schließen. Endgültig. Alle Versuche, den Hotelbetrieb an der Schlüterstraße 45 aufrechtzuerhalten, sind gescheitert. Zuletzt ging auch die Hoffnung verloren.
Nur die Mietschulden sind Rissmann geblieben: fast 290.000 Euro. Nach einer Güteverhandlung mit dem Eigentümer Thomas Bscher, der auch Immobilien am Kurfürstendamm besitzt, muss er nur 100.000 Euro zurückzahlen.
„Tag der offenen Türen“ leitet Inventarverkauf ein
Mit dem Verkauf des Inventars und einer Auktion versucht er nun, diese Schulden wenigstens ein bisschen zu reduzieren. Wenn der letzte Gast am Sonntag ausgecheckt hat, gibt es einen „Tag der offenen Türen“.
Bewusst hat Rissmann den Plural gewählt, „denn offen war unsere Tür schon immer“, sagt er. Jeder Tourist und Berliner konnte das Hotel besuchen und in die Geschichte des Jugendstilbaus abtauchen.
Helmut Newton lernte dort im Atelier der Modefotografin Yva sein Handwerk (Zimmer 418). Später hatte die Reichskulturkammer in den Räumen ihren Sitz. Nach dem Krieg nutzten die Briten die dort angesammelten Unterlagen zur Entnazifizierung.
Wunschzettel von Interessierten stapeln sich
Heute dient der Salon als Fernsehzimmer. Nun werden zum ersten Mal alle Zimmertüren geöffnet. Mit einem ganz praktischen Ziel: Rissmann muss die vielen Möbel, Bilder, Spiegel, Kronleuchter, sogar das Frühstücksgeschirr möglichst gewinnbringend verkaufen.
Seit Tagen gibt er an Interessierten Zettel aus, auf denen sie ihre Wunschobjekte und den Preis, den sie dafür zahlen würden, aufschreiben können. Ein dicker Zettelstapel hat sich bereits angesammelt.
An diesem Sonntag und am kommenden Wochenende können alle, die ein Stück Bogota mit nach Hause nehmen wollen, zur Besichtigung kommen und eine Offerte machen. Wer am meisten zahlt, wird den Zuschlag erhalten. Die Verkaufsaktionen finden jeden Abend vom 2. bis 13. Dezember 2013 statt.
Gezählt hat Rissmann die Objekte nicht, die sich in den vier Hoteletagen im Laufe der fast 50-jährigen Bogota-Geschichte angesammelt haben. „Weit über Tausend werden es sein“, schätzt er.
Che Guevara im Original schon vergeben
Nicht alles steht zum Verkauf. Etwa 60 Objekte hat sich das Auktionshaus Auctionata gesichert, darunter das komplette Zimmer (433), in dem der Schauspieler Rupert Everett immer übernachtet hat, wenn er in Berlin war, ein Schnurtelefon aus den 50er-Jahren (Startpreis: 150 Euro), die Musikbox, der Servierwagen und Sessel der ehemaligen Reichskulturkammer (das Paar ab 400 Euro), ein Bild von Che Guevara des berühmten Fotografen René Burri (ab 4500 Euro), der in Zimmer 333 nächtigte. Im kommenden Jahr soll die Auktion stattfinden, der Termin ist noch offen.
Schließlich gibt es noch Objekte, von denen sich Rissmann einfach nicht trennen kann. Die Zimmerschlüssel zum Beispiel. Und das Klavier im Frühstücksraum, auf dem „Berlin“ steht, in goldenen Lettern. Rissmanns Tochter hat an diesem Instrument das Klavierspiel gelernt.
Auch das Kabinett mit seinen grünen Ledersesseln, auf denen schon Keira Knightley und Hanna Schygulla saßen, will er erst einmal einlagern. Zwei der acht Sessel hat er trotzdem schon verkauft. Im Kabinett fanden in den vergangenen Jahren Foto-Ausstellungen statt, auch jetzt noch.
„The Last Sitting“ heißt sie, und es wird die letzte sein. Auch die Lampe, die den Eingang des Hotels in ein warmes Licht setzt, will Rissmann mitnehmen. „Sie stand schon immer da, hat mich jeden Tag begleitet“, erzählt er. 1976 zog er als 13-Jähriger mit seinen Eltern ein. Erst führten sie das Haus, vor einigen Jahren übernahm er. Oben, über dem Hotel, wohnte die Familie.
Wohin er all die Dinge bringen soll, von denen er sich nicht trennen mag, weiß Joachim Rissmann nicht. Am 16. Dezember muss er das Hotel geräumt übergeben und seine Wohnung unterm Dach verlassen. Eine neue Bleibe hat er noch nicht. Frau und Kinder sind schon im Sommer ausgezogen, die Ehe ist über all den Problemen zerbrochen.
Berliner kommen für eine Nacht
Außerdem gibt es noch die Dinge, die Joachim Rissmann für die Öffentlichkeit erhalten will: Die Reproduktionen der Yva-Fotos will er ungern einzeln verkaufen, sondern lieber als Sammlung, damit sie an einem anderen Ort weiter gezeigt werden können.
Auch das Bild „Voller Kraft“ von Ama Kaag würde der Hotelier gern an einem öffentlichen Ort sehen. Es hängt jetzt noch im Büro der ehemaligen Reichskulturkammer und soll an die zahlreichen Künstler erinnern, die während der Nazizeit in die innere Emigration oder ins Exil gegangen sind.
Viele Künstler und Stammgäste sind in diesen Wochen noch ins Hotel Bogota gekommen. Ilja Richter dreht derzeit einen Film über das Haus, eine Art Dokufiktion, in der Szenen aus der Geschichte des Hauses nachgespielt, Gäste begleitet und die letzten Wochen des Hotels gezeigt werden. Fotografen machen eine letzte Aufnahme.
Viele Menschen kommen auch, um im Haus noch einmal eine Nacht zu verbringen. Sie können nicht glauben, dass aus dem traditionsreichen Hotel nun profane Büros und Geschäftsräume werden sollen. Viele Berliner sind dabei. „Einer kam sogar aus der Nachbarstraße“, erzählt Rissmann. Vor einigen Tagen schrieb ein Besucher ins Gästebuch: „Vor 20 Jahren haben wir hier unseren Sohn gezeugt – danke!“
Keine Zeit für Abschiedsschmerz
Joachim Rissmann ist gerührt von all dem, aber er hat keine Zeit, sich diesem Gefühl hinzugeben. Sorgenfalten liegen auf seiner Stirn – und eine Mammut-Aufgabe liegt vor ihm: In zwei Wochen muss er das Haus besenrein übergeben.
Zugleich ist er sogar froh, dass ihm der Druck keine Zeit zum Nachdenken lässt. Keine Zeit, den Schmerz zu spüren, das Haus, in dem er 37 Jahre seines Lebens verbrachte, für immer zu verlassen. Keine Zeit, sich mit seiner Zukunft auseinanderzusetzen.
Rissmann hat noch keine neue Wohnung und noch keine neue Aufgabe. Ein Hotel, viel kleiner als dieses, würde er gern wieder führen. Es soll seine eigene Geschichte bekommen – aber ein paar Details dürften schon an das Bogota erinnern.













