City West

Mit dem Hotel Bogota schließt eine Berliner Legende

Alte Sofas und Kratzer auf den Dielen: In fast 50 Jahren ist das Hotel Bogota zum Symbol für den Charme des Westens geworden. Nun muss es schließen.

Laub weht von der Straße ins Foyer des Hotels Bogota. Die roten und gelben Blätter liegen auf dem etwas verschlissenen, roten Teppich. Er hat schon bessere Tage gesehen. Das Laub, es ist wie ein Symbol für den Zustand des Hauses. Denn der Herbst ist hier längst eingezogen. Bis 30. November gehen die Gäste in dem Traditionshotel an der Schlüterstraße, gleich um die Ecke vom Kudamm, noch ein und aus. Sie machen das jetzt wieder öfter als in den vergangenen Monaten, denn sie wissen, dass sie es bald nicht mehr können.

Am 1. Dezember wird der letzte Gast das Haus verlassen, am 15. Dezember muss es Hotelier Joachim Rissmann geräumt an den Eigentümer übergeben. Bis zuletzt hat er gehofft, dass er bleiben kann, dass sein Hotel im kommenden Jahr das 50-jährige Jubiläum feiern könnte. Aber daraus wird nichts. Das ist seit dem 7. Oktober amtlich. An dem Tag haben sich Mieter Rissmann und der Hauseigentümer Thomas Bscher zur Güteverhandlung vor dem Berliner Landgericht getroffen.

Ergebnis dieses Termins: Rissmann muss raus, das Hotel muss schließen, dafür wird dem Hotelier ein Großteil seiner Mietschulden erlassen. Und klar ist seitdem auch: Ein Hotel wird es an dieser Stelle nicht mehr geben. Geplant sind stattdessen oben Büros und unten Läden. Noble Adressen, die sich unter die großen Namen, die jetzt schon an den sanierten Fassaden am Kudamm zu lesen sind, einreihen.

Die Räumungsklage kam im April

Das Ende des Bogota bahnte sich schon im April an, als Rissmann von Bscher die Räumungsklage erhielt. Weil er seine Miete in den ersten Monaten des Jahres kaum noch gezahlt hat. „Es war ein schlechter, ein langer Winter“, erklärt der Hotelier. Aber damals sagte er sich: „Wenn mehr Gäste kommen, dann findet sich vielleicht noch ein Weg.“ Dann könnte er seine Mietschulden bezahlen und weitermachen.

„Ja, Hoffnung“, sagt der 50-Jährige, während er auf dem grünen Sofa im Salon des zweiten Stocks seines Hotels sitzt. Etwas abgewetzt ist es schon, das Holz an den Lehnen verkratzt. Rissmanns Blick gleitet ins Weite, über das Schnurtelefon hinweg, hinein in die Landschaft auf dem Ölschinken gegenüber. „Für die Hoffnung“, sagt er, „spielt es doch keine Rolle, wie hoffnungslos die Situation ist“.

Viel Hoffnung konnte er sich schon im April nicht mehr machen. Auch wenn die Solidarität mit dem Haus groß ist. Als die Nachricht einer möglichen Schließung umging, meldeten sich Prominente zu Wort: Hanna Schygulla, Eva Mattes, Ulrich Matthes, Peter Raue, das sind nur einige. Von Tragödie, Verrohung, Geschichtsvergessenheit sprachen sie. Unterschriften wurden gesammelt, am Wahlsonntag haben Fotografen ihre Bilder zugunsten des Bogota verkauft. Letztlich nützte aber alles nichts. Nach wie vor kamen nicht genug Gäste, um die 115 Zimmer gewinnbringend zu belegen. Am Schluss, Anfang Oktober, waren die Mietkosten auf rund 289.000 Euro angewachsen. Das „Bogota“ schließt. Endgültig.

Ein Hotel weniger. Bei der immer weiter wachsenden Zahl der Unterkünfte sollte das nicht weiter ins Gewicht fallen. Aber das Bogota ist eben mehr als eine Unterkunft. Kaum ein anderes Hotel atmet so viel Geschichte wie dieses. 1911 wurde das Haus gebaut. Später Jugendstil. In den 30er-Jahren lebte und arbeitete hier die Modefotografin Yva. Ihr berühmtester Schüler: Helmut Newton. 1942 wurde das Haus enteignet, Yva ins Vernichtungslager deportiert.

Helmut Newton ging hier ein und aus

Da wo Juden lebten, zogen nun Nazis ein. Viele Räume bekamen eine für die 40er-Jahre typische Holzvertäfelung. Die Reichskulturkammer war im zweiten Stock untergebracht, unten gab es einen Vorführraum für Propagandafilme.

All diese Räume sind für die Gäste zugänglich. In Yvas Atelier hängen noch Fotos von ihr und Newton. Die ehemalige Reichskulturkammer ist heute ein Fernsehzimmer, im Kinosaal wird gefrühstückt. Ob all das auch nach dem 15. Dezember besichtigt werden kann, ist unklar. Oder eher: höchst unwahrscheinlich. Rissmann hätte da schon Ideen, wie man mit Glaswänden Abtrennungen schaffen und zugleich für Besucher Blicke zulassen könnte auf die historischen Räume.

Der sonst so ruhige Mann kommt in Fahrt, wenn er seine Pläne ausbreitet. Und er klingt dabei so, als wäre sein Wirken in diesem Haus noch lange nicht vorbei. Doch Bscher hat bei der Güteverhandlung klargemacht: Als Vertragspartner kommt Rissmann für ihn nicht mehr in Frage. Darum ist er auch nicht auf Rissmanns Vorschlag eingegangenen, man könne das Hotel doch in kleinerem Maßstab weiterführen. Statt auf vier nur noch auf einer Etage. So wie es einmal war.

1964, als aus dem Haus ein Hotel wurde und auf jedem Stock eine eigene Etagenpension entstand. Das Bogota war eine davon. Aber nein, dahin will Bscher nicht zurück. Erst einmal gibt es jetzt eine Totalsanierung. Das Haus wird danach auch wieder schön und alt aussehen, aber ohne Kratzer und die Dielen werden wohl nicht mehr knarzen. Ein Hotel wird es dann auch nicht mehr sein.

Der schwere Stand der kleinen Häuser

Die Zukunftsaussichten für privat geführte Hotels und Etagenpensionen rund um den Kudamm sehen ja auch nicht gut aus. Kleine Häuser haben kaum Chancen, sich auf dem Markt zu behaupten. 660 Hotels und andere Herbergen soll es nach Angaben der Senatsverwaltung für Wirtschaft bis Ende 2014 in der Stadt geben.

2007 waren es noch 495. Zwar kommen auch immer mehr Touristen nach Berlin – im ersten Halbjahr dieses Jahres waren es schon 5,3 Millionen, fünf Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum –, aber die Zahl der angebotenen Betten steigt noch stärker. Jetzt sind es bereits mehr als 130.000. Folge ist, dass sogar Fünf-Sterne-Häuser ihre Zimmer in schlechten Zeiten zu Preisen unter denen von einfachen Etagenpensionen anbieten. Die Zimmerauslastung in Berliner Hotels liegt im Schnitt unter 60 Prozent. Oft deutlich darunter.

Hotelier Michael Pfundt hat vor 22 Jahren die Pension Funk in der Fasanenstraße übernommen. 14 Gästezimmer hat sie, die sich über die ganze erste Etage erstrecken. Früher gab es hier zwei Wohnungen in dem Gründerzeitbau von 1895. In der einen wohnte bis 1937 der Stummfilmstar Asta Nielsen, in der anderen der Kunstflieger Ernst Udet. Bei Asta Nielsen probten in den 20er-Jahren noch die Comedian Harmonists, in ihren Künstlersalon kamen Dichter und Schauspieler wie Joachim Ringelnatz oder Heinrich George. Heute wird hier gefrühstückt mit Blick auf Fotos von Asta Nielsen und ein Pianola.

Lagerfeld fotografierte Claudia Schiffer

Noch immer zählen viele Künstler zu den Gästen. Und sie kommen auch hierher, um zu arbeiten. Viele Filme wurden in der Pension Funk schon gedreht und Foto-Shootings abgehalten. Volker Schlöndorff war schon da und Maria Furtwängler auch. Karl Lagerfeld hat vor vier Jahren Claudia Schiffer für die Jubiläumsausgabe der Vogue fotografiert. „Das ist immer ein ganz schöner Aufwand“, seufzt Pfundt, aber er braucht diese zusätzlichen Einnahmen.

Das Pensionsgeschäft läuft schon seit einigen Jahren nicht mehr rund. 2011 hat er zum ersten Mal rote Zahlen geschrieben, für dieses Jahr fürchtet er dies erneut. „Ich bin schon froh, wenn ich mit einer Null aus dem Jahr gehe“. Für die nahe Zukunft rechnet er nicht mit Entspannung: „Wahrscheinlich bestimmen in ein paar Jahren nur noch drei große Ketten den Markt“.

Sie könnten leichter dem Preiskampf standhalten, sagt er, „durch Filialen an einem anderen Ort, die besser laufen, könnten sie Einnahmeverluste quersubventionieren“. Früher hat Pfundt die Zimmerpreise etwa alle zwei Jahre angepasst. Seit 2006 kann er das nicht mehr, trotz gestiegener Betriebskosten. Und trotzdem würden immer noch Gäste um den Preis feilschen. Bei der Fülle der Budget-Hotels findet sich ja tatsächlich immer irgendwo ein noch billigeres Zimmer.

Flair und Geschichte sind inklusive

Aber es gibt auch die anderen Gäste, die nicht in eine der Billighotel-Ketten gehen würden. Die schon im Hotel das Gefühl haben wollen, in Berlin angekommen zu sein. Im Bogota oder in der Pension Funk sind Flair und Geschichte im Zimmerpreis inbegriffen. Und dafür verzichtet mancher Gast sogar auf das eigene Bad oder die Toilette im Zimmer. Da, wo es ging, haben Rissmann und Pfundt die Zimmer mit Dusche und Toilette ausgestattet, aber in manchen Räumen ließ es der Denkmalschutz nicht zu.

Doch Zimmer nur mit Fließwasser sind schwer zu vermitteln. Auch deshalb kommen zum Beispiel immer weniger Gäste in die Pension Kettler in der Bleibtreustraße. „Meine Zimmer haben alles“, sagt die Pensionsinhaberin Isolde Josipovici selbstbewusst, „auch Internetanschluss, nur keine Toilette“. Dass es Dusche und Waschbecken im Zimmer gibt, ist aber auch erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Die Duschwand hat sie mit Jugendstiltapete verkleiden lassen und das Waschbecken hinter einem Samtvorhang versteckt.

Schön ist das und ein bisschen aus der Zeit gefallen. Jedes Zimmer ist mit antiken Möbeln ausgestattet und hat einen eigenen Namen: Callas, Peggy Guggenheim, Toulouse-Lautrec, Königin Luise. Das Frühstück wird bei ihr noch auf dem Zimmer serviert, liebevoll von der Wirtin angerichtet – mit Frühstücksei und frisch gepresstem Orangensaft.

Die großen Zeiten der Pension Kettler

Die Pension, sie ist das Leben von Isolde Josipovici. Schließlich lebt sie auch hier, Wand an Wand mit dem Callas-Zimmer. Vor 41 Jahren hat das ehemalige Model die Pension übernommen und hier die ganz großen Kudamm-Zeiten erlebt. Vor der Wende, nach der Wende – ihre Pension war immer voll. „Ach, meine Liebe, hier war was los.“ Meine Liebe, das sagt sie gern, auch wenn sie mit Gästen telefoniert. Aber es rufen immer weniger an. Drei Wochen hatte sie gar keine Gäste.

„Verdienen tue ich schon lange nichts mehr, ich mache Schulden“. Sie seufzt. Aber aufgeben? Nein, unvorstellbar. Denn wenn Isolde Josipovici aufhört, dann ist auch Schluss mit der Pension, das sieht ihr Mietvertrag so vor. Aber jetzt hat sie ja zum Glück zu tun. Die Realität ruft sie in die Küche. Ein Gast hat Frühstück für 13 Uhr bestellt, sie muss jetzt frischen Kaffee kochen. „Meine Liebe, Frühstück gibt es bei mir immer, wann der Gast wünscht, ich bin doch sowieso da.“

Auch für Joachim Rissmann war das Bogota bis jetzt sein Zuhause, mit 13 Jahren zog er hier ein. 1976 übernahm sein Vater das 4000 Quadratmeter große Haus und machte aus vier Etagenpensionen ein einziges Hotel. Es blieb der Name Bogota. Die Familie wohnte im fünften Stock, dann wohnte er selbst hier mit seiner Frau und den vier Kindern. Eigentlich müsste er sich längst nach einer Mietwohnung umsehen. Eigentlich. „Ich verdränge das noch.“

„Heute würde ich das Haus kaufen“

Statt an die nahe Zukunft zu denken, würde er lieber die Zeit noch einmal zurückdrehen. Was er denn anders machen würde? „Ich würde alles, aber wirklich alles daran setzen, das Haus zu kaufen“. Damals, vor acht Jahren, als der Eigentümer wechselte. Dann hätte das Bogota jetzt eine Zukunft. Hätte, die Wirklichkeit sieht das nicht mehr vor. Aber ganz verabschieden kann sich Rissmann nicht von dem, was ihn so lange begleitet hat. Er träumt von einem Erinnerungshotel. Ein paar Zimmereinrichtungen will er einlagern, inklusive Zimmerschlüssel. Wenn das hier alles vorbei ist, vielleicht kann er dann noch mal einen Neuanfang wagen.

In seine eigene neue Wohnung, die er noch gar nicht hat, will er auch einiges mitnehmen: einen Schreibtisch, einen alten Sessel, ein Bild, die Lampe auf dem Gästetisch im Foyer. Alles andere wird er bei einer Auktion im Dezember versteigern. Der Rest kommt zum Sperrmüll. Rissmann steht jetzt neben der Eingangstür. Dass er sie am 3. Advent zum letzten Mal durchschreitet, das kann er sich noch gar nicht vorstellen. Er bückt sich nach den Blättern auf dem roten Teppich und wirft sie nach draußen auf die Straße. Den Herbst, den will er vorerst noch draußen halten.