Zwölf Stunden

Tschaikowskys Märchenballett auf Kufen

„Der Nussknacker“ wird im Admiralspalast mit Eiskunstläufern aufgeführt. Ein eingespieltes Team sorgt dafür, dass alles reibungslos funktioniert

Generalprobe im vollen Kostüm: Das Gastspiel von „Nussknacker On Ice“ im Admiralspalast kann beginnen

Generalprobe im vollen Kostüm: Das Gastspiel von „Nussknacker On Ice“ im Admiralspalast kann beginnen

Foto: Frank Lehmann

09:30 Ein elf mal elf Meter großes Eisquadrat glatt zu schrubben, ist anstrengend. Aber in einem altehrwürdigen Theatersaal das Nussknacker-Ballett auf Schlittschuhen auf die Bühne zu bringen, stellt einen technischen Leiter wie Paul Mansfield nun einmal vor ungewohnte Herausforderungen. Fünf Tonnen Shredder-Eis wurden für die Show geliefert und in eine eigens gebaute und mit wasserdichter Plane ausgelegte niedrige Holzwanne gekippt. „Dann musste eine Nacht lang Wasser darauf gespritzt werden, damit am Ende eine glatte Eisfläche entstand“, sagt Mansfield. „Weil wir immer wieder glätten und neues Wasser darauf spritzen müssen, wird die Eisdecke stetig dicker und am Ende sogar rund zwölf Tonnen wiegen.“ Auf dem Hof hinter dem Admiralspalast stehen die zwei riesigen Kühlmaschinen, die beständig minus zwölf Grad Celsius kaltes Kühlmittel durch Rohre unterm Eis pumpen, das die Lauffläche frostig hält.

10:10 Schon vormittags herrscht auf der großen Bühne reges Treiben. Eistänzer in Alltagsklamotten kommen und gehen in Grüppchen auf die Bühne und schweben mit eleganten Schwüngen und Drehungen übers Eis, überall machen sich Techniker zu schaffen, das Produktionsteam ruft sich letzte Anweisungen zu. Vorn am Bühnenrand behält Choreographin Maria Orlova den Überblick und leitet in all dem Gewimmel die Durchlaufprobe. „Die Eisbahn ist etwas kleiner als sonst“, sagt sie, „das ist für uns eine besondere Herausforderung.“ Elf Meter im Quadrat misst die Eisfläche, auf der der „Nussknacker On Ice“ gespielt wird. „Wir haben für die Show eine brandneue und junge Kompanie aus hochprofessionellen Eisläufern zusammengestellt.“

11:20 Was früher Szenenbild hieß, nennt sich in modernen Entertainmentproduktionen „Digital Backdrop“. Statt Kulissen aus Pappmaché, wird das Szenenbild digital auf eine Leinwand im Hintergrund projiziert. Diese Videoanimationen hat Chris Tongue besorgt. „Die digitale Lösung eröffnet natürlich die große Chance, weitaus mehr als nur statische Bühnenbilder zu entwerfen“, sagt er. Dabei geht er mit Maß vor. „Es ist sehr wichtig, dass man mit den Projektionen nicht von der Show ablenkt, sondern sie komplementiert.“ In einer gemütlichen Stube flackert dann Feuer im Kamin, hinter den Fenstern fallen Schneeflocken vom Himmel oder eine Fahrt durch den Winterwald führt wie selbstverständlich in die nächste Szene – ohne die Pausen eines traditionellen Kulissenwechsels.

12:30 Mäuseanzug, Nussknackerfrack oder Ballkleid – Kostümchefin Elena Predvodeteleva muss den Überblick über fast einhundert Kostüme behalten und jedes im richtigen Moment zur Hand haben. „Manche Eistänzer müssen sich während der Show fünf Mal umziehen“, sagt Predvodeteleva. Mitunter haben sie dafür gerade einmal drei Minuten – trotz der Hilfe von Predvodeteleva und ihrer Assistentin ziemlich wenig Zeit. Immerhin: Die Schlittschuhe können die Künstler die ganze Zeit über anbehalten. „Die Kostüme wurden von einer spezialisierten Firma in England hergestellt und sind so gemacht, dass man sogar mit sperrigen Schlittschuhen problemlos hineinschlüpfen kann.“

13:20 Das Show-Skript ist Elli Andrews’ ständiger Begleiter. Sekundengenau ist darauf der Ablauf einer Aufführung verzeichnet, aus technischer Perspektive. „Immer wenn sich eine Lichteinstellung, die Projektion oder Musik ändert, bin ich das“, sagt die Stage Managerin, „außerdem bin ich für Requisiten zuständig und muss zusehen, dass die Performer rechtzeitig für ihren Einsatz am Bühnenrand stehen.“ Damit alles klappt, schickt sie vom Bühnenrand aus „Cues“ beziehungsweise Einsatzsignale an alle Beteiligten. Während einer Vorstellung muss sie 28 Musiktitel abfahren und 150 Lichteinsätze geben.

14:05 Selten ist das Eis frei, so oft es geht, fahren sich die Eistänzer auf der Admiralspalastbühne ein. Iuliia Odintcova, im Stück die Mäusekönigin, übt noch einmal ein paar Drehungen ohne ihren Partner. „Ich bin Paartänzerin“, sagt sie, „und habe diese Show mit einem neuen Partner erarbeitet.“ Sie kennen sich erst seit wenigen Wochen, hinter ihnen liegt eine entsprechend intensive Probenzeit.

14:50 Hinter der Bühne im dritten Stock wird gebügelt. Das Kleid von Mrs. Pavlova, der Mutter Maries, wird vor der Vorstellung von Falten befreit. Darum kümmert sich Galina Berukova, die sich mit Kleidern und Kostümen bestens auskennt, seit sie durch die namhafte Schule des Moskauer Designers Slava Zaitsev gegangen ist. Aus einem riesigen Beutel verteilt sie außerdem Überzieher in den Farben an alle Beteiligten Darsteller. „Die werden passend zu den Kostümen über den Schlittschuhen getragen.“

15:10 Ein kleiner Druck auf den Joystick und schon heben die Künstler ab. Zumindest wenn sie sich vorher bei „Flying Man“ Henry Robinson an dünne Stahlseile haben ketten lassen. Robinsons Job ist es, die zahlreichen akrobatischen Schwebenummern zu steuern, bei denen die Eisläufer hoch über die Bühne fliegen. „Bis zu acht Meter geht es nach oben“, sagt Robinson, „mit einer Geschwindigkeit von drei Metern pro Sekunde.“ Für das Auf und Ab sorgt Robinson, ihre eleganten Drehungen in der Luft müssen die Tänzer aber selbst steuern, „das kann ich überhaupt nicht beeinflussen“.

15:45 Gleich beginnt die Kostümprobe, bis dahin müssen sich die Künstler in Schale geworfen haben. Mariia Vygalova ist mit 16 Jahren die jüngste Darstellerin des Eisballetts und spielt die junge Marie. Von zwei Mitstreiterinnen lässt sie sich in der Künstlergarderobe mit Lockenwickler, Plättstab und Haarspray die Frisur richten. „Wir sind unsere eigenen Make Up Artists“, sagt ihre Kollegin Iuliia Odintcova, „jeder hilft dem anderen.“

16:35 Der Produktionsleiter René Kraus prüft noch einmal die Unterkante des großen Vorhangs. Mit der aufgebauten Eisbahn ist die Bühne etwas höher als sonst, weswegen der Vorhang wiederum kürzer gemacht werden musste. Ansonsten könnte er Wasserflecken bekommen oder gar am Eis festfrieren. „So etwas kann wirklich passieren“, sagt Kraus und kontrolliert die umgeschlagene Borte ganz genau.

17:50 Eugen Balanskat macht sich fertig für seinen Einsatz während der Show. Er ist Verfolgerfahrer. Das heißt, er manövriert im zweiten Rang, fast schon auf der Höhe des Saalkronleuchters einen gut 1,50 Meter langen, schweren Spotscheinwerfer. „2500 Watt hat der“, sagt Balanskat. Mit relativ kleinen Bewegungen kann er die Tänzer im Scheinwerferlicht behalten, gut aufpassen muss er trotzdem. „Die bewegen sich ja ratzfatz auf dem Eis.“

Nussknacker On Ice läuft noch bis zum 12. Dezember im Admiralspalast, Friedrichstr. 101, Mitte, Tel. 22 50 70 00. Wochenends ngibt es auf 15-Uhr-Vorstellungen