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Cool im Privatclub

Er war Sänger und Gitarrist der Berliner Band Fleischmann. Nach einer schweren Krankheiteröffnete Norbert Jackschenties den Privatclub in Kreuzberg

Vom Rockmusiker zum Klubbesitzer: Norbert Jackschenties Chef des Privatclub in Kreuzberg

Vom Rockmusiker zum Klubbesitzer: Norbert Jackschenties Chef des Privatclub in Kreuzberg

Foto: Massimo Rodari

Während auf Konzerten und Partys im Kreuzberger Privatclub urbanes Nachtleben zelebriert wird, verströmt der Backstage-Bereich pures Wohnzimmerfeeling. Hier bereiten sich Künstler und Band zwischen Ledersofas, Grünpflanzen und Schirm-Stehlampen auf ihre Auftritte vor.

Gemütlich und unaufgeregt. Irgendwie gar nicht Rock ’n’ Roll. „Ich war lange genug selbst Musiker“, sagt Privatclub-Chef Norbert Jackschenties. Diese Erfahrung hat er auch in die angesagte Location einfließen lassen. Er weiß, worauf es ankommt. Vor und hinter der Bühne.

Der Klub ist längst eine Institution

Eröffnet 1999 an der Pücklerstraße in den Katakomben der einstigen Eisenbahnmarkthalle, residiert der Privatclub heute im Postamt an der Skalitzer Straße. Längst eine Institution. Hier treten die Indie-Stars von morgen auf, die kurz vor dem Durchbruch stehen. Zudem finden zwei Mal die Woche Partys statt. Für Feierwütige und Nachtschwärmer.

Der Club selbst, in dunklem Rot gehalten, ist dabei erstaunlicherweise fast so gemütlich wie der Backstage-Bereich. Eher klein, gut 250 Leute passen rein, mit einer ansprechenden Bar, freundlichem Personal und überraschend fairen Eintritts- und Getränkepreisen im In-Kiez.

In den 90er-Jahren gründete er Fleischmann

Dinge, die Norbert Jackschenties einfach wichtig sind. Er mag die coole Arroganz nicht, mit der in vielen Clubs die Gäste behandelt werden. Achtet darauf, dass es bei ihm anders zugeht. Das liegt wohl daran, dass er selbst zehn Jahre lang in der Ankerklause hinterm Tresen stand.

Da war er noch Musiker. Gitarrist und Sänger der Berliner Metal-Band Fleischmann. Das Trio, das in den 90er-Jahren fünf Alben rausbrachte, gilt heute als Vorreiter in Sachen Neue Deutsche Härte, dessen bekannteste Vertreter Rammstein sind.

Seine erste Band hieß Aufruhr zur Liebe

Ernsthaft Musik gemacht hat der heute 53-Jährige aber schon viel früher. „Mit 13 dachte ich mir, es wäre schlau, ein Instrument zu lernen. Das war einerseits ein innerer Drang, andererseits wollte ich etwas Besonderes sein. Außerdem kam es gut bei den Mädchen an“, erzählt er lachend. Geboren in Ost-Berlin und aufgewachsen im bürgerlichen Biesdorf, gründete er mit 18 Jahren die in der DDR verbotene Punkband Aufruhr zur Liebe.

Später folgte die Band Elektroartist. Eine Zukunft als Musiker sah er in der DDR nicht. Deshalb stellte er zunächst einen Ausreiseantrag, der abgelehnt wurde. Der zweite Versuch war raffinierter: Jackschenties heiratete eine Freundin aus dem Westen und konnte kurz darauf ausreisen. Die Ehe wurde gleich danach annulliert.

Sein erstes West-Konzert war Sonic Youth

Angekommen in West-Berlin, genauer gesagt in Schöneberg, besuchte er zuallererst ein Konzert von Sonic Youth. „Ich hatte vorher nie eine Band live gesehen, die ich gut fand“, erinnert er sich. Der Nachholbedarf war dementsprechend riesig. Als seine Kumpels von Aufruhr zur Liebe nachkamen, gründeten sie gemeinsam Fleischmann.

Die Band war Jackschenties Leben. Bis er auf einer Asienreise an einer Tollwutinfektion erkrankte. Zurück in Berlin, ertaubte er auf dem linken Ohr, litt infolgedessen an Morbus Menière, einer extremen Gleichgewichtsstörung mit starken Schwindelanfällen. Nach schweren Operationen kämpfte er sich über ein Jahr ins Leben zurück, währenddessen löste sich die Band auf. „Musik machen ging nicht mehr“, sagt er.

Jackschenties hat auch zwei Booking-Agenturen

Um den Tiefpunkt hinter sich zulassen, begann er in der Ankerklause, dem Schleusenkrug und auf der MS Sanssouci Partys und Konzerte zu veranstalten. „Daraus wurde schnell ein kleines Imperium“, so Jackschenties.

Neben dem Privatclub hat er unter anderem die Clubs Lido und Astra betreut, das Künstler-Booking im Bastard kam dazu. Heute hat er mit Monosound und Milchmädchen Musikkultur selbst zwei Booking-Agenturen. Außerdem ist er seit fünf Jahren im Neuköllner Heimathafen verantwortlich für den Musikbereich.

Im Mai 2012 schien jedoch der eigene Club vor dem Aus zu stehen. „Es hat mir keinen Spaß mehr gemacht. Der Club war zu klein, das Gesamtkonzept stimmte nicht, und es gab immer wieder Ärger mit dem neuen Betreiber des Restaurants Markthalle. Außerdem gab es Stress mit den Anwohnern, was verständlich war, denn die Pücklerstraße ist eine ruhige Wohnstraße“, seufzt er.

Musikalisch geht’s von Indie-Rock bis zum Jazz

Doch im Postamt fand Jackschenties eine neue Location, die er trotz Denkmalschutz ganz nach seinen Vorstellungen ausbauen konnte. Im Februar 2013 war Eröffnung. Wo früher Fließbänder Pakete transportierten, wird nun getanzt. Licht und Ton sind vom Allerfeinsten, der Lärmschutz auch. Zudem ist der Privatclub energieeffizient. Für das alles hat Norbert Jackschenties einen hohen Kredit aufgenommen. „Es war teuer und anstrengend. Aber heute ist es toll, und ich bin total glücklich hier. Es läuft seit dem ersten Tag. Der Privatclub ist mein Baby“, strahlt er.

Mittlerweile steht der Club weltweit bei Künstlern, Bands und Bookern für hohe Qualität. Das Publikum liebt die Konzerte mit Bands aus aller Herren Länder. Egal, ob Indie-Rock, Elektropop oder Jazz. Norbert Jackschenties kann schließlich auf ein Riesen-Netzwerk aus lokalen, nationalen und internationalen Veranstaltern und Künstlern zurückgreifen. „Musikalisch möchte ich hier alles offen halten. Ich will aber nicht die Mucker, sondern die richtig coolen Sachen, eben den neuen heißen Scheiß“, beschreibt er seine spezielle Club-Handschrift.

Newcomerbands bringen zu wenig Publikum

Natürlich bewerben sich auch viele Newcomer-Bands um einen der begehrten Auftritte im Privatclub. „Doch das läuft nicht. Da kommen einfach keine Leute. Ohne staatliche Förderung ist so etwas leider nicht rentabel“, erklärt Jackschenties. Er ist schließlich auch Geschäftsmann und braucht Auslastung. Immerhin arbeiten 30 Menschen im Privatclub.

Dennoch leistet er sich ab und an den Luxus, Bands oder Künstler aufzubauen. Oder etwas Ungewöhnliches zu wagen. Wie vom 10. bis zum 12. November. Dann spielt das Andromeda Mega Express Orchestra an drei Abenden nacheinander. Und zwar eine Mischung aus Jazz, Klassik, Electronica und Postrock. Definitiv etwas, das man so nicht im Privatclub erwartet. Der Chef ist schon vorab begeistert: „Das ist eine 18-köpfige Formation. Unglaubliche Nerds und sehr experimentierfreudig. Das fällt schon in die Sparte Neue Musik.“

Die Leute kommen gezielt zu den Konzerten

Dann wird Norbert Jackschenties wohl auch unter den Zuschauern sein. Er hört sich aber beileibe nicht jedes Konzert im eigenen Club an. „Sonst würde ich anfangen, Musik zu hassen“, lacht er. Allerdings bleibt er oft bei den Soundchecks hängen, denkt sich „Superband“, und freut sich, dass ihm wieder ein guter Coup gelungen ist.

Denn es ist nicht damit getan, dass der Privatclub bestens zu erreichen ist und mitten im angesagten Kiez liegt, wie er verrät: „Es ist Wunschdenken, dass ein Laden in einer hippen Gegend volle Konzerte garantiert. Die Leute kommen nämlich gezielt. An erster Stelle steht immer das Konzert.“

Privatclub Skalitzer Straße 85-86, Kreuzberg, Tel. 61 67 59 62, Infos unter www.privatclub-berlin.de