KulturMacher

Ein Ort zum Ausprobieren

Hier werden Ideen geboren: Ob Saxofonist Peter Weniger oder Comedian Jürgen von der Lippe – sie alle schätzen Orangelab in Charlottenburg

Im Orangelab von Hans Brückner sollen neue Perspektiven eröffnet und Unmögliches möglich gemacht werden.

Im Orangelab von Hans Brückner sollen neue Perspektiven eröffnet und Unmögliches möglich gemacht werden.

Foto: Ricarda Spiegel

Am zugigen Charlottenburger Ernst-Reuter-Platz hasten die Passanten meistens schnell an den Gebäuden vorbei, ohne die denkmalgeschützten Bauten eines Blickes zu würdigen. Dabei würde sich genaueres Hinsehen lohnen. Man kann nämlich Unerwartetes entdecken. Wie das Orangelab im Hochhaus mit der Nummer 2.

Direkt neben einem der größten Kreisverkehre der Stadt hat sich hier ein Ort für Kultur, Architektur, Kreativität und Kommunikation etabliert, der einzigartig ist in Berlin. Hinter den riesigen Fensterfronten setzen sich Straße und Trottoir in Pflastersteinen auf dem Boden quasi fort. Umgekehrt kann man durch die Scheiben das lebendige, urbane Treiben der Großstadt beobachten.

Bekanntes erhält hier eine Frischzellenkur

Wenn Künstler das Orangelab betreten, läuft bei ihnen gleich ein Film im Kopf ab. „Die meisten überlegen sofort, wie sie den Raum nutzen können“, weiß Hans Brückner, der Leiter der ungewöhnlichen Location. „Raumbedingt sind die Veranstaltungen dann oft abseits der Norm.“ Genau darum geht es im Orangelab: Hier sollen neue Perspektiven eröffnet und Unmögliches möglich gemacht werden.

Bekanntes erhält eine Frischzellenkur. Wie Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ vom Kant­TheaterBerlin. Die Schauspielerin Anette Daughardt, Saxophonist Peter Weniger und Regisseur Uwe Neumann zeigen ihre ganz eigene, sehr jazzbetonte Inszenierung am 23. und 24. Oktober. Ihre Begeisterung für den Ort wird dadurch sichtbar, dass sie den Raum auf höchst unkonventionelle Weise bespielen.

Auch Firmenpräsentationen oder private Feiern

Diese Leidenschaft ist für Hans Brückner eine Grundvoraussetzung, um das Orangelab zu erobern: „Wer hier etwas machen möchte, muss mich begeistern.“ Dann gibt es einen Special Deal. „Reich werden kann man damit nicht“, betont Brückner.

Auch nicht mit anderen Nutzungen, sprich: Vermietungen zum Tagessatz von 900 Euro. Etwa für Firmenpräsentationen, Pressekonferenzen oder private Feiern. Die gesetztere Klientel wird dabei bevorzugt. „Wir wollen hier keine Partylocation mit permanentem Halligalli“, sagt Brückner nachdrücklich.

Dialog mit Podiumsgästen und Publikum – und eine Ausstellung

Selbstredend sind ihm die breitgefächerten Veranstaltungen am liebsten. Etwa die regelmäßig stattfindende Reihe „StadtWertSchätzen 2015“, ein Dialog mit Podiumsgästen und Publikum. Am heutigen Mittwoch geht es dabei um neuen Wohnraum für einkommensschwache Mieter. Am Freitag eröffnet dann die Ausstellung „Hemispheres – A Graphic Novel“, die das gegenwärtige Abbild unserer Gesellschaft in die nahe Zukunft des Jahres 2017 projiziert.

Brückner hofft damit auf einen ähnlichen Erfolg wie bei der letzten Ausstellung „Ausgebombt“, eine multimediale Schau zum 70. Jahrestag des Kriegsendes. „Wir hatten jeden Tag mehr hundert Besucher mit intensiven Begegnungen. Da haben sich Gespräche entwickelt, und es sind Tränen geflossen“, erinnert er sich.

Nicht der einzige Coup, den er seit der Eröffnung 2013 gelandet hat. Dieter Landuris stand hier ebenso auf der Bühne wie der Comedy-Altmeister Jürgen von der Lippe, der im kleinen Kreis die Durchschlagskraft eines neuen Buches getestet hat. Auch Pianist Jo Roloff, der mit seinem Trio unter anderem die Geschwister Pfister begleitet, ist hier schon aufgetreten.

Viele wollen hier etwas Neues ausprobieren

Er hatte allerdings verschwitzt, dass sich die Künstler selbst um öffentlichkeitswirksame Werbung kümmern müssen. Daher kamen nur knapp zwei Dutzend Zuschauer zum Konzert. Eine neue Chance gibt es am 1. November. Dann zeigt sich Jo Roloff mit einem Bach-Abend von einer noch unbekannten Seite.

„Viele wollen bei uns etwas ausprobieren. Dafür steht das Orangelab. Je ausgefallener und schräger, desto besser“, findet Brückner. Den Grundstein dafür hat der ausgebildete Schauspieler selbst gelegt. Dabei sah es lange Zeit nicht danach aus, dass er die Künstlerlaufbahn einschlagen würde. Obwohl er schon als Siebenjähriger unbedingt zum Film wollte.

Wegen einer großen Liebe kam er nach Berlin

Geboren 1961 in Immenstadt im Allgäu und, laut eigenem Bekunden, „sprachbildnerisch“ geprägt durch die Schulzeit in Würzburg, ging Brückner 1980 zum Bund. Er arbeitete dort bis 1988 als Anästhesiefeldwebel. Später lernte er im Hotelfach. Wegen einer großen Liebe kam er 1989 nach Berlin. Die Frau schickte ihn aber prompt in die Wüste.

So strandete er quasi obdachlos mit zwei Taschen und einem Skateboard in der Stadt. Ein Freund vermittelte ihm einen Job als Absperrhilfe beim Film. Für Hans Brückner eine Offenbarung: „Ich fühlte mich das erste Mal richtig zu Hause.“ Er übernahm Jobs als Fahrer und Komparse, nahm mit 28 Jahren Schauspielunterricht.

Veranstaltungsmarathon „30 Tage Kunst“

Heute arbeitet Brückner vornehmlich beim Film. Doch die Lücken zwischen den Drehs sind ihm einfach zu groß. „Für die Psyche ist das nicht gut. Mir darf nicht langweilig werden“, bekennt er. Deshalb nutzt er seine freie Zeit für kreative Zwecke.

So hob er 2009 das Projekt „30 Tage Kunst“ aus der Taufe, das jährlich im November stattfindet. Ein Veranstaltungsmarathon mit Filmen, Performances, Lesungen, Konzerten, Kabarett, Liederabenden und Shows. Jeder Abend ist anders. Nach der ersten Auflage in einer Galerie am Kudamm suchte Hans Brückner einen neuen Ort für das Kunstevent. Das Orangelab im Erdgeschoss des CB.e Hauses gefiel ihm auf Anhieb.

Im toten Winkel zwischen Renaissance- und Schillertheater

Ursprünglich war der Raum in den 60er-Jahren der Serversaal der IBM Deutschlandzentrale. Damals standen hier turbinengroße Rechner. IBM sprach stolz vom „Elektronengehirn hinter Glas“. Die CB.e Agentur für Kommunikation hat das Orangelab von Anfang an als Schnittstelle zur Öffentlichkeit konzipiert.

Nach dem Erfolg der Neuauflage „30 Tage Kunst“ hatte man denn auch in Brückner einen perfekten Leiter gefunden. „Die CB.e möchte eine positive Außenwirkung und bekommt dafür unzählige Anregungen durch die Veranstaltungen zurück, denn der Raum bietet wahnsinnig viele Möglichkeiten“, so Brückner.

Traum von einem Neonschriftzug am Haus

Für ihn ist das Orangelab längst künstlerische Heimat, der er sich mit Herzblut widmet. Sehnlichst wünscht er sich allerdings noch einen Neonschriftzug über dem Eingang, den die Denkmalschützer jedoch erst mal genehmigen müssen. Damit könnte man Laufpublikum hineinlocken. Denn im toten Winkel zwischen Renaissance- und Schillertheater gelegen, kommen Besucher bislang nur gezielt.

Brückner hätte nichts gegen mehr Trubel im Orangelab. „Wir arbeiten dran“, seufzt er lakonisch. Privat lebt er seit über einem Vierteljahrhundert wesentlich ruhiger jenseits des Kudamms im beschaulichen Wilmersdorf. Seit anderthalb Jahren gemeinsam mit seiner zukünftigen Frau, die er im Oktober heiratet. „Meine erste Hochzeit“, sagt der 54-Jährige und lächelt glücklich.

Orangelab Ernst-Reuter-Platz 2, Charlottenburg. Infos unter www.orangelab.de