Live täglich

Die Eleganz des Sehens

Alles ohne Popcorn: Vor sieben Jahren entstand am Kurfürstendamm ein Traum von einem Edelkino. Das Astor zog einige Häuser weiter und wurde zu einem Lichtspielhaus der Luxusklasse

10:15

Die Nummer 225 am Kurfürstendamm kurz vor der belebten Kreuzung an der Joachimstaler Straße ist ein im Erdgeschoss mit Travertinplatten verkleidetes Geschäftshaus aus den 20er-Jahren. Zwischen Gastronomie und Schuhgeschäft führt ein langer Gang ist Innere des Hauses. Vorbei an Kasse und Foyer geht es in den großen Filmsaal. Hier saugt Wolfgang Block täglich drei bis vier Stunden mit dem Bürstensauger den weinroten Hochflorteppich. „Das ist schon ein besonderer Ort“, sagt der 55-jährige Block, der normalerweise Büros reinigt. „Am meisten liegt nach Kindervorstellungen auf dem Boden“, stellt er fest. Zum Glück gibt es im Astor kein Popcorn. „Das würden wir aus diesem Teppich auch kaum herausbekommen.“

11:40

Theaterleiter Jürgen Friedrich schließt die schweren Messing-Glas-Schwingtüren auf. Der gebürtige Oldenburger lebt seit 1976 in Berlin. 1988 übernahm er die Leitung im damaligen Film-Palast. Das Astor befand sich eine Ecke weiter an der Fasanenstraße. „Ich habe das Kinosterben am Kudamm hautnah miterlebt“, erzählt er. Mulitplex-Kinos, mehrere Kinosäle in einem Haus, und steigende Mieten nach dem Mauerfall führten dazu, dass ein Kino nach dem anderen am Kurfürstendamm schließen musste. Kurioserweise war es der Mulitplex-Pionier Hans-Joachim Flebbe, der 20 Jahre später mit dem Astor ein neues Genre erfand: luxuriöse Filmlounge Kinos mit ausziehbaren Sitzen, Fußhockern, Beistelltisch und Service am Platz. Dafür wurde die Zahl der Sitze im Astor auf 235 halbiert.

12:50

Ordermann Björn Robarick rollt mit Theaterleiter Friedrich den roten Teppich auf dem Kudamm aus und bringt Abgrenzungspfosten und ein dunkelrotes Absperrseil in Position. „Man muss auf den ersten Blick erkennen, dass es hier ins Kino geht“, erklärt er.

13.30

Pünktlich öffnet Jochen Mölck die Kasse. Die ersten Kunden warten schon auf ihn. „Jetzt beginnt die Hochsaison für unsere Geschenk-Filmdose. Für 49 Euro erhält man zwei Kinogutscheine, zwei Getränke und einen Vorspeisenteller. Genau das Richtige für Kino-Fans.“ Bis Anfang Dezember verkauft Mölck täglich ein bis zwei Dutzend Geschenkdosen, „die Woche vor Weihnachten sind es über hundert“. Die Eintrittspreise im Astor sind differenziert. Für das Parkett betragen sie vor 16 Uhr 11, danach 14,50 Wuro, nach 16 Uhr für Logensitze im hintern Bereich mit Fußhocker 14,50 und 16,50 Euro. Dann gibt es noch sechs Separeeplätze zu 16 bzw. 18 Euro. Im Eintrittspreis inbegriffen ist für jeden Besucher ein Begrüßungsdrink mit oder ohne Alkohol.

14:00

Zum Vorstellungsbeginn hält Servicekraft Ebru Üzüm je ein Tablett mit Orangen- und Granatapfelsaft und eines mit dem Sekt-Holunder-Mix Hugo vor. Zur ersten Vorstellung geht es noch ruhig zu. Die ist meistens mäßig besetzt, fast alle Gäste bestellen Kaffee, es gibt auch Kuchen und Torten. Alle Bestellungen können auch am Sitzplatz vorgenommen werden. Mit bis zu fünf Kolleginnen und Kollegen muss die 25-Jährige Bestellungsaufnahme und Servieren in 20 Minuten bewerkstelligen. „Dann beginnt der Hauptfilm, und da wird nicht mehr serviert“, erklärt Üzüm. „Bei der ersten Woche des neuen Bond, die jeden Abend ausverkauft war, hatten wir alle Hände voll zu tun.“

15:05

Klaus Stawecki ist für die Programmgestaltung und Technik im Haus verantwortlich. Der 50-Jährige Berliner hat Kino noch in den alten Bahnhofs-Kino wie Bali, für Bahnhof-Lichtspiele, und Aki, für Aktualitätenkino, kennen- und lieben gelernt. In seinen Anfangsjahren fädelte er noch Zelluloidfilmstreifen in den Projektor und musste „höllisch aufpassen, dass bei langen Filmen die zweite Filmrolle genau an der ersten ansetzte.“ Heute bekommt er die Filme auf einer Festplatte geliefert, die er in den Server auf dem Projektor legt. Was sich ebenfalls enorm verändert hat, ist die Qualität des Tons. Dolby Surround D bringt die Zuschauer mitten ins Geschehen. Für die Wochenenden entwickelte Stawecki eine Reihe mit besonderen Spätvorstellungen, und jeden ersten Sonntag im Monat zeigt er Filmklassiker von „Ben Hur“ bis „Die Ferien des Monsieur Hulôt“. „Teilweise sogar in Originalfassung mit Untertitel, wie früher die Programmkinos“, so Stawecki.

16:20

Gastronomie-Chefin Barbara Becker prüft die Vorräte an Vorspeisen-Tellern, die in der Vorbereitungsküche angerichtet wurden. „Anfangs waren wir nicht sicher, ob ein Konzept jenseits von Popcorn und Nachos mit Käsesoße funktioniert“, berichtet die 50-Jährige. Heute verkauft sie den Astor-Spezial-Teller mit Kalbsboulettchen vom Restaurant Balthazar, oder Tomaten-Mozzarellaspießchen und scharfe Salami mit Pumpernickel. Außerdem hat sie das Angebot „Kino und Küche“ aufgelegt, bei dem Gäste in nahegelegenen Restaurants ein Drei-Gang-Menü essen, und anschließend ins Kino gehen.

17:00

Zur zweiten Vorstellung erscheint Platzanweiser Michael Neiße. Nun kommen mehr Gäste. Insgesamt arbeiten im Astor täglich 14 Menschen, drei- bis viermal so viele wie in anderen Kinos. „Anfangs hatten wir sogar noch einen Doorman und einen Parkservice. Das mussten wir wegen der mangelnden Akzeptanz einstellen. Die Deutschen geben ihr Auto nicht gerne ab“, musste Theaterleiter Friedrich feststellen.

18:10

Jessica Knüpfer arbeitet normalerweise als Servicekraft in der Gastronomie des Kinos. Die gelernte Restaurantkauffrau schwärmt von der kollegialen Atmosphäre im Haus, und das „jeder für den anderen da ist“. So steht sie heute zwischendurch auch ihre Frau an der Garderobe.

19:30

Nach dem Ende der Nachmittagsvorstellung helfen alle mit, den großen Saal zu reinigen. Dafür haben sie maximal 15 Minuten Zeit. Dann beginnt der Einlass für den Hauptfilm. Etwa jeder zweite Gast lässt sich Essen oder Trinken an den Tisch bringen. „Unser Konzept hat inzwischen Nachahmer in anderen großen Städten gefunden“, berichtet Jürgen Friedrich.

20:03

Mit minimaler Verspätung beginnt der Werbeblock. Die Anzeigen werden Technikleiter Sawecki über das Internet eingespielt. Die nächsten sechs Wochen wird der neue Bond laufen. Außer in den Matinee-Reihen darf dann kein anderer Film gezeigt werden. „Das geben die Verleiher so vor“, erklärt Theaterleiter Friedrich.

22:20

Nach Ende des Films räumt das Team die Teller und Gläser ab. Einige Gäste trinken noch an der Theke und Bar einen Absacker und bewundern die geschwungene Architektur des Foyers. Eine halbe Stunde später macht Jürgen Friedrich das Licht aus und schließt ab.

Astor Filmlounge Kurfürstendamm 225, Charlottenburg, Tel. 883 85 51, www.astorfilm-lounge.de

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