Zwölf Stunden

Zwischen Automaten und Poker-Tisch am Potsdamer Platz

Las Vegas am Potsdamer Platz: 1975 wurde die Spielbank Berlin im Europa-Center eröffnet, seit 1998 gibt es den neuen Standort.

Saalchefin Annett Rackow sorgt für ein reibungsloses Spiel und arbeitet auch eng mit dem Finanzamt zusammen

Saalchefin Annett Rackow sorgt für ein reibungsloses Spiel und arbeitet auch eng mit dem Finanzamt zusammen

Foto: Amin Akhtar

09:25 „Wenn ich morgens die Ergebnisse vom Vortag vorgelegt bekomme, ist das der spannendste Moment des Tages“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter der Berliner Spielbank, Günter Münstermann. Wenige Minuten vor 9 Uhr betritt er sein Büro am Potsdamer Platz in Mitte. Rechner hochfahren, Tasse Kaffee und der Arbeitstag beginnt. „Die Berliner Spielbank ist die umsatzstärkste Deutschlands.“ Das liege an dem „sehr guten Standort“ und „extrem viel internationalem Publikum.“ Das Unternehmen fördert den Berliner Sport mit 500.000 Euro im Jahr, zusätzlich vergibt der Beirat 60.000 Euro an verschiedene Projekte in der Stadt. Aktuell steht die Bewerbung für eine neue Konzessionslaufzeit ab dem 1. Januar 2018 im Vordergrund. „Die Berliner Spielbank nimmt eine Zwitterstellung unter den Spielbanken ein“, sagt Münstermann. „Wir sind ein wenig Monte Carlo und ein wenig Las Vegas.“

10:55 Auf dem roten Teppich vor dem Eingang warten schon die ersten Gäste auf Einlass ab 11 Uhr. Es ist eine Mischung aus Jung und Alt. Nur wenige Minuten später haben sie die Sicherheitsschleuse gleich hinter dem Eingang passiert und ihre Garderobe abgegeben. Unbeabsichtigt rempelt ein Mann eine ältere Frau an. „Der hats aber eilig, sein Geld zu verlieren“, sagt sie. Wenig später sitzt die Frau vor einem Geldspielautomaten.

12:00 Die Empfangschefin Nataliya Nehmer war im Automatencasino unterwegs und fährt mit der Rolltreppe hoch zum Eingang. Dort sitzt eine Mitarbeiterin und begrüßt die Gäste. Am Empfang wird auch das Mindestalter für den Eintritt kontrolliert. Rein kommt nur, wer mindestens 18 Jahre alt ist. „Wir sind in all unseren Häusern verpflichtet, unsere Gäste beim Eintritt per Ausweis zu registrieren“, sagt Nataliya Nehmer. „Dies dauert nur einen Moment am Empfang.“ Geprüft wird aber auch, ob der Gast für den Zutritt gesperrt ist. „Es kommen täglich Stammgäste, Touristen und Geschäftsreisende“, sagt die Empfangschefin. „Die meisten ausländischen Gäste kommen aus Israel.“ Vielleicht würde das daran liegen, dass es in Israel keine Spielbanken gibt, ist eine ihrer Vermutungen. In den vergangenen sechs Monaten hat sie überwiegend an der Organisation für das Pokerturnier der World Series of Poker Europe 2015 in der Spielbank gearbeitet. „Es kamen Gäste und Spieler aus der ganzen Welt“, sagt sie. „Auch die Organisatoren aus Las Vegas.“

13:20 „Frings. Wie der Fußballer“, stellt sich Paul Frings vor. Er ist der Eventmanager der Spielbank. „Ich bin für die Außenveranstaltungen zuständig, und auch für die Veranstaltungen im Haus neben dem Tagesgeschäft.“ Gerade erst hat er die gruselig-schöne Dekoration von Halloween am vergangenen Wochenende abbauen lassen. Aufblasbare Kürbisse, Horrormasken und blutige Körpergliedmaßen aus Plastik verschwinden wieder im Lager. Jetzt bereitet er die festliche Weihnachtsdekoration vor. „Im Sommer bin ich mehrmals in der Woche bei Außenveranstaltungen“, sagt der 33-Jährige. „Dann vermieten wir beispielsweise Roulettetische für Sommerfeste in Golfclubs.“ Auch auf einer Betriebsweihnachtsfeier im Hotel Adlon oder bei der Aids-Gala in der Deutschen Oper rollten schon die Kugeln. „Außerhalb der Spielbank wird aber grundsätzlich nicht um Geld gespielt“, betont Frings.

14:45 Faltenfrei das Oberhemd, passend dazu eine dunkelblaue Krawatte – seriös und elegant sorgt sich Olaf Pirwitz um den finanziellen Teil im Automatencasino. Im Schichtdienst tätig, ist der Hauptkassierer für die Bestückung der Kassen zuständig. Auch für die Gewinne zeichnet er verantwortlich. „Im Mai dieses Jahres hat ein Besucher aus Israel einen Automaten-Jackpot gewonnen“, sagt er. „Wir haben ihm die Summe in Höhe von 1,1 Million Euro überwiesen.“ Pirwitz, er arbeitet seit 26 Jahren für die Spielbank, erinnert sich auch an einen Jackpot-Gewinn aus den Anfangszeiten des Automatenspiels. „An der Marburger Straße haben wir einmal mehr als zwei Millionen DM ausgezahlt.“ Für Automatengewinne bis 200 Euro bekommt der Spieler eine Quittung mit einem Barcode. „Bei Gewinnen von mehr als 200 Euro geht die Meldung automatisch vom Automaten an die Kasse“, erklärt er.

17:00 „An meinem ersten Arbeitstag hinter der Bar in der Spielbank hat ein Russe seine Tasse Kaffee mit einem 1000-DM-Jetons bezahlt“, erzählt Norman Jablonski. „Den Rest kann ich behalten, sagte er mir. Damals habe ich mir gedacht, wenn das so weiter geht, bleibe ich. Es sei so nicht weiter gegangen, die Sache mit dem Trinkgeld in dieser Größenordnung sei die Ausnahme gewesen, sagt der Food-and-Beverage-Manager. Geblieben ist er dennoch: „Ich bin seit 24 Jahren in der Gastronomie der Spielbank tätig.“ Norman Jablonski ist für das Speise-und Getränkeangebot an den vier Bars und im Restaurant zuständig.

17:30 Saalchefin Annett Rackow ist vermutlich eine der ganz wenigen Menschen, die gern mit dem Finanzamt zusammenarbeitet. „Das sind ganz reizende Kollegen, die hier täglich in der Spielbank sind“, sagt sie. Zwei Finanzbeamte begleiten im Casino Royal an den acht Roulettetischen jede Finanzaktion. Wenn Tische geöffnet und geschlossen werden, oder wenn neue Jetons zu den Tischen gebracht werden, ist das Finanzamt in Vertretung dabei. „Gewinne aber, die sind steuerfrei“, sagt die attraktive Chefin. Charmant, diplomatisch, aber dennoch mit Durchsetzungsvermögen, klärt sie Unstimmigkeiten an den Spieltischen. „Entsteht die Frage, wer hat wo gesetzt, kläre ich das mit dem Tischchef“, sagt sie. „Dann werden auch die Kamerabilder ausgewertet.“ Mit einer kleinen Glocke machen die Tischchefs auf sich aufmerksam. Auf einem Monitor über dem Spieltisch steht, was gewünscht wird. Es läutet dezent. Die Saalchefin blickt zu einem Monitor. „Change“ ist zu lesen. Dieser Tisch braucht neue Jetons. Annett Rackow sucht die Finanzbeamten.

19:15 „Beim Pokern sieht man manche Gäste öfter, als seine eigene Ehefrau“, sagt Bernd Bartel, Floorman und verantwortlich für die Pokeretage. Viele Gäste würden täglich zum Pokern in die Spielbank kommen. Entweder zu den täglichen Turnieren, oder um an den Pokertischen gegen andere Gäste anzutreten.

22:00 „Viele Gäste sind mir bekannt“, sagt der Spielschutzbeauftragte Clemens Haase. „Ich beobachte Veränderungen über einen längeren Zeitraum und kann Anzeichen für Spielsucht erkennen.“ Haase spricht mit gefährdeten Gästen, bietet ihnen und Angehörigen Hilfe an. „Die meisten von ihnen sind einsichtig und lassen sich von sich aus für die Spielbank sperren.“ Zwei Spielerschutzbeauftrage sind für Prävention, Glücksspielsucht und Spielerschutz zuständig. Die Spielbank unterstützt die Suchtforschungsgruppe der Charité. Mit den Glücksspielerfahrungen sei man in einem regen Austausch mit den Wissenschaftlern.