Zwölf Stunden

Das große Krabbeln im Berliner Zooaquarium

| Lesedauer: 7 Minuten
Paul Hertzberg
Tierpfleger Ronny Keßner mag die Krustenechsen und Nashornleguane im Aquarium am Zoo am liebsten

Tierpfleger Ronny Keßner mag die Krustenechsen und Nashornleguane im Aquarium am Zoo am liebsten

Foto: Massimo Rodari

Im Aquarium im Berliner Zoo leben nicht nur Fische, Echsen und Insekten. Wir haben die Pfleger besucht, die sich um die Tiere kümmern.

04:45 Es ist stockfinster und kalt, wenn Angela Peschel mit der Arbeit beginnt. Das Aquarium ist menschenleer, noch herrscht hinter den großen Scheiben der Schaukästen Dunkelheit. Bis 9 Uhr hat Angela Peschel jetzt Zeit, die drei Etagen des Berliner Aquariums zu putzen, Treppen zu fegen und hunderte Quadratmeter Boden zu wischen. Unheimlich findet sie das nicht, ganz alleine mit Würgeschlangen, Vogelspinnen und Haifischen zu sein. „Ich bin eine Tierliebhaberin.“ Außerdem blieben die Tiere ja in ihren Kästen. „Meistens“, sagt sie und erzählt, wie sie ein Mal im Halbdunkel zwischen den Aquarien an einer besonders hartnäckigen Staubflocke verzweifelte. Erst als die Flocke ihr folgte, erkannte sie, dass ein Taschenkrebs aus seinem Becken entwischt und auf dem Boden gelandet war.

06:50 Um kurz vor sieben erwachen die Aquarien zum Leben. Das Licht geht an. Und damit beginnt auch die Arbeit für die mehr als 20 Tierpfleger, die sich hier um Fische, Reptilien und Insekten kümmern. Ihr Tag beginnt mit etwas, das man im Arbeitsalltag eines Tierpflegers eigentlich nicht erwartet: Putzen. Und zwar nicht in, sondern außen entlang der Aquarien. Das ganze Glas, das Besucher und Fische trennt, muss schließlich so sauber wie möglich sein. „Man wird tatsächlich zum Profi in Sachen Fensterputzen“, sagt Konstantin Becker, der erst seit einem Monat im Aquarium arbeiten. Sein Kollege Fabian Marx und er arbeiten heute morgen als Team. Marx seift die Scheiben ein, Becker folgt mit dem Abzieher.

07:45 Christine Koch sieht sich als „Mädchen für alles“, doch wer ihr zuschaut, bekommt schnell den Eindruck, dass sie den Laden am Laufen hält. Koch bestellt Salz für die Meerwasseraquarien, kümmert sich um die Azubis, führt Inventuren durch, erstellt die Dienstpläne und prüft die Papiere für gefährdete Fischarten. Ihr Reich ist das Büro im Erdgeschoss, was nicht heißt, dass sie mit den Tieren, um die es im Aquarium naturgemäß gehen sollte, nichts anfangen könnte. „Hier arbeitet keiner, der sich nicht für Tiere interessiert“, sagt sie. Und: „Egal, welchen Job man hier macht, zum Fachmann für Fische wird man früher oder später ganz automatisch.“

08:15 Ronny Keßner mag die Krustenechsen und Nashornleguane am liebsten. Sagen will er das aber eigentlich nicht. Schließlich ist er Tierpfleger und „da sollte man genau so wenig Lieblinge haben wie etwa ein Lehrer.“ Keßner muss es wissen. Schließlich macht er den Job seit 30 Jahren. Als kleiner Junge schon besuchte er das Aquarium einmal die Woche. Nun steht er hier jeden Tag. Sein Reich ist der erste Stock, wo in warmen Käfigen träge Echsen liegen und dicke Würgeschlangen von den Ästen hängen. Auch hier wurden, wie im Erdgeschoss bei den Fischen, als erstes am frühen Morgen die Scheiben geputzt. Jetzt werden die Käfige aufgeräumt, die Pflanzen versorgt und die Tiere gefüttert. Die lassen den Trubel brav über sich ergehen. Auch wenn der Nashornleguan in der Lage ist, einen menschlichen Finger mit einem Biss abzubeißen. „Das tut er aber nicht“, versichert Ronny Keßner. „Jede Hausfrau hat einen gefährlicheren Job als wir hier.“

09:10 Das oberste Stockwerk im Aquarium teilen sich Insekten und Amphibien. Dort steht Stephan Reinartz, einen Wasserschlauch in der Hand, tief über einen Glaskasten gebeugt. „Das ist ein Pfeilgiftfrosch“, sagt er und deutet auf das kleine grellblaue Wesen, das in einer Ecke hockt. Pfeilgiftfrösche, erläutert Reinartz, seien in Südamerika zwar hochgiftig, hier aber völlig ungefährlich. „Die Frösche produzieren kein eigenes Gift, sie ernähren sich im Regenwald aber von giftigen Insekten.“ Hier sind aber weit und breit keine giftigen Insekten zu sehen. Gefüttert werden die Amphibien mit Heimchen, einer Heuschreckenart. Tausende von ihnen zucken und zittern in den Futterbehältern, auf die Reinartz sie aufteilt. Dazu kommt ein weißes Pulver. Vitamine, Mineralien, damit die Frösche im Aquarium gesund leben.

10:30 Seit eineinhalb Stunden ist das Aquarium schon für Besucher geöffnet. Schulklassen drängeln sich zwischen den Terrarien, Kinder drücken sich an Aquariumscheiben die Nasen platt. Doch hinter den Kulissen ist davon nichts zu sehen. In den Betriebsgängen hinter den Becken blubbert und zischt es. Es ist heiß, die Luft ist feucht und stickig und erfüllt vom Lärm der Umwälzpumpen und Filteranlagen. Marko Hasselmann, seines Zeichens Revierleiter der Süßwasserabteilung steht ungerührt zwischen den Maschinen und sagt mit einem Lachen: „Ich war 1990 der erste Ossi hier im Zoo.“ Eigentlich wollte Hasselmann Künstler werden, stattdessen landete er in einer Fischzucht in Potsdam und später bei den Aquarien im Berliner Zoo. „Mir hat das schon immer Spaß gemacht, irgendwie habe ich es mit den Fischen“, sagt er und ergänzt: „Bin sogar vom Sternzeichen her einer.“

12:00 „Einen Teddybären hat doch jeder“, sagt Viviana Martinez. „Das ist doch langweilig.“ Im Andenkenshop des Zoo-Aquariums sind ganz andere Kuscheltiere der Renner. Kraken und Fische natürlich, noch besser verkauft sich nur die große, plüschige Vogelspinne.

12:50 Es ist an der Zeit für die kleine Fütterung. Beifische, Garnelen, verschiedene Pasten, Tiefgefrorenes und Wiederaufgetautes findet sich in dem Plastikeimer, den Uwe Müller den Betriebsgang entlang schleppt. Jede Fischart isst etwas anderes. Manche kleinere Artgenossen, manche klassisches Fischfutter und anderen, wie dem Kraken oder dem Igelfisch, reicht man Garnelen hinab auf den sandigen Boden des Aquariums.

13:30 Sobald man den Dachboden betritt, steht einem der Schweiß auf der Stirn. Es ist heiß ganz oben im Aquarium. Es zuckt und brummt in dutzenden von Käfigen, hinter Plastikscheiben zeichnen sich die dürren Umrisse von Gottesanbeterinnen ab. Das ist das Reich von Shahin Tavangari, der nicht nur im Aquarium, sondern auch zu Hause seiner Leidenschaft, der Insektenzucht, nachgeht. „Früher hatten es mir Käfer angetan“, sagt der Mann mit dem langen Zopf. „Jetzt sind es Schaben.“ Über 30 Arten hält er zu Hause. Im Aquarium beginnt er morgens mit der Fütterung. Obst und Blätter für Tausendfüßler und Heuschrecken, tote Insekten für die Ameisen und kleine für die Vogelspinnen. Manche mögen sich vor Insekten ekeln – Tavangari faszinieren sie. Das ist das Schöne am Aquarium im Berliner Zoo. Jeder, der hier arbeitet, schwärmt aufrichtig von seinem Job und den ihm anvertrauten Tieren.