Digitalisierung

Klassenzimmer 2.0 - Berlins Schulen hinken hinterher

Der Unterricht verändert sich durch Apps und digitale Whiteboards. In Berlin aber viel zu langsam, kritisieren Experten. Technik fehlt.

In der Grundschule an der Bäke  haben alle Klassenräume Whiteboards

In der Grundschule an der Bäke haben alle Klassenräume Whiteboards

Foto: Reto Klar

Mathe in der 3b. Lehrerin Regina Garske schaltet den Computer auf ihren Lehrertisch an und damit gleich auch das Whiteboard. „Wir üben jetzt erst einmal das Einmaleins“, sagt sie. Auf dem Whiteboard erscheinen die Zahlen von eins bis hundert. Erste Aufgabe: Timo soll die Zweier-Reihe zeigen. Der Junge stürmt nach vorn und tippt auf der Leinwand des Whiteboards die entsprechenden Zahlen an. Die werden rot, wenn er sie mit dem Finger berührt. „Du hast alles richtig gemacht“, lobt die Lehrerin.

Unterricht mit dem Whiteboard wie in der Bäke-Schule ist in Berlin auch im Jahr 2015 noch die Ausnahme. Während in Großbritannien die Schüler seit 2014 schon ab der ersten Klasse das programmieren lernen, damit die Kinder fit gemacht werden für die digitale Wirtschaftswelt, hinkt Berlin weit hinterher. Die meisten Lehrer quietschen noch immer mit der Kreide über die Tafel. Auch das Versprechen verschiedener Bundespolitiker, dass bald jeder Schüler ein Notebook oder Tablet haben soll, ist noch längst nicht eingelöst.

Neuer Lehrplan macht Medienbildung zur Pflicht

Dabei soll in Berlin von 2017 an die Medienbildung verpflichtend im Lehrplan verankert sein. In allen Klassenstufen sollen technische, soziale und ökonomische Aspekte der Medienbildung mit den Inhalten des jeweiligen Faches verbunden werden, heißt es in dem Entwurf für den Lehrplan, der Mitte Dezember besiegelt werden soll. Auch die Berliner Lehrer sehen in der digitalen Bildung ein wichtiges Feld. So geben in einer Umfrage der Bildungsverwaltung 71,8 Prozent der Lehrer an, dass sich die Lernergebnisse der Schüler durch den Einsatz von Computern verbessert hätten. Gleichzeitig kritisieren die Lehrer aber auch, dass es nicht genügend Unterstützung bei der Wartung und der Ausstattung mit der Technik gibt.

Den Schulen fehlen Spezialisten, die die Technik warten

Den Kindern der 3b an der Bäke-Grundschule macht es sichtlich Spaß, am Whiteboard zu arbeiten. Auch als Regina Garske eine neue Aufgabe aufruft, sind sie ganz bei der Sache. Die Lehrerin arbeitet gern mit digitalen Medien, zu denen an der Steglitzer Grundschule neben den Whiteboards, die es in jedem Klassenraum gibt, auch Computer und Laptops gehören. „Digitale Medien bieten viele Möglichkeiten der Beschäftigung mit einem Thema, das ist spannend für die Kinder und macht ihnen Spaß“, sagt sie. Natürlich würden sie auch mit herkömmlichen Materialien arbeiten. Grundschulkinder müssten Dinge auch anfassen und mit ihnen hantieren können.

Die Grundschule an der Bäke setzt stark auf digitale Medien. Digitaler Unterricht ist Teil des Schulprofils. Schulleiterin Irina Wißmann sagt, dass sie bereits seit Jahren kreidefrei arbeiten. „Wir haben etwa 24 Whiteboards, in jedem Klassenraum eines.“ Außerdem gebe es einen Computerraum mit 30 Arbeitsplätzen und einen Klassensatz Laptops. „Bei uns lernen die Schüler, bewusst mit Computer und Internet umzugehen, Grundfertigkeiten werden vermittelt“, sagt Wißmann. Das sei vor allem für die Kinder wichtig, die zu Hause nicht die Chance hätten, das zu lernen.

Viele Schulen haben noch kein digitales Konzept

Doch die beste digitale Ausstattung nutzt nichts, wenn die Lehrer damit nicht umgehen können. An der Grundschule an der Bäke haben sich zwar alle Kollegen fortgebildet, um digital mithalten zu können. Mathe-Lehrerin Wiebke Könze hat zudem die Leitung des digitalen Bereichs übernommen. Sie macht das gern und größtenteils in ihrer Freizeit. Bei bestimmten Problemen stößt aber auch sie ihre Grenzen. „Uns fehlt die Unterstützung der Bildungsverwaltung“, sagt sie. „Wir brauchen dringend einen IT-Beauftragten an der Schule oder wenigsten einen Fachmann, der für fünf bis sechs Schulen zuständig ist und kommt, wenn es Schwierigkeiten gibt.“

In Berlin kommen laut Bildungsverwaltung an den öffentlichen Schulen 5,4 Schüler auf einen Computer oder Laptop. In einigen Bezirken sind es noch mehr. Schlusslichter sind Charlottenburg-Wilmersdorf und Treptow-Köpenick, wo sich mehr als sechs Schüler einen Computer teilen. Deutschlandweit gibt es an den Schulen im Durchschnitt einen PC für 4,2 Schüler. Damit liegt Deutschland unter den 34 OECD-Ländern auf Platz 28. Junge IT-Fachkräfte für die Berliner Start-up-Szene müssen häufig eher im Ausland rekrutiert werden.

Häufig brechen die Netze zusammen

Die meisten Jugendlichen würden sich zwar auf der Oberfläche ihrer Smartphones bestens auskennen, wüssten aber nur wenig über die dahinter liegende Hardware und Software, sagt Thorsten Leimbach vom Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme. „Wir sollten ein grundlegendes Verständnis für die Technologie haben, auf der die Geräte basieren, die unseren Alltag bestimmen“, sagt der Experte. Dazu bräuchten die Lehrer vor allem drei Dinge: ein gut vernetztes Schulgebäude, einfach zu administrierende Computer und passende Software. Doch häufig scheitert das digitale Lernen schon an den unzureichenden Netzen in den Schulen. Vor allem an Grundschulen, an denen es keine ausgebildeten Informatiklehrer gibt, können die Lehrer kaum reagieren, wenn das Netz zusammenbricht.

Eltern müssen digitale Bildung ihrer Kinder einfordern

Tobias Hönig kennt diese Probleme nur zu gut. Er ist einer der Gründer von „Scolibri“, einem Berliner Bildungsstart-up, das eine Plattform für Schulen entwickelt hat, auf der sich Lehrer, Schüler und Eltern vernetzen und Aufgaben und Unterrichtsmaterialien austauschen können. Er sagt: „Viele Schulen kaufen sich von Fördergeldern eine digitale Ausstattung, die sie dann aber nicht nutzten, weil sie kein schlüssiges Konzept haben und die Lehrer nicht fortgebildet sind.“

Jens Koeppen leitet den Bundestagsausschuss „Digitale Agenda“ und kritisiert die mangelnde Ausstattung deutscher Schulen mit digitaler Technik. Neben mehr Investitionen der Länder hält er auch einen Bewusstseinswandel für wichtig - und sieht die Eltern mit in der Pflicht. „Ich kann nur allen Eltern empfehlen, sich bei der Schule ihrer Kinder dafür stark zu machen, dass die digitale Bildung mehr Wertschätzung erhält“, sagte er der Berliner Morgenpost.