Zwölf Stunden

Domäne Dahlem - Landleben mitten in der Stadt

Wie viel Futter braucht ein Pferd? Und wie erntet man Kartoffeln? Hier erfährt man, wie das Essen vom Acker auf den Teller kommt.

Domäne Dahlem, Andrea Mohrenwetser

Domäne Dahlem, Andrea Mohrenwetser

Foto: Massimo Rodari

07.30 Uhr Betritt man die Domäne Dahlem, ist man in einer anderen Welt. Landluft umweht hier die Nase. Schließlich ist das Freilandmuseum für Agrar- und Ernährungskultur ein Bauernhof. Ein Biolandbetrieb. Zuständig für die Landwirtschaft ist Astrid Masson. Mit ihrem Team füttert sie morgens zuerst die Tiere, füllt Futtersilos auf und kontrolliert die elektrischen Zäune. Die Tiere werden frei gehalten. Zumeist handelt es sich dabei um gefährdete Nutztierarten. Wie die schwarz-weißen Sattelschweine. Die haben auf ihrer Wiese kleine „Einfamilienhäuser“, wie Astrid Masson scherzt. „Wir sorgen für die Ressourcen. Ansonsten haben Mensch und Tier bei der artgerechten Tierhaltung nicht viel miteinander zu tun.“

09.20 Uhr Währenddessen kocht Küchenchefin Marlis Picht für den hofeigenen Ausschank Eintöpfe, macht den Kartoffelsalat und backt diverse Kuchen. Nebenher verwandelt sie auch noch alles, was an Lebensmitteln übrig bleibt, in leckere Fruchtaufstriche, Sirup oder Chutneys. Die sind im Hofladen erhältlich, genau wie die eigens von Marlis Picht kreierten vegetarischen Brotaufstriche.

10.45 Uhr Clara, 20, und Marie, 12, von der ehrenamtlichen Stallgruppe kümmern sich gerade um das Pony Alibaba. Eines von vier Pferden, für die sie die Verantwortung tragen. Darunter ein Dülmener Wildpferd, ein robustes polnisches Konik und zwei Exmoor Ponys. Für die Mädchen ein Traum, denn beide sind schon immer Pferdefans gewesen.

11.15 Uhr Im neuen Hofladen freut sich Angela Vogelsang gerade über eine Kiste mit gerade gepflückten Himbeeren, die umgehend einen Platz im Obst- und Gemüsesortiment finden. Mit Extraschildern gekennzeichnet, ist ein Teil heute geerntet worden. Frischer, nachhaltiger und lokaler geht es kaum. Hier gibt es auch Honig von den elf Bienenvölkern der Domäne Dahlem.

12.40 Uhr Am Rand des großen Kartoffelackers ist eine Kindergruppe eifrig bei der Ernte. Es riecht herrlich nach satter Erde, und die Kinder wühlen mit Hingabe im Boden. Dabei lassen sie sich von Museumspädagogin Andrea Mohrenweiser anleiten. Bei ihr sammeln bis zu fünf Kindergarten- und Schülergruppen täglich erste landwirtschaftliche Erfahrungen. Die meisten von ihnen wissen gar nicht, wo Lebensmittel herkommen. Die Pädagogin hat schon entsetzte Kinder erlebt, die sich wunderten, wer den Salat in den Dreck geschmissen hat? „Ein wunderbarer grüner Lehrort. Die Kinder haben Spaß und merken, wie viel Handwerk hinter so einer Ernte steckt. Sie lernen das wertzuschätzen.“ Danach geht es noch zum Kartoffelwaschen und -sortieren, bevor daraus in der „Kochkiste“ ein leckeres Mittagsessen gebrutzelt wird.

13.50 Uhr Unweit davon erntet Joana Karotten, genauer gesagt: Duwicker Möhren. Eine sehr alte, kurze, dicke Sorte. Die 21-Jährige absolviert auf der Domäne Dahlem ihr freiwilliges ökologisches Jahr. Sie will mal Landwirtschaft studieren. Jetzt erntet sie erst mal mit dem iPod auf den Ohren jeden Tag saisonales Obst und Gemüse für den Hofladen, die Küche, aber auch für die Kreuzberger Markthalle Neun.

14.40 Uhr Torsten Teehl einfach Schmied zu nennen, wäre eine glatte Untertreibung. Er ist ein international bekannter Metallgestalter. Seine Schmiede ist einer von mehreren selbstständigen Handwerksbetrieben auf dem Gelände der Domäne Dahlem. „Ich brauche eine schöne Umgebung, um gute Arbeit zu leisten“, bekennt er. Der Schriftzug auf dem neuen Eingangsgebäude stammt von ihm, wie auch viele andere handgeschmiedete Elemente auf dem Gelände. In der Schmiede selbst riecht es nach heißem Metall. Natürlich gibt es auch ein offenes Feuer und den berühmten Amboss. Teehl entwirft und baut Gebrauchsgegenstände und Kunst aus allen Stilepochen in zeitlos schönem Design. Und er restauriert in historischer Technik Metallenes wie die „Sonnenlaube“ im Schlosspark Sanssouci. Den berühmten Sonnenpavillon hat er mit wunderschönen Sonnen-Neuanfertigungen ergänzt.

15.30 Uhr Am Ausschank haben Rose Schöttke und Rainer Pötter Dienst. Sie betreuen auch den Biergarten mit 30 Tischen und 130 Plätzen. Idyllisch gelegen am großen Hofplatz mit Blick auf die historischen Gebäude. Der heutige Renner ist Marlis Pichs Tomaten-Hackfleisch-Eintopf. Den lässt sich auch Andrea Wellbrock-Thumeyer gerade schmecken. Die kaufmännische Geschäftsführerin der Domäne genießt die Herbstsonne. Zuständig für Finanzen, Verwaltung, Personal und Gebäudemanagement nutzt sie kurze Auszeiten gern für einen Spaziergang über das 165.000 Quadratmeter große Gelände. Wie übrigens auch 300.000 Besucher jedes Jahr. Die zahlreichen Marktfeste und die Ausstellungen erfreuen sich dabei besonderer Beliebtheit.

17.15 Uhr Einst Rittergut, wird das 1976 gegründete agrarhistorische Freilichtmuseum gerade aufwendig umgebaut. Neu hinzugekommen ist dabei das „Culinarium“ im historischen Pferdestallgebäude mit der Dauerausstellung „Vom Acker bis zum Teller“, kuratiert von Thomas Steller. Die Schau informiert im Erdgeschoss über Grundnahrungsmittel, im Obergeschoss über Produktion und Verbraucherthemen wie Fleischskandale. Ganz begeistert ist der Kurator von den vielen interaktiven Möglichkeiten. Etwa von den mittels Knopfdruck aktivierten Tischgesprächen gestern und heute.

18.45 Uhr Zuständig vor allem für Fundraising und Drittmittelakquise, stellt Bettina Wegener auch das Sortiment für den hauseigenen Museumsshop mit liebevollem Blick fürs Detail zusammen. Eine schöne Abwechslung für die Referentin des Stiftungsvorstands. Sie legt im Laden Wert auf die Verzahnung zwischen der landwirtschaftlichen Erzeugung und dem Verbrauch. Wie überall auf der Domäne. Hier gibt es alles rund um die Küche. Selbstverständlich auch Kochbücher und weiterführende Literatur.

19.30 Uhr Bei Peter Lummel laufen alle Fäden der aktuellen Umbauarbeiten im Rahmen des Projekts zur kulturtouristischen Entwicklung der Domäne zusammen. Egal, ob es sich um das neue Besucherleitsystem handelt oder das neue Landgasthaus in der ehemaligen Remise. Der Stiftungsvorstand und Museumsdirektor befindet sich gerade im Endspurt. Sein Ziel ist es, die Domäne für die Zukunft fit zu machen und dabei die einmalige familiäre Atmosphäre der grünen Oase als Ort der Begegnung zu erhalten. Zudem arbeitet er unermüdlich an der Museumssammlung: „Wir bekommen von den Bürgern viele Exponate angeboten.“ Sein Büro im denkmalgeschützten Herrenhaus verlässt er immer als letzter.

Domäne Dahlem Königin-Luise-Str. 49, Dahlem, tägl. 8–19 Uhr, Eintritt auf Spendenbasis, Marktfeste 3 Euro, erm. 1 Euro, Kinder und Jugendliche bis 18 Eintritt frei