Zwölf Stunden

In den Gemächern des Königs im Schloss Charlottenburg

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Sebastian Blottner

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Rund 350.000 Besucher kommen jährlich ins Schloss Charlottenburg. Wenn Sonderausstellungen laufen, können es bis zu 600.000 werden.

7:10 Marina Lummert legt eine Poliermatte aus Kunststoff aufs Parkett, stellt die Poliermaschine drauf, die sich automatisch einhakt, und kann loslegen. Die Wohnräume Friedrich Wilhelm III. müssen gebohnert werden, „und zwar täglich“. Genauso wie die anderen 90 Räume und Büros im Schloss, ein Team von zehn Reinigungskräften hat dafür genau vier Stunden Zeit. „Von 6 bis 10 Uhr, das ist schon sehr knapp“, sagt Lummert.

9:45 Kurz bevor das Haus für den Besucherverkehr öffnet, nimmt Objektleiterin Kornelia Gorzolka die Diensteinteilung der Aufsichtskräfte vor. Mit Einsatzleiter Florian Ribow bespricht sie, wer wo eingesetzt wird, „insgesamt 55 Aufsichten plus Parkstreife müssen verteilt werden“. Rechtzeitig um 10 Uhr steht dann alle auf ihren Positionen.

10:35 Wer den prunkvollen Weißen Saal im Ostflügel des Schlosses betritt, fühlt sich unwillkürlich an das Rokokoschloss Sanssouci erinnert. „Völlig normal“, sagt Schlossleiter Rudolf Scharmann, „bis 1745 wohnte Friedrich der Große ja auch hier, und danach seine Familie“. Der Flügel wurde später erbaut als der Mittelteil bzw. das Alte Schloss mit dem charakteristischen Turmbau und der Westflügel. „Der friderizianische Flügel ist wunderbar und müsste vielmehr ins Bewusstsein unserer Gäste kommen“, sagt Scharmann, „leider sehen ihn sich viele gar nicht an.“ Rund 350.000 Besucher kommen jährlich ins Schloss, „wenn große Sonderausstellungen laufen, werden es auch einmal bis zu 600.000“.

11:20 Postübergabe bei Rainer Bade. Zweimal wöchentlich kommt die interne Hauspost aus der Stiftungszentrale, „mindestens eine Kiste voll“. Wie so vieles läuft das über die Zentrale, wo Bade quasi als Ansprechpartner für alles sitzt. Die „Stimme des Schlosses“ könnte man ihn nennen, denn wer im Schloss Charlottenburg anruft, hat zunächst einmal ihn an der Strippe. „Außerdem bin ich Gruppenkasse, für Pförtnerdienste zuständig und auch noch die Fundstelle.“ Besonders gern würden Schlüssel, Handys, Kameras und Brillen vergessen, alles abzuholen bei Rainer Bade.

12:50 Das Porträt der englischen Königin Anne Stuart hat lange Zeit im Depot zugebracht, doch nun soll das „Kniestück“ von der Hand des niederländischen Malers Willem Wissing aus dem späten 17. Jahrhundert wieder aufgemöbelt und ausgestellt werden. Deswegen liegt es zur Voruntersuchung bei Gemälderestauratorin Anja Wolf. Durch ein Auflicht-Stereomikro­skop mit bis zu einhundertfacher Vergrößerung schaut sie sich den Zustand des Gemäldes ganz genau an. „Was ich jetzt schon sagen kann, ist, dass hier auf jeden Fall eine Farbschichtfestigung nötig sein wird“, sagt Wolf, „außerdem die Kittung von Fehlstellen, Retusche und sicherlich auch eine Oberflächenreinigung.“

13:30 Hausmeister Detlef Elsholz schiebt zwei schwere Luftbefeuchter durchs Treppenhaus. „Die müssen jetzt alle wieder in den Räumen verteilt werden“, sagt er, „von Oktober bis Mai sind die Geräte durchgängig im Einsatz“. Rund 50 Prozent Luftfeuchtigkeit sollen gehalten werden, so schreibt es die Restaurationsabteilung vor. Mehr als 70 der dafür benötigten Geräte hat Elsholz in den vergangenen Monaten auseinander genommen, gesäubert und gewartet. „Das ist ein Großteil unserer Sommerarbeit, aber immerhin laufen die Befeuchter seit einiger Zeit mit kalkfreiem Osmosewasser, sie verkalken also nicht mehr.“

14:10 55 Hektar groß ist der grandiose Schlossgarten in Charlottenburg, die früheste französisch gestaltete Gartenanlage im deutschsprachigen Raum. Mittendrin kämpft Andreas Matthies eine Schlacht, die er „seit drei Jahren ständig verliert“. Sein Gegner ist der Ackerschachtelhalm. Matthies kniet vor den Buchsbaumhecken des sogenannten Barockparterres und zupft das aggressive Unkraut aus. Fünfzehn Gärtner umfasst das Team, das sich um den Schlossgarten, genauer gesagt: das Gartendenkmal kümmert.

15:15 Mit der „Rakel“, einer Art Kunststoffspachtel, rakelt Kuratorin Nadja Bender eine Exponatennummer auf einen Vitrinenunterbau in der Ausstellung „Frauensache“. Bender hat die Schau im westlichen Theaterbau mitkonzipiert: „Wir wollten die sechshundertjährige Hohenzollerngeschichte einmal nicht anhand der Männer erzählen“, sagt sie, „das war an der Zeit, denn fast jeder kann die preußischen Könige aufzählen, aber fast niemand die vielen einflussreichen Frauen.“ Kaum ein Schloss eignet sich besser für dieses Vorhaben als Charlottenburg, das – angefangen bei Königin Sophie Charlotte – vor allem ein Schloss der Frauen gewesen ist.

16:00 Ein Museumsshop ist ein Museumsshop ist ein Museumsshop? Stimmt nicht ganz, meint Filialleiterin Nicole Trenkamp und präsentiert ihr Sortiment. „Unsere GmbH entwickelt 80 Prozent aller Produkte selbst, das gibt es also alles nur in Läden der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten.“ Im Angebot finden sich Tücher mit Motiven der Tapisserien aus dem Potsdamer Neuen Palais, Servietten mit „Royal Flower“-Dekor, das Gemälden in Charlottenburg abgeschaut wurde oder auch ausgefallene Artikel wie die Nachbildung der preußischen Krone für 770 Euro. „Ein Teil der Gewinne fließt an die Stiftung, um verschiedene Projekte zu finanzieren“, sagt Nicole Trenkamp.

16:40 Rudolf Scharmann erklärt Eva Wenders de Callise gerade Motivdetails eines Tisches in den ehemaligen Wohnräumen von Königin Sophie Charlotte im Alten Schloss. Hier werden derzeit ganz besondere Exponate ins Rampenlicht gesetzt: die Berliner Lackmöbel Gérard Daglys aus der Zeit um 1700. Sein Werk ist ein seltenes Kuriosum, der Künstler hatte sich nämlich auf die Nachahmung ostasiatischer Motive und Lacktechnik spezialisiert.

17:10 Das Baugerüst am Ostflügel wird abgebaut. Derzeit läuft die schrittweise „Hüllensanierung“ des Gebäudes, die Rekonstruktionssubstanz aus den 50er- und 60er-Jahren wird generalüberholt. Ziel ist unter anderem eine bessere Energieeffizienz. Außerdem wird im „Konditorhof“ demnächst ein Fahrstuhl eingebaut – zum ersten Mal wird das Schloss Charlottenburg dann behindertengerecht sein.

20:00 Die barocken Kleider samt Perücken sitzen und die In­strumente sind gestimmt. Feierliche Stimmung herrscht bei den Residenzkonzerten, die Kulinarik und Kultur verbinden und für die sich das Orchester außerdem in historische Gewänder hüllt. Nach einem Gourmet-Dinner im Westflügel der Orangerie haben sich die Gäste im Konzertsaal niedergelassen und lauschen nun Werken von Johann Sebastian Bach, Händel und Mozart. Einfach königlich. Wie alles in Schloss Charlottenburg.