Elias und Mohamed

Kindermorde: Seit Donnerstag schweigt Silvio S.

Nun herrscht Gewissheit: Auch Elias ist tot. Die Ermittlungen gegen den mutmaßlichen Doppelmörder dauern an. Der schweigt.

Sven Mutschischk, Leiter der Soko "Schlaatz" bei der Kriminalpolizei der Polizeidirektion West (l) und Michael Scharf, Stabsleiter der Polizeidirektion West, äußern sich auf einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz zum Mordfall Elias

Sven Mutschischk, Leiter der Soko "Schlaatz" bei der Kriminalpolizei der Polizeidirektion West (l) und Michael Scharf, Stabsleiter der Polizeidirektion West, äußern sich auf einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz zum Mordfall Elias

Foto: Nestor Bachmann / dpa

Auch mit der Gewissheit des Todes des sechsjährigen Elias bleiben zahlreiche Fragen weiter offen. Wie kam das Kind zu Tode und warum? Sexuelle Motive sollen bei der Tötung eine Rolle gespielt haben, erklärte der Leitende Oberstaatsanwalt Heinrich Junker am Sonntagnachmittag, ohne jedoch konkreter zu werden.

Grund für die knappe Formulierung ist in erster Linie das seit Donnerstag anhaltende Schweigen des mutmaßlichen Täters Silvio S., der in Vernehmungen zwar konkret beschrieben hat, wie er den sechsjährigen Mohamed getötet hat, sich aber zum Fall Elias seither nicht geäußert hat.

Den Beamten der Berliner Kriminalpolizei hatte der 32 Jahre alte Wachmann lediglich gestanden, auch Elias getötet zu haben. Zudem lieferte er den Ermittlern eine Skizze, die es der Polizei ermöglichte, die in 40 bis 50 Zentimetern Tiefe in einem Paket verscharrte Leiche des Jungen in einer Laubenkolonie relativ schnell zu finden. Seit dieser Vernehmung mache der 32-Jährige keinerlei Aussagen mehr, so die Staatsanwaltschaft Potsdam.

Auf dem Gartengrundstück ist nichts mehr zu finden

Die Behörde werde in dieser Woche nicht nur einen erweiterten Haftbefehl gegen Silvio S. wegen des dringenden Tatverdachts des Mordes an Elias beantragen. Auch die Ermittlungen zum Mordfall Mohamed aus Berlin würden übernommen, stellte Oberstaatsanwalt Heinrich Junker klar.

Wann der mutmaßliche Doppelmörder, der sich noch in Moabit in Untersuchungshaft befindet, nach Brandenburg überstellt wird, ist offen. Die im Juli für die Vermisstensuche gegründete Sonderkommission Schlaatz wird aufgelöst.

Auch die Suche nach etwaigen weiteren Opfern des Sexualverbrechers auf dessen Gartengrundstück oder nach Beweismitteln wurde am Sonntag beendet. Ein Bagger hatte das Grundstück in Luckenwalde komplett umgegraben. „Es kann ausgeschlossen werden, dass dort noch etwas zu finden ist“, sagte Polizeisprecher Heiko Schmidt.

Auch Leichenspürhunde waren im Einsatz, ohne Ergebnis. Die Gartenkolonie sollte nach Polizeiangaben noch am Sonntag wieder für alle Nutzer freigegeben werden.

Ermittler in engem Kontakt zur Soko im Fall Inga

Die Ermittlungen konzentriert die Polizei nun auf die Auswertung der sichergestellten Beweismittel, etwa aus der Wohnung des Tatverdächtigen in Kaltenborn. Dort und in einer von dem 32-Jährigen genutzten Werkstatt seien unter anderem Computer beschlagnahmt worden.

Zudem würden im Zuge der Ermittlungen auch mögliche Zusammenhänge mit anderen Vermisstenfällen geprüft. Die Ermittler stehen in engem Kontakt mit dem Bundeskriminalamt und der Soko Wald, die seit sechs Monaten ergebnislos nach Inga aus Sachsen-Anhalt sucht. Es konnten aber keine Anzeichen für eine Verbindung zu diesem Fall festgestellt werden.

Vergebliche Ermittlungen und Suchmaßnahmen

Mehr als drei Monate der Suche nach Elias blieben vergeblich. Die Mutter des Jungen wurde am Sonntag im Beisein eines Seelsorgers von der Identifizierung ihres Kindes verständigt, berichtete Soko-Schlaatz-Leiter Sven Mutschischk.

Der Kriminaldirektor bedankte sich am Sonntag ausdrücklich bei allen freiwilligen Helfern für ihre Unterstützung bei der seit Juli währenden Suche nach dem Jungen.

Die märkische Polizei hatte den Fall mit einer großen Anzahl von Polizeibeamten zu Land, zu Wasser und in der Luft nicht klären können. Trotz 1300 Hinweisen aus der Bevölkerung, der Sichtung von rund 300 Stunden Videomaterial und etwa 1000 Fotos hatten sich keine Anhaltspunkte ergeben, die zu dem am Donnerstag festgenommenen Tatverdächtigen geführt hätten, betonte der Stabsleiter der Polizeidirektion West, Michael Scharf.

Silvio S.’ Eltern merkten nicht, das Mohamed in ihrem Haus starb

Nach den grausamen Verbrechen an zwei kleinen Jungen fragen sich in der Region viele Menschen, was den 32-jährigen Silvio S. dazu bringen konnte. Die Angehörigen des mutmaßlichen Sexualmörders aus dem kleinen brandenburgischen Dorf Kaltenborn westlich von Jüterbog (Teltow-Fläming) bilden da keine Ausnahme. Das zeigen Aussagen der Eltern, die am Wochenende von der Zeitung „BZ“ veröffentlicht worden sind.

Der 70-jährige Dieter S., Rentner und ehemaliger Schäfe r, sagte, dass die Angabe der Polizei, in Silvios Auto liege ein totes Kind, ihn und seine Frau Astrid in einen Schockzustand versetzt habe. Seit diesem Moment seien sie beide mit den Nerven am Ende und hätten viel geweint. Silvio habe gut mit Kindern umgehen können und sei von ihnen gemocht worden. Ihr Sohn habe sich auch immer sehr um seine Nichten und Neffen gekümmert und ihnen zu Geburtstagen Geschenke gekauft.

Dass Mohamed im Obergeschoss des elterlichen Hauses umgebracht wurde, hätten sie nicht bemerkt. Ihr Sohn hatte seine Wohnstube im ersten Stock gehabt, im Dachboden darüber zwei weitere Zimmer, so der Vater. Nach seinen Nachtschichten als Wachmann hätten die Eltern Silvio S. regelmäßig beim Frühstück gesehen, danach habe sich der 32-Jährige immer schlafen gelegt, bevor er dann nach dem Abendessen zur Arbeit fuhr.

Eltern informierten die Polizei

Silvios 52-jährige Mutter Astrid S. hatte die Polizei informiert, nachdem sie und ihr Mann ihren Sohn auf einem Fahndungsfoto erkannt hatten. Danach hatten die Eltern Silvio S. dazu befragt, doch der habe anfangs nicht geantwortet.

Auch als Astrid S. ihm dann am nächsten Morgen, Donnerstagfrüh vergangener Woche, erklärte, sie werde die Polizei einschalten, hätte er nicht versucht, sie davon abzuhalten. Als die 52-Jährige zum Telefonhörer griff, sei Silvio sofort aus dem Haus gestürmt. Auf die Frage, wo er hinwolle, habe er geantwortet: „Ein Beweismittel holen.“

Als der 32-Jährige später mit seinem weißen Dacia Lodgy zurückkehrte, hatte er den toten Mohamed im Kofferraum des Wagens, in einer Plastikwanne liegend und mit Katzenstreu bedeckt, um den Geruch des Leichnams zu binden.

Am darauffolgenden Tag soll Astrid S. auf die Frage eines Reporters, wie es ihr gehe, gesagt haben: „Ich bin doch schon so gut wie tot.“ Noch an dem gleichen Tag entdeckte die Polizei in Luckenwalde auf dem Gelände der von Silvio S. gepachteten Gartenlaube eine Kinderleiche. 48 Stunden später, am Sonntag, stand fest, dass es sich um die sterblichen Überreste des kleinen Elias aus Potsdam handelt.