Flüchtlinge

Neue Gewalt-Videos vom Lageso – Sicherheitsfirma schweigt

Wieder wird Gewalt des Wachpersonals gegenüber Flüchtlingen dokumentiert. Die Firma Gegenbauer ist in der Verantwortung – und schweigt.

Die Männer von Spysec sind an ihren roten Jacken zu erkennen

Die Männer von Spysec sind an ihren roten Jacken zu erkennen

Foto: Michael Kappeler / dpa

Die Nachrichten um Gewaltvorfälle am Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) reißen nicht ab. Zwei neue Videos sind aufgetaucht, die von der „B.Z.“ veröffentlicht wurden. Darauf zu sehen sind Mitarbeiter einer Wachschutzfirma, die Flüchtlinge an der Registrierungsstelle in Moabit misshandeln. In einem Fall auf besonders demütigende Art und Weise: Ein Mann steht ohne Schuh auf einem Bein, wird von vier Sicherheitsmännern festgehalten, dann gepackt, nach draußen geschleift und geschlagen.

Das andere Handyvideo dokumentiert einen bereits in der Vorwoche bekannt gewordenen Fall aus einer anderen Perspektive: Auch hier wird ein Flüchtling niedergeschlagen, der Mann blutet stark. Zuvor gab es eine Diskussion mit den Sicherheitsmännern, von denen in der Folge die Übergriffe ausgingen.

Die verantwortliche Sicherheitsfirma Spysec hat zwei der Beteiligten aus dem ersten Video suspendiert. Bereits in der Vorwoche wurden drei Angestellte freigestellt. Die Frage, warum die Männer derartig die Beherrschung verloren, beantwortet die Firma nicht. Geschäftsführer Ümüt Kurt verwies gegenüber der Berliner Morgenpost auf einen internen Ermittlungsbericht, der dem Lageso übergeben wurde. Die Ergebnisse liegen noch nicht vor. Fest steht: Zwei Angestellte stehen am 19. November wegen Körperverletzung vor Gericht.

Forderung: Keine Spysec mehr am Lageso

Mehrere Abgeordnete fordern, dass die Spysec nicht mehr tätig sein darf. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass alle Mitarbeiter die nötigen Kurse belegt und ein polizeiliches Führungszeugnis nachgewiesen haben“, sagt Hakan Tas (Linke). Die Sicherheitsfirmen müssten in Zukunft besser überprüft werden.

Der Auftrag für die Sicherheit am Lageso wurde einst vom Landesunternehmen Berliner Immobilienmanagement (BIM) ausgeschrieben. Er ging an die Firma Gegenbauer, die wiederum Spysec als Sub-Unternehmen mit ins Boot holte. Die Gegenbauer-Männer in ihren blauen Jacken werden derzeit vornehmlich am Essenszelt eingesetzt, die Spysec-Leute in Rot an der Warteschlange.

Laut BIM ist Gegenbauer für die Prüfung der Qualifikation der Spysec-Beschäftigten verantwortlich. Doch von dem Unternehmen, mit rund 6500 Mitarbeitern in Berlin zehntgrößter Arbeitgeber, ist keine Stellungnahme zu erhalten. Der Sprecher sei krank, hieß es am Dienstag. Aus Kreisen der Initiative „Moabit hilft“ ist zu vernehmen, dass die Verantwortlichen von Gegenbauer bei den regelmäßigen Treffen der Akteure am Lageso „aggressiv“ auf Kritik reagieren.

Zertifizierung ist keine Garantie

Der Senat hätte schon früher etwas bemerken können. Im September teilte die Sozialverwaltung auf eine Piraten-Anfrage mit, dass zwei Spysec-Mitarbeiter wegen „eines nicht adäquaten persönliches Verhaltens“ beziehungsweise „wiederholten Bedrohungen“ vom Dienst suspendiert wurden. Die Verwaltung verwies weiter auf die Zertifizierung der Firma.

Für die sogenannte Norm „DIN EN ISO 9001“ müssen laut der Deutschen Akkreditierungsstelle auch Schulungen nachgewiesen werden. Allerdings nur bei der Ersterteilung, danach wird die Zertifizierungsstelle nur tätig, wenn eine Beschwerde vorliegt – was bei Spysec nicht der Fall ist.

Die Firma will ihre Mitarbeiter im November zu weiteren Deeskalationstrainings schicken. „Wenn Geflüchtete Sicherheit vor dem Sicherheitsdienst brauchen, ist’s zu spät! Da hilft kein Training mehr!“, kommentierte der Abgeordnete Fabio Reinhardt (Piraten) auf Twitter. Die Mitarbeiter selbst scheinen die Gewalt gegen Flüchtlinge eher locker zu nehmen. Einer, der am Dienstag am Lageso im Einsatz war, sagte: „In einer Woche ist doch eh alles vergessen.“