Flughafen Tempelhof

"Haus im Haus" für Flüchtlinge am Flughafen Tempelhof

Im Flughafen Tempelhof richtet der Senat eine neue Unterkunft für Flüchtlinge ein. Am Lageso geht die Debatte um Gewalt weiter.

Soldaten der Bundeswehr haben erfolgreich ein Stockbett zusammengeschraubt. Sechs davon kommen im Hangar 1 jeweils in ein Zelt

Soldaten der Bundeswehr haben erfolgreich ein Stockbett zusammengeschraubt. Sechs davon kommen im Hangar 1 jeweils in ein Zelt

Foto: Jörg Krauthöfer

Man sieht, dass die Männer ihr Handwerk beherrschen: Mit sicheren Griffen bauen die Soldaten der Bundeswehr ein Zelt nach dem anderen auf, 73 an der Zahl. Die Zelte wurden aus der Schmidt-Knobelsdorf-Kaserne in Spandau angeliefert, wo sie nicht mehr benötigt werden. Daneben schrauben Kameraden Stockbetten von Ikea zusammen. Sechs davon in ein Zelt, blaue Schaumgummimatratzen obendrauf – fertig ist die Flüchtlingsunterkunft.

„Haus-in-Haus-Lösung“ nennt der Senat das: Rund 500 Flüchtlinge sollen die Zelte im Hangar 1 des Flughafens Tempelhof künftig bewohnen, später dann 1000. Wann genau die ersten Bewohner eintreffen, konnte die Sozialverwaltung am Sonnabend nicht mitteilen. Ebenso wenig, wann Duschcontainer zur Verfügung stehen – diese sind im gesamten Land derzeit Mangelware. Immerhin: Für Essen und medizinische Versorgung ist bereits gesorgt. Und duschen sollen die Flüchtlinge übergangsweise im angrenzenden Columbiabad.

Die 1000 Plätze in Tempelhof wirken wie ein Tropfen auf dem heißen Stein: Mit ebendieser Zahl an Flüchtlingen rechnet der Senat eventuell schon an diesem Wochenende wegen der angespannten Lage in Bayern und Österreich. Schon jetzt sind alle 90 Unterkünfte komplett ausgelastet.

Und damit nicht genug: Am Freitagabend erreichten 130 Flüchtlinge aus Bayern unangekündigt das Übergangswohnheim in der Spandauer Motardstraße – und mussten wegen Überfüllung abgewiesen werden. Beim anschließenden Transport in eine Ausweichunterkunft kam es zum Chaos, da die Menschen alle gleichzeitig in den Bus steigen wollten. Die Polizei musste hinzugezogen werden.

Videos dokumentieren Übergriffe des Wachpersonals

In Berlin war man auf die Ankunft der überwiegend aus Syrien stammenden Flüchtlinge nicht vorbereitet. Für Sozialsenator Mario Czaja (CDU) liegt der Fehler bei den bayerischen Behörden. Diese würden die Flüchtlinge zur Unzeit nach Berlin weiterschicken, anstatt sie wenigstens eine Nacht bei sich bleiben zu lassen. Er habe dieses Vorgehen in den Telefonkonferenzen der Bundesminister schon mehrfach kritisiert, so Czaja – offenbar ohne Erfolg.

Auch die Zustände am Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) sorgen weiter für Kritik. Am Sonnabend wurde dieser Zeitung ein Video zugespielt. Herbert, ein Mitglied der Initiative „Moabit hilft“, filmte Anfang der Woche mit seinem Handy eine Auseinandersetzung: Sicherheitsmänner brüllen einen Flüchtling an, die Stimmung ist aggressiv.

Angriff auf Mitglied von "Moabit hilft" vor Lageso

Als einer der Männer Herbert und sein Handy sieht, wird es ungemütlich. „Mach die scheiß Kamera aus“, ruft er und stürmt auf Herbert zu. Auf der Videoaufnahme wird es dunkel. Was danach passiert, schildert Herbert so: „Er hat mich am Arm gepackt und wollte mir das Handy wegnehmen. Zum Glück kam in diesem Moment die Polizei vorbei.“

Solche Vorfälle sind Alltag am Lageso. Sicherheitsleute, die Flüchtlinge oder Helfer anschreien, bedrängen und handgreiflich werden. Am Freitag tauchte ein anderes Video auf. Es zeigt, wie Mitglieder des Wachpersonals zwei Männer schlagen, die die Absperrung durchbrochen haben. Einer tritt sogar auf einen bereits am Boden liegenden Flüchtling ein. Von einem sehr „unschönen und bedauerlichen Ereignis“ spricht Regina Kneiding, Sprecherin der Sozialverwaltung des Senats. Noch sei unklar, welche Konsequenzen aus dem Vorfall gezogen würden.

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Sicher ist: Die Sicherheitsfirma Spysec hat die drei Mitarbeiter auf dem Video suspendiert. Zurück bleiben ein Flüchtling mit Gesichtsverletzungen und ein Security mit Muskelfaserriss im Bein.

Die Bedingungen am Lageso sind extrem, für die Beteiligten auf beiden Seiten. Eine pauschale Verurteilung fällt schwer. Für „Moabit hilft“ ist klar, dass das Wachpersonal fehlbesetzt ist. Die Initiative spricht von reiner Willkür, manche Flüchtlinge würden wegen Religion und Herkunft benachteiligt, wie Vieh über das Gelände getrieben. „Die Sicherheitsleute sind die Exekutive des Lageso“, sagt eine Sprecherin, hätten aber nicht die Qualifikation.

Sicherheitsfirma kritisiert: „Wir sind immer die Bösen“

Tatsächlich müssen die jungen Männer mehr leisten als Sicherheit: Sie sollen übersetzen, Informationsgeber sein, bis zu zwölf Stunden am Tag. Sie sind oft die ersten Ansprechpartner für die Flüchtlinge, wenn diese in Berlin ankommen. Viele haben einen Migrationshintergrund, „doch das bedeutet nicht, dass sie interkulturelle Kompetenz haben“, sagt Hakan Tas von den Berliner Linken.

Für den Abgeordneten ist eindeutig: Das Lageso bedient sich billiger Arbeitskräfte, um selbst keine Dolmetscher einstellen zu müssen. „Die Verantwortung wird an externe Firmen abgeschoben.“ Tas bezweifelt auch, dass die Firmen ihre Mitarbeiter wie vereinbart ausreichend schulen.

Die von der Firma Gegenbauer beauftragte Spysec weist diese Vorwürfe zurück. Die Männer würden zweimal im Jahr an Deeskalationstrainings teilnehmen, viele hätten jahrelange Erfahrung, sagt ein Sprecher. Er könne auch verstehen, dass seine Mitarbeiter – wie im Fall von Herbert – allergisch auf Handyaufnahmen reagierten. „Sie haben Angst, erkannt zu werden, manche trauen sich mit ihrer Familie nicht mehr auf die Straße. Die Securities sind immer die Bösen.“