Flüchtlinge

Refat und Abed – die Geschichte einer Odyssee

Refat und sein Sohn Abed haben es geschafft – nach Brandenburg. Jetzt wollen sie zurück nach Berlin und ihre Familie wieder vereinen.

Nach einer Odyssee - auch durch einige Flüchtlingseinrichtungen - sind die beiden Syrer Abed und Refat (r.) schließlich in Schwedt angekommen

Nach einer Odyssee - auch durch einige Flüchtlingseinrichtungen - sind die beiden Syrer Abed und Refat (r.) schließlich in Schwedt angekommen

Foto: Lorenz Vossen / BM

Abed war einkaufen. Brot, Aufschnitt, aber vor allem: Spaghetti. Die kannte er vorher nicht. „Ich liebe deutsches Essen“, sagt er. Dass Spaghetti eigentlich aus Italien kommen – geschenkt. Abed hat wieder Freude am Essen, und das ist die gute Nachricht.

In Schwedt im Nordosten Brandenburgs sehen Straßen und Häuser alle gleich saniert, gleich langweilig aus. Abwanderung und Arbeitslosigkeit sind ein Problem, auch wegen Fremdenfeindlichkeit stand Schwedt schon in der Zeitung. Jetzt leben hier rund 200 Flüchtlinge in einer ehemaligen Grundschule. Nachdem Abed, 17, und sein Vater Refat, 54, wochenlang von einem Lager ins nächste geschickt wurden, dürfen sie hier endlich zur Ruhe kommen. Endlich ein eigenes Zimmer mit richtigen Betten, Schränken, einem Tisch. Endlich selbst kochen dürfen und nicht auf Helfer angewiesen sein, die faden Eintopf unter freiem Himmel verteilen. Ein neues bisschen Freiheit. „Uns geht es gut hier“, sagt Abed.

Und trotzdem wollen er und sein Vater wieder zurück. Zurück nach Berlin.

Nach 23 Tagen endlich an der Reihe

An einem Tag im August fallen Nicola Wolter am U-Bahnhof Berliner Straße zwei Männer auf. Sie sehen verloren aus. Wolter muss nur eine Frage stellen: Lageso? Wolter will helfen, sie hat ein Helfersyndrom, wie sie sagt, aber auch die nötige Empathie. Als Jugendliche ging die 38-Jährige selbst von Zuhause weg und fand Zuflucht bei einer fremden Familie.

Mehr als 100 Stunden verbringt sie mit Abed und Refat in der Schlange vor der Berliner Registrierungsstelle. Einmal ruft Abed an, vollkommen aufgelöst. Ein Sicherheitsmann hat ihn gewürgt, weil er mit seiner Handykamera gefilmt hat. Nach 23 Tagen sind sie endlich an der Reihe. Unterbringung in der Zeltstadt Spandau. Wieder ruft Abed an: „Hier ist es viel zu kalt. Wir frieren.“

Wolter nimmt Abed und Refat bei sich auf. Die beiden wachsen ihr ans Herz. Weil sie bescheiden sind, immer freundlich. Als Wolter sie auffordert, sich mit Spendensachen einzudecken, wählt Refat nur ein Paar Schuhe. „Ich musste sie zwingen, mehr zu nehmen“, sagt Wolter. Die Berlinerin versucht alles, damit Vater und Sohn in Berlin bleiben können. Sie verschafft Abed einen Praktikumsplatz in einer Sprachschule, in der Warteschlange am Lageso lernt er fleißig Vokabeln.

Machtlos gegen den Königsteiner Schlüssel

Doch gegen den Königsteiner Schlüssel sind sie machtlos. Abed und Refat müssen nach Eisenhüttenstadt, Brandenburg. Sie wären lieber nach Schönefeld gegangen, dort ist Basel, Abeds Bruder, untergebracht, der einen Monat vor ihnen in Berlin ankam. Es klappt nicht. Im Chaos dieser Wochen ist kein Platz für Extrawünsche.

Das Auffanglager in Eisenhüttenstadt hat keinen guten Ruf: überfüllte Zelte, Handgreiflichkeiten. Abed will darüber nicht viel reden, er ist schmal geworden in dieser Zeit. Immerhin: Irgendwann werden sie nach Schwedt verlegt. Schwedt ist nicht Berlin. Aber sie wollen sich nicht beschweren.

Heute ist Nicola da. Nicht ohne Stolz führt Abed sie durch die Unterkunft. Dass jemand Besuch bekommt, ist selten. Es ist ein sonniger Tag, Refat und Abed steuern eine Bank im Hof an. Dahinter liegt ein Park mit Spielplatz. Am Grün der Pflanzen können sich die beiden nicht sattsehen.

Das Haus in Homs ist zerstört

In Syrien hatten sie ein gutes Leben. Refat war Maler in Homs und hatte sein Erspartes in einen Marktplatz investiert. Als der Krieg ausbrach, war es einer der ersten Orte in der Stadt, die zerstört wurden. Die Familie floh, erst nach Damaskus, dann in den Libanon. Abeds Mutter und Schwester sind bis heute dort. Sie telefonieren täglich. Als erster ging Basel, er landete in Berlin, es sei okay dort, schrieb er, sie sollten nachkommen.

Abed und Refat stiegen in der Türkei mit 50 anderen in ein Schlauchboot, mehrmals ging der Motor auf offener See aus. Ab Griechenland dann weiter mit dem Lastwagen. Drei Tage und Nächte durfte niemand das Fahrzeug verlassen. Nicht mal, um auf Toilette zu gehen. „Klar, das war schlimm“, sagt Abed und lächelt gequält. Vor kurzem schickte ihm ein Freund das Foto ihres Hauses in Homs. Es wurde völlig zerstört.

Und jetzt: Ruhe. Aber auch: Langeweile. Ungewissheit. Der Rest der Familie soll so schnell wie möglich nachkommen. Auch deshalb möchten sie ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen. Sie haben Angst, dass Assad-Getreue in der Heimat von der Flucht-Absicht Wind bekommen. Damit die Familienzusammenführung klappt, müssen erst ihre Asylanträge genehmigt werden. Und noch schwieriger: Mutter und Schwester müssen in der deutschen Botschaft in Beirut vorsprechen. Ihr Termin: Oktober 2016. Für Menschen, die lange nur von Tag zu Tag denken konnten, klingt das unfassbar weit weg.

Unterstützung für die Frauen

Erst mit Asylstatus dürfen Abed und Refat auch versuchen, nach Berlin zu ziehen. „Es ist eine große Stadt, ich will dort zur Schule gehen. Außerdem ist Nicola dort“, sagt Abed. Auch Refat glaubt, dass er, wenn überhaupt, nur in Berlin Arbeit finden kann. Doch in der überlaufenen Hauptstadt eine geeignete Wohnung zu finden, ist schon für Deutsche schwer genug. Man brauche viel Glück und am besten Unterstützung von Experten vor Ort, heißt es beim Berliner Flüchtlingsrat. Immerhin ist jetzt auch Basel in Schwedt. Eine Tante und eine Cousine versuchen indes, in Südhessen Fuß zu fassen.

Abed und Refat sind sparsam. Von den 650 Euro Unterstützung schicken sie 400 Euro zu ihren Frauen im Libanon. Einmal täglich nehmen sie am Deutschunterricht teil. Abed redet oft von der Schule, zwei Jahre hat er durch den Krieg schon verpasst. Viele Seiten in seinem Vokabelheft haben sich gefüllt, auf der letzten steht ein Lebenslauf. Unter dem Punkt Ziele heißt es: „Zu meinem alten Leben zurückkehren, zu meinen Freunden und Hobbys.“ Doch Syrien ist weit weg, „vielleicht können wir nie mehr dort hin“, sagt Abed.

Neulich hat Abed seiner Mutter wieder ein Foto geschickt. Eine deutsche Tütensuppe, „mit viel leckerem Gemüse“, wie die Verpackung verspricht. Abed möchte, dass seine Mutter diese Suppe kocht, wenn sie sich das nächste Mal wiedersehen.