Geburtstag

Senator und Ideengeber – Volker Hassemer wird 70 Jahre alt

Er legte wichtige Fundamente und begründete den weltoffenen Ruf Berlins: Mal als Senator, mal als Werber und jetzt als Ideengeber. Volker Hassemer wird heute 70 Jahre alt.

Foto: M. Lengemann

Verräterisch ist nur noch sein Dialekt. Das Pfälzische, das auch Volker Hassemer als „Rucksack-Berliner“ ausweist. In Metz geboren und im kurpfälzischen Bingen aufgewachsen, hat Berlin seit mehr als 40 Jahren sein Leben geprägt und er der Stadt einen Stempel aufgedrückt – den als experimentierfreudiger, kulturoffener und zukunftsgläubiger Metropole.

Mal als Senator, mal als Werber und jetzt als Ideengeber. Immer vom Nimbus des intellektuellen Querdenkers begleitet, ist sein Name zum Synonym für ein Berlin geworden, das Klischees über unsere Stadt Lügen straft. Heute wird Volker Hassemer 70 Jahre alt.

Auch er hat klein angefangen. Nach Jurastudium und Promotion 1973 im Rechtsamt von Wedding, dann größer als Direktor im Berliner Umweltbundesamt von 1974 bis 1981. Aus dem holt ihn der erste Regierende Bürgermeister der CDU, Richard von Weizsäcker, und macht ihn zum Stadtentwicklungs- und Umweltsenator seines Minderheitensenats.

Der spätere Bundespräsident war auf den jungen Mann wegen Aktivitäten aufmerksam geworden, die man dem heute auf Ausgleich, Dialog und Toleranz bedachten Jubilar gar nicht zugetraut hätte: Mit ein paar gleichgesinnten, reformsüchtigen CDU-Freunden hat er den Wilmersdorfer Kreisverband aufgemischt und die Vorstands-Altherrenriege abgelöst. Das gefällt Weizsäcker, weil auch er mit einer jungen, neuen Mannschaft frischen Wind in die nach Jahrzehnten der SPD-Herrschaft erschlaffte und verfilzte Stadt bringen will.

Neue Maßstäbe als Senator in Berlin gesetzt

In der neu geschaffenen Verwaltung für Stadtentwicklung samt Umweltschutz setzt Hassemer als Senator sogleich neue Maßstäbe. Er definiert erstmals politische Leitlinien für die Stadtentwicklung und kombiniert diese mit Vorgaben für umweltfreundliches Handeln. Zudem wird er zum Förderer der heute selbstverständlich gewordenen „Public Private Partnership“-Projekte, also gemeinsamen Investitionen von öffentlicher Hand und Privaten.

Doch Hassemers Drang und Elan, Berlin neu zu gestalten, wird nach nur zwei Jahren gebrochen. Bei der Bildung der Mehrheitskoalition aus CDU und FDP beharren die Liberalen 1983 auf Übernahme seines Ressorts. Weizsäcker entschädigt ihn mit der Kulturverwaltung. Heute kaum noch vorstellbar, aber wahr: Volker Hassemer wollte kein Kultursenator werden. „Wir hatten so viele gebackene Brote im Ofen, die keiner mehr rausgeholt hat“, erinnert sich ein langjähriger Mitarbeiter und Vertrauter an damals vertane Chancen.

Doch zu klagen, gar zu resignieren, gehört nicht zu Hassemers Charakterzügen. Er fügt sich, zieht aber eine Lehre aus dieser Erfahrung. So sei eben Politik, besänftigt er seine Freunde, die sich über seine „Abschiebung“ zum Kultursenator empören. Man müsse sich ihren Regeln unterwerfen. Wer nicht mehr mitspielen wolle, müsse ausscheiden. Das will er noch lange nicht und spielt als Kultursenator sogleich so mutig auf, als sei er nie etwas anderes gewesen. Obwohl er schnell feststellen muss, dass die Tricksereien, Kungeleien und Egoismen in der Kulturszene alles in den Schatten stellen, was er zuvor in der Bau- und Architektenbranche erfahren hat.

In diese Zeit fällt die 750-Jahr-Feier Berlins (1987) und Berlin als Kulturstadt Europas (1988). Mit kühnen, stärker an der Moderne denn am Herkömmlichen orientierten Programmen sorgt er für Aufsehen und rückt Berlin in die Schlagzeilen der Feuilletons. Übrig geblieben aus dieser Zeit sind Teile des Skulpturenboulevards mit dem einbetonierten Cadillac am Rathenauplatz und den verschlungenen, aber unverbundenen Rohren am Tauentzien, „Berlin“ betitelt und die damals geteilte Stadt symbolisierend.

Stadtentwicklung unter seiner Regie

Der Senator heimst viel intellektuelles Lob ein, für viele Konservative dagegen ist er der „durchgeknallte Senator“. Auch in der eigenen Partei wird er zunehmend umstritten. Als er Anfang 1989 bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus als Direktkandidat in Grunewald antritt, werden ihm Plakate mit der Aufschrift „Wir müssen nicht immer CDU wählen, Herr Senator“ entgegengehalten. Die rechtsextremistischen Republikaner erringen in seinem Wahlkreis ihren höchsten Erststimmenanteil.

Die CDU, die progressiv als moderne Großstadtpartei punkten will, verliert die Macht an Walter Momper und Rot-Grün, weil ihre angestammte Klientel sie für überdreht und sich selbst für vernachlässigt hält. Im zweiten CDU-Senat unter Eberhard Diepgen ab 1991 schreibt Hassemer sein Lebensthema Berlin fort. Jetzt wieder als Chef der Stadtentwicklungs- und Umweltbehörde angesichts der einmaligen Herausforderung, die wiedervereinigte Stadt zusammenzufügen.

Unter seiner Regie werden die großen städtebaulichen Wettbewerbe am Potsdamer Platz, Spreebogen und Alexanderplatz entschieden. Doch die sind nur die Spitze massenhafter Entscheidungen, die seit dem Mauerfall in seinen Verantwortungsbereich fallen. Hassemer weiß, dass seine Verwaltung allein damit überfordert ist. Er richtet das Stadtforum Berlin ein. Ein runder Tisch, der alle 14 Tage tagte und um den sich 70 bis 80 kluge Berliner Köpfe jenseits von Politik und Verwaltung versammelten, um das neue Berlin zu planen.

„Er wollte die ganze Hirnmasse der Stadt angesichts der einmaligen Herausforderung an diesem Tisch versammeln. Umgekehrt musste, wer was wollte, dabei sein“, erinnert sich Hassemers Weggefährte. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, Hassemer hätte in dieser Zeit das Fundament für die wiedererstehende Metropole Berlin gelegt. Und diesmal nimmt er alle Berliner mit. Unvergessen ist seine rote Infobox am Potsdamer Platz. Eigentlich will er mit ihr nur um Verständnis für die Behinderungen an Europas damals größter Baustelle werben, doch dann wird der dreistöckige Container zur Attraktion.

Ein Netzwerker: er wirbt für Berlin

Aber er wird auch ausgebremst. Mit seinen immer neuen Ideen, seinem Tatendrang bis hin zur Wuseligkeit und seinem intellektuellen Habitus findet er in der eigenen Partei nicht nur Freunde. Zudem bleibt sein Traum unerfüllt, den Wiederaufbau Berlins durch ein Stück spektakulärer Architektur, etwa vergleichbar dem Centre Pompidou in Paris, zu krönen.

Die seit Längerem gereifte Einsicht, Politik sei ein Geschäft nur für eine gewisse Zeit, setzt er 1996 in die Tat um. Als Gründer und Chef von Partner für Berlin, getragen von Senat und einigen Berliner Großunternehmen, übernimmt er das Hauptstadt-Marketing. Beim Werben für die Stadt, Organisieren von Veranstaltungen, Entwickeln von Kommunikationskampagnen und Künden von der großen Zukunft, die vor dieser Stadt liegt, kommt sein ganzes Talent zum Tragen: klug, sprach- und redegewandt, vor immer neuen Ideen sprudelnd, ein Netzwerker von höchsten Graden.

Auch aus dieser Zeit Vermächtnisse, die von seinem Tun künden: Lange Nacht der Museen, Berliner Rede der Bundespräsidenten, die der derzeitige leider nicht fortsetzt, oder die aus der Infobox fortentwickelte Schaustelle Berlin. Einem unruhig-kreativen Geist gleich, gibt er nach sechs Jahren seinen Job bei PfB auf, verspricht aber sogleich: „Berlin wird mich nicht los.“

Aktive Teilnahme und Teilhabe als Erfolgsrezept

Aus einer anderen Erfahrung und Einsicht, nämlich dass die Bürger die Politik nicht allein den Politikern überlassen dürfen, entwickelt Hassemer sein vorerst letztes Projekt: Mit dem Mäzen Dieter Rosenkranz gründet und leitet er die Stiftung Zukunft Berlin. In ihr bündelt sich all das, was der nun Siebzigjährige in seiner bisherigen Karriere gelernt, vermisst und auch selbst angestoßen hat. Mit dem großen Ziel, die Grenzen der Politik zu sprengen und Entscheidungen für die Stadt durch die Beteiligung von Experten und Bürgern zu verbessern.

Denn, so ist Hassemer überzeugt, allein die aktive Teilnahme und Teilhabe am Schicksal der Stadt bringen die noch reichlich ungenutzten Potenziale zum Tragen, die Berlin für eine gute Zukunft braucht. Die seit der Wende durch Zuzug neu gewachsene Bürgergesellschaft eröffne dafür eine große Chance.

So beredt und bisweilen auch anstrengend fordernd, so zurückhaltend wird er, wenn es um seine Person geht. Da ist er bescheiden und ziemlich schweigsam. Er hat drei erwachsene Kinder, lebt von seiner Frau getrennt, ist vor Jahren von Grunewald nach Prenzlauer Berg gezogen. Er wandert heute, an seinem 70., irgendwo in Österreichs Bergwelt. Vor zehn Jahren, an seinem 60., tourte er mit einem Freund noch durch Burma. Auch ein Quirl wie Volker Hassemer muss sich, da das achte Lebensjahrzehnt beginnt, etwas zurücknehmen.

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